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Ein neues Nachschlagewerk zum Jazz ist immer ein Grund zur Freude. Der Rough Guide Jazz liegt nun auf Deutsch in einer erweiterten, aktualisierten Neuauflage vor, Stand: Mitte 2004. Gegenüber der Erstauflage ist das Buch um 40 Seiten angewachsen, der Druck ist leichter lesbar, die Foto-Reproduktionen wurden verbessert, sogar der Stil geriet teilweise sachlicher und prägnanter.

Der ganze Jazz und seine Teile
Bücher für Veteranen und Manager
(2005)

Von Hans-Jürgen Schaal

Ein neues Nachschlagewerk zum Jazz ist aber auch immer Grund zur Mäkelei – vor allem für die ewigen Besserwisser. Leider finden sie beim „Rough Guide Jazz“ die Hauptschwächen der Erstauflage bestätigt: Die Einträge lesen sich im Biografischen häufig banal und im Musikalischen nichtssagend. Erneut legt das Lexikon ein unverhältnismäßig großes Gewicht auf die kompletten Sidemen von Ian Carr, auf Trad-Musiker jeder Couleur und auf britische Lokalgrößen. Die Einträge für – zum Beispiel – Tim Garland und Tina May sind doppelt so lang wie die für Red Garland und Diana Krall. Das Buch würdigt auch Basia, Pepi Lemer und Alison Rayner, verschweigt aber Paolo Fresu, Renaud Garcia-Fons, Jane Monheit, Dominique Pifarely, Jean-Michel Pilc, Ernst Reijseger, Kurt Rosenwinkel, Esbjörn Svensson, Mark Turner, Ken Vandermark, Bugge Wesseltoft und Dutzende anderer, die man hier erwarten sollte. Hatte es die deutsche Redaktion bei der Erstauflage mit der Ergänzung einheimischer Musiker zu gut gemeint, so kommt es diesmal umgekehrt zum Ausverkauf der deutschen Szene. Nicht nur Pioniere wie Horst Jankowski und Erwin Lehn mussten weichen, auch absolute Aktivposten wie Theo Jörgensmann, Rolf Kühn, Heinz Sauer, Steffen Schorn, Günter Sommer oder Markus Stockhausen. Zwar blieb Peter Kowald drin, doch den Herausgebern ist sein Ableben im Jahr 2002 offenbar entgangen. Der Rough Guide bleibt ein Jazz-Lexikon zweiter Wahl.

Vom Ganzen zum Besonderen: In seinen persönlichen Vorlieben bewährt sich der Jazzfan. 76 Jahre alt musste Paul Kuhn werden, ehe er sein Vorwort zur Bigband-Bibel schreiben durfte: Vier Jahrzehnte nach dem Original ist sie nun endlich auf Deutsch erschienen. Immerhin hat George T. Simon die „Goldene Ära der Bigbands“ 1981 noch einmal „aktualisiert“ und dabei sogar einen Satz auf den jugendlichen Nachwuchs wie Thad Jones (1923-1986) und Toshiko Akiyoshi (heute 75) verschwendet. Ansonsten: Prima Swing-Klatsch fürs Jazz-Veteranen-Kränzchen.

Da sollte sich ein Buch über die Geschichte des wichtigsten Modern-Jazz-Labels schon anders lesen. Der (zumindest im Deutschen) vorsichtige, etwas betuliche Stil macht „Blue Note. Die Biographie“ aber nicht gerade zum Reißer. Zeitweise manövriert das Buch nur noch virtuos zwischen Musikernamen, Plattensessions und Stücktiteln. Wer die Musik nicht längst schon kennt, fängt wenig damit an und sollte sich schnell eine 100-CD-Basisdiskothek zum Thema Blue Note anschaffen.

Weniger Unterstützung für die Plattenindustrie bietet Ashley Kahns „A Love Supreme“, denn da geht es nur um ein einziges Album. Aber im Ernst: Wie kann man über ein einziges Album 340 Seiten schreiben? Nein, man kann es nicht. Von der Entstehung der Platte handeln daher nur 50 Seiten im Mittelteil – und auch dort flüchtet der Autor ständig in Exkurse. So wächst sein Buch zur umfassenden Coltrane-Hommage an. Es erklärt das Woher und Wohin aller Beteiligten und zitiert so ziemlich jeden Satz, der je von ihnen oder über sie gesagt wurde.

Ein Stück „oral history“ bietet auch das gediegen-gemütliche „Jazz in Willisau“: jazzige Heimatgeschichte eines Schweizer Festivalorts, aufgewertet durch Daten, Zahlen und Zitate. Da alle Aspekte des Jazz-Veranstaltens irgendwie aufscheinen, wird das Persönlichste aber zum Modell: Willisau ist überall. Ziemlich unnachahmlich gerieten die Bilduntertitel: „Max Roach im Städtli“ oder „Sponsoren kommen und gehen“.

Wie ein Prisma funktioniert auch Mike Hennesseys Kenny-Clarke-Biografie „Erinnerungen an Klook“, im Original vor 15 Jahren erschienen. Revolutionär des Drumsets, Motor des Bebop, Vater des europäischen Jazz: Klooks Werdegang ist so einmalig wie lehrreich. Ein wärmendes, bleibendes Buch.

Zurück zum Ganzen oder besser zum Kern: Improvisieren ist das Herz, wenn nicht die Definition des Jazz. Die Darmstädter Chefdenker haben das Phänomen „improvisieren...“ von allen Seiten beleuchtet: seine Mythen und komischen Aporien, seine stilistischen und historischen Extreme, seine Parallelen in der bildenden Kunst. Am witzigsten liest sich Michael Rüsenbergs Ausflug in die Welt der Wirtschaftsbosse: Dort hält man Jazz-Improvisation neuerdings für ein Modell fürs Krisen-Management.

Zum Thema Improvisieren sei ausnahmsweise auch auf ein englischsprachiges Heft hingewiesen: „Jazz Improvisation“ vereinigt ganz subjektive Tipps von 16 großen Jazzlehrern. Auch der nicht musizierende Fan liest mit Genuss und Gewinn über Kenny Werners heiße Wanne, Lew Tabackins elfeinhalb Töne oder Hal Galpers Dugga-Dugga-Tricks.

Zum Schluss – quasi außer Konkurrenz – noch ein übersetzter Jazzroman: „Twelve Bar Blues“ verschränkt das Afrika von 1790 und das London von heute mit der Geschichte eines vergessenen Konkurrenten Louis Armstrongs. Der HipHopper und Spoken-Word-Künstler Patrick Neate erhielt für diesen raffinierten Schmöker den britischen Whitbread-Preis.

Buchhinweise
Ian Carr, Digby Fairweather und Brian Priestley: Rough Guide Jazz, 2. Auflage, J.B. Metzler, Stuttgart u. Weimar 2004. George T. Simon: Die Goldene Ära der Bigbands, Koch-Hannibal, Höfen 2004. Richard Cook: Blue Note. Die Biographie, Argon, Berlin 2004. Ashley Kahn: A Love Supreme. John Coltranes legendäres Album, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin 2004. Meinrad Buholzer: Jazz in Willisau. Wie Niklaus Troxler den Free Jazz nach Willisau brachte, Comenius Verlag, Luzern 2004. Mike Hennessey: Erinnerungen an Klook. Das Leben von Kenny Clarke, Koch-Hannibal, Höfen 2004. Wolfram Knauer (Hrsg.): improvisieren..., Wolke Verlag, Hofheim 2004. Jimi Durso & Karla Harby (Ed.): Jazz Improvisation: Advice From the Masters, Outcat Records, Long Beach, NY 2004. Patrick Neate: Twelve Bar Blues. Roman, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 2004.

© 2005, 2010 Hans-Jürgen Schaal


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