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Charlie Mariano & Dieter Ilg
Goodbye Pork Pie Hat
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

Ganz Europa hat diesen Sound geliebt, dieses Saxophon, die Leidenschaft darin, den aufbrausenden Schmerz, die Lavatränen, den Mariano’schen Tonfall. Über Jahrzehnte hinweg hat er uns begleitet, der unverkennbare Sound, in Jazz- und Rock- und Worldmusic-Bands, im kühlen Quintett von Shelly Manne und in der heißen Musik von Charles Mingus, bei Pork Pie und Embryo und im United Jazz & Rock Ensemble, in Eberhard Webers Colors, bei Rabih Abou-Khalil und Konstantin Wecker, mit dem Karnataka College und in zahllosen kleinen, intimen, ungeschützt persönlichen Besetzungen. Die kleinste, intimste war dieses Duo mit Dieter Ilg: nur Saxophon und Bass – zu privat beinahe, um an fremde Ohren zu gelangen, zu intensiv, um es einfach abzuhaken wie ein gewöhnliches Musikerlebnis. Fast ein Jahrzehnt lang waren sich Charlie Mariano und Dieter Ilg brüderliche Partner auf und neben der Bühne, bis zuletzt, bis zu Marianos Tod. „Später wird man das Duo legendär nennen“, schrieb ein Musikmagazin vor fünf Jahren. Später ist heute.

Was in dieser Musik geschieht, lässt sich mühelos verstehen und doch kaum in Worte fassen. Schon die ersten Töne von „Randy“ öffnen die Tür in einen Raum, den man als Hörer erst selten betreten hat: Jeder Ton hat dort Bedeutung und Eigenleben, jedes Atmen, jede Stille, jeder Nachhall. Scheinbar ohne Übergang bricht das Altsaxophon aus dem Meditativen ins Expressive, fast Wütende, steigt vulkanartig in „die hohen Himalaja-Gefilde“, wie Dieter Ilg es einmal formulierte. Die Duo-Konstellation mit Charlie Mariano empfand er stets als leicht und schwer zugleich: Leicht war es, mit Charlie musikalischen Sinn zu generieren, ohne Führungsrangelei, ohne Ablenkung; schwerer schon war es, als Bassist „in jeder Sekunde gefordert zu sein, Harmonie- und Rhythmusinstrument – also in etwa Piano und Schlagzeug – begleitend anzudeuten und mit vier Saiten dabei Kontrabass zu spielen. Alles zu füllen, was es zu füllen galt, alles nicht zu sagen, was nicht zu sagen war.“ Dieter Ilg spielt hier das Nötige, das Mögliche, das Richtige. Die Inspiration lässt nie nach, sanft und brennend.

Schön, dass dieses nun legendäre, nun historische Duo zuletzt noch einmal so eingefangen wurde – pur, vibrierend, vollkommen und mit der technischen Hingabe eines Klang-Enthusiasten. Als eine Art Nachspiel – Ausklang und Epitaph in jeder Hinsicht – gibt es „Goodbye Pork Pie Hat“ aus der Kapelle im Schloss Solitude bei Stuttgart, aus einem anderen Hallraum, einem Abschiedsraum. Charles Mingus schrieb dieses Stück – halb Blues, halb Ballade – als musikalischen Nachruf auf Lester Young, einen großen Saxophon-Helden zwischen Swing, Bop und Cool. Viele aus Charlie Marianos Generation sind ihr Leben lang bei Bop und Cool geblieben. Für Mariano jedoch war die Musik seiner jungen Jahre mehr: ein Sprungbrett in andere Klangwelten, nach Europa und Indien. Desto bewegender, wenn er hier zurückkehrt zur musikalischen Grabrede des Bassisten Mingus, in der essentiellen Reduktion auf Sax und Bass. Lester Young starb 1959, Charlie Mariano 2009. Wenn Charlie auf dem Saxophon von Lester erzählt, erzählt er die Geschichte aller großen Saxophonisten. Auch seine eigene.

© 2010, 2014 Hans-Jürgen Schaal


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