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Kürbis, Holz und die Haut von Rind und Antilope: Das sind die traditionellen Materialien für die westafrikanische Stegharfe. Schon im Mittelalter begleitete die Kora die Heldenlieder am Hofe afrikanischer Könige. Im modernen Senegal ist die königliche Harfe sogar in der Nationalhymne verewigt: „Pincez tous vos koras!“ Zupft eure Koras!

Kora
Die Harfe der Mali-Leute
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

Zu den legendären vergangenen Kulturen Afrikas gehörte das islamische Königreich Mali (ca. 1250-1400) am Fluss Niger. Es verdankte seinen Aufstieg dem erfolgreichen Handel mit Gold, Salz und Sklaven. Eine wichtige Funktion für die Identität und das Gedächtnis des Reichs besaßen damals die reisenden Barden oder Griots, genannt: Jali. Sie waren nicht nur Dichter, Sänger und Musiker, sondern durch ihre Lieder und Verse gleichzeitig auch Malis Historiker, Bibliothekare, Laudatoren und Ahnenforscher; ihre wertvolle Kunst wurde von Vater zu Sohn weitergegeben. Heute lebt das Volk der Malinké („Leute Malis“), auch Mandinka oder Mandingo genannt, verstreut über verschiedene westafrikanische Länder wie Gambia, Senegal, Mali, Guinea oder Burkina Faso. Aber noch immer wird die Kunst der Griots gepflegt, besonders von einer Hand voll inzwischen berühmter Musiker-Clans: Kouyate (Kuyateh), Diabaté (Jobarteh), Suso (Susso), Cissoko (Sissoko, Cissokho), Kante, Keita. Und ihr traditionelles Instrument ist nach wie vor die Kora, die westafrikanische Stegharfe.

Das Herz der Kora bildet eine Kalebasse, ein hohler Flaschenkürbis, der halbiert ist und auf der offenen Seite mit Kuhhaut überzogen: Dadurch wird die Kalebasse zum Resonanzkörper. Ein Mahagoni-Stock ragt aus ihr heraus: Er dient als Hals oder Steg zur Befestigung der Saiten, die an ihm mit Lederringen festgezurrt werden. 21 Saiten sind es in der Regel, 10 für die rechte, 11 für die linke Hand. Früher wurden sie aus Antilopenhaut gemacht, heute verwendet man dafür gewöhnlich Angelschnur aus Nylon. Vier verschiedene Saiten-Stimmungen sind üblich, alle nahezu diatonisch, also unserem Dur und Moll verwandt: sieben Töne pro Oktave. Gespielt wird die Kora im Sitzen – auf dem Boden oder einem Hocker. Der Musiker hat das Instrument auf seinen Oberschenkeln und hält die Kalebasse an zwei Holzgriffen. Dabei kann er mit dem einen Daumen eine Bassfigur spielen, mit dem anderen Arpeggio-Harmonien zupfen und mit den Zeigefingern improvisieren. Eine komplexe, polyphone Fingerpicking-Technik, die viele Jahre Übung verlangt.

Früher galt die Kora als ein Instrument zwischen Melodie und Rhythmus. Denn auf der Kalebasse lässt sich auch gut trommeln und den Saitenklang kann man mit Metallgegenständen perkussiv verfremden. Doch die Tradition ist längst nicht mehr alles: Kora-Musiker haben heute ihre eigenen Ideen, sie produzieren für den internationalen Weltmusik-Markt, jammen mit Flamenco- und Blues-Gitarristen, adaptieren auch Jazz, Rock und Latin. Man hört die Kora sowohl als sehr harmonische New-Age-Harfe wie auch gekoppelt an digitale Effektgeräte. Es gibt heute Koras mit Wirbelknöpfen wie eine Gitarre (das Stimmen bleibt dennoch eine Kunst), auch mit 22 oder 25 Saiten oder gleich mit zwei besaiteten Stegen, die zwei verschiedene Stimmungen erlauben und damit ein chromatisches Spiel.

Einer der bekanntesten Koraspieler heute ist Toumani Diabaté aus einer Musikerfamilie in Mali, die angeblich auf 70 Generationen von Griots zurückblickt (das sind mindestens 1.500 Jahre!). Sein Vater Sidiki Diabaté machte 1970 das allererste Kora-Album, zusammen mit dem Kora-Kollegen Jeli Madi Sissoko: „Cordes Anciennes“ („Ancient Strings“). Die Söhne – Toumani Diabaté und Ballaké Sissoko – lieferten 30 Jahre später das Nachfolge-Album: „New Ancient Strings“. Auch Tata Dindin aus Gambia, der „Jimi Hendrix“ der Kora, stammt aus einer Griot-Familie: Eigentlich heißt er Ebraima Jobarteh und ist der Sohn des ebenfalls berühmten Koraspielers Malamini Jobarteh. Vom Vater auf den Sohn: Das gilt bei den Griots der Mandinga noch heute.

© 2010, 2015 Hans-Jürgen Schaal


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