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Alice Coltrane, Andrew Hill, Max Roach, Tony Scott, Joe Zawinul... Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, der Jazz stürbe aus mit den 70-Jährigen und danach folgten nur noch Epigonen, alt gewordene Schüler, nachgezüchtete Klons. Dieser Eindruck wäre falsch. Hier kommt einer der Größten des Jazz, Jahrgang 1960, eine Legende von morgen.

Wie ein Schwarm Vögel
Die Selbstinszenierungen Greg Osbys
(2008)

Von Hans-Jürgen Schaal

Ein Tenorsaxophon kann brummern, raunen, flüstern, husten, hupen oder kreischen – und klingt immer gut, sonor und erotisch. Beim Altsaxophon ist das ein bisschen anders. Wenn dieses schwachbrüstige Ding, das beim Spielen nur bis zum Nabel reicht und nicht mal eine ordentliche Kurve im Hals hat, gut klingen soll, muss man schon einige Arbeit investieren: in die Intonation, in die Phrasierung, ins klangliche Umfeld. Mit einem Altsaxophon in der Hand wird man daher leicht zum Konzeptionisten und Dramaturgen, zum Band-Architekten, Entwicklungs-Strategen, Klang-Inszenator. Namen gefällig? Hier sind sie: Cannonball Adderley, Tim Berne, Arthur Blythe, Anthony Braxton, Benny Carter, Ornette Coleman, Steve Coleman, Eric Dolphy, Donald Harrison, Julius Hemphill, Lee Konitz, Jackie McLean, Oliver Nelson, Lennie Niehaus, Charlie Parker, Art Pepper, Henry Threadgill, Frank Trumbauer, John Zorn.

Ein Name fehlt noch: Greg Osby. Kein Musiker hat so viele eigenständige, unverwechselbare Inszenierungen für sein Altsaxophon geschaffen wie er – und das, ohne dabei den Boden der Jazz-Tradition zu verlassen. Bei Osby bedeutet Jazz-Tradition allerdings nicht die Mainstream-Schablone der Stücke, Stile, Licks und Idole, die jeder Saxophonschüler erlernen kann. Jazz-Tradition ist vielmehr, was Musiker seit 100 Jahren mit diesen Dingen anstellten, was ihnen in der Improvisation Originelles einfiel: überraschende Phrasierungen, harmonische Umdeutungen, spontane Rhythmen, individuelle Sprachen. Pianisten, sagt Osby, seien seine Haupt-Inspiration. Improvisierte Pianoläufe auf dem Saxophon nachspielen, verändern, kombinieren: Das ist sein tägliches Training. Diese Figuren keimen lassen, über Monate hinweg: So entwickeln sich die Ideen für seine Stücke. Diese Keime verknüpfen, mit neuen harmonischen Schritten verbinden, nach mathematischen Gesetzen ein Ganzes aufbauen: Das heißt für ihn Komposition. Man ahnt es: Eigentlich wollte Greg Osby Architekt werden.

Schon sein Debütalbum war anders. „Sound Theatre“ nannte er es: Musikmachen als ein dramatisches In-Szene-Setzen von Klang. Der junge Mann mit dem kühlen, lyrischen Ton hatte keine Angst vor stilisierten, künstlichen Gesten, und das Klischee vom Jazzsolisten als eines hemmungslosen, schwitzenden Affekttäters war ihm dabei ganz schnuppe. Dagegen gaben Zen-Philosophie, japanische Haikus und der Klang einer Koto-Zither eine neue Richtung vor: Jazz als philosophisches Schattentheater, anti-naturalistisch verfremdet und aufs Wesentliche reduziert wie in „Shohachi Bushi/Oyamako Bushi“, in dem Sopransax und Koto mit Würde duettieren. In Uptempo-Stücken wie „Return To Now“ oder „Calculated Risk“ erinnern die Themen an Höhepunkte eines Puppenspiels: sprunghaft und rasant, dabei zierlich und kaleidoskopisch, mit wechselnden Rhythmen und unberechenbaren Akkordschritten. „Daigoro“ ist eigentlich eine Jazzballade, aber eingeleitet von japanischer Rezitation und jazzigem Energiespiel und vollends ins Exotisch-Wundersame geschubst vom Klang der Koto. „For Real Moments“, die andere Ballade, wirkt wie im Abendwind verloren, ohne dass die streichelnde Synthesizer-Brise kitschig würde. Das Frappierendste an diesen ernsten, holzschnittartigen Stimmungen ist, dass Greg Osby in seinen Soli sie noch vertieft: abstrakt und kühl, mit ständig wechselndem Impetus, großen Intervallen, atmenden Räumen dazwischen und einer chromatischen Sprache, die sich ins Herz bohrt. Und die die anderen Musiker mitreißt: Bei Michelle Rosewoman singt jeder Klavierton. Im Schlussstück, „Gyrhythmitoid“, kündigt sich das Kommende an: ungerade Metren mit Funk-Bass und HipHop-Beat – ein Zeitgeist-Schicksal. „Meine Beschäftigung mit HipHop hat definitiv mein Timing und mein Musikgefühl gestärkt“, gibt Osby zu bedenken. „Viele Rapper rappen ein bisschen verzögert, hinter dem Beat, fast wie alte Jazzmeister wie Lester Young. Und sie haben dieses Dringliche und Rohe, fast wie James Brown oder wie die alten Bluessänger.“

Erst zehn Jahre nach „Sound Theatre“ kehrte Greg Osby in die akustische Jazzwelt zurück, älter, reifer und – angesichts der harmlosen Mainstream-Schwemme im Jazz von 1997 – dringlicher erwartet denn je. Doch es dauerte drei Alben, ehe er wirklich angekommen war: Das Album „Zero“, die Nullzone, der Zen-Zustand ohne Bewusstsein, markierte bei Greg Osby eine Befreiung von allen Konventionen und Erwartungen. Seine Stücke folgen einer eigenen Kombinatorik, folgen Ideen aus der Mathematik, nicht-westlichen Harmonie-Konzepten, auch spontanen Handzeichen. Als Hörer spürt man ein System dahinter, aber man kann es nicht festhalten. Verschiedene Zeitebenen laufen nebeinander her, das Quintett scheint zum Orchester anzuwachsen, Klangfarben wie Hammondorgel und Fender Rhodes verwirren die Orientierung. Und immer öffnet das Altsaxophon den dreidimensionalen Klangraum, setzt Marken, die keine Grenzen sind, improvisiert Figuren von exquisiter Chromatik, wechselt ständig in Phrasierungsdichte und -tempo, springt über Abgründe. Es ist, als spielte da irgendwo ein stummes Tasteninstrument und das Saxophon könnte nur ein paar Töne davon hörbar machen, weit auseinander liegende, scheinbar unvereinbare.

Mit jedem Leader-Album – ein Dutzend waren es in den zehn Jahren seit seiner Rückkehr ins akustische Fach – hat sich „Oz“ immer wieder neu erfunden, seine Band neu konzeptioniert. Nur auf „The Invisible Hand“ hielt er einmal inne, überprüfte zur Jahrhundertwende den Boden, auf dem er sich so riskant bewegt. Die unsichtbare Hand, das ist der Geist der Mentoren und Freunde, die ihn inspirieren und ihm heimlich über die Schulter blicken: etwa Andrew Hill und Muhal Richard Abrams, die Klavier-Legenden, oder Steve Coleman und Gary Thomas, die Saxophon-Peers. Auf dem Album hat er Andrew Hill (Piano) und Jim Hall (Gitarre) versammelt, in deren Bands er gespielt hat, dazu den Freund Gary Thomas (Tenorsax, Flöte), die Weggefährtin Terri Lyne Carrington (Drums) und Scott Colley (Bass). In Greg Osbys kühl-sachlicher Welt ist das ein All-Star-Ensemble: Jeder der sechs Spieler ist Einzelgänger genug, um ständig das Naheliegende zu vermeiden – ein fragiles Sechseck der Kräfte. Was Osby über den eigenwilligen Andrew Hill (1937-2007) sagt, beschreibt auch den Saxophonisten selbst: „Er ist ein Meisterdenker konzeptioneller Theorie, ein echter Strukturalist, der Musik aus kleinen Zellen aufbaut. Seine Stücke und sein Spiel wirken auf mich wie Geometrie.“ Schon bei Hills erstem Solo in „Ashes“ erschrickt man fast über die Ähnlichkeiten mit Osbys Stil. Und in den zwei Versionen von „The Watcher“ verschmelzen die beiden im unbegleiteten Duo zum zweiköpfigen Wundertier.

Da möchte man doch gleich noch mehr Duos mit Klavier hören, nur um diesen wunderbar dunklen, kontrolliert nüchternen Altsaxophonton möglichst pur zu genießen. „Night Call“ ist so ein Schlemmermenü, neun Duette mit dem Pianisten Marc Copland. Im Vergleich zu Osbys Stücken (es sind hier drei) wirken die des Pianisten fast geradlinig und rhythmisch beschwingt, obwohl sie allesamt raffiniert gebaut sind. Und sobald der Saxophonist die Flügel entfaltet und abhebt, erhalten sie zudem eine Tiefe des Raums, die man vorher nicht ahnen konnte. Unangreifbar wie eine Möwe segelt Osbys Horn in „Autumn Wind“ durch die Luft, getragen vom stetig schiebenden Klavier, aber wie von plötzlichen Windstößen in weiten Intervallen immer wieder hierhin und dorthin geworfen. Marc Copland hat ähnliche Assoziationen, wenn er „Oz“ (Osby) hört; für ihn ist der Altsaxophonist „der Zauberer von Oz, der Linien von Proust’scher Komplexität ausspinnt, eckig und unberechenbar, Linien, die nicht an Akkorde gefesselt werden können, aber stets von ihnen wissen – wie ein Schwarm Vögel, die über Wasser und Erde schweben, offenbar gleichgültig, aber ständig informiert, wo sie sind.“

Die vielleicht überraschendste und erhellendste Inszenierung seines Spiels fand Osby auf dem Album „Symbols Of Light (A Solution)“ von 2001. Schon von der ironischen Nostalgie des CD-Booklets – „Oz“ in der Mode des 19. Jahrhunderts mit Frack, Zylinder, Weste und Kneifer – erhält man einen kleinen Hinweis auf den Inhalt: Diesmal hat sich der Saxophonist nämlich in ehrwürdige Streicherklänge gekleidet. Man glaubt das ja zu kennen: „With strings“ ist meist ein Synonym für seifigen Kitsch. Doch nicht bei Osby: „Meine Absicht ist es, mit jedem Projekt alle Erwartungen zu erschüttern.“ Also machen die Geigen hier – es ist nur ein Streichquartett – das Gegenteil von Seifenkitsch: Sie spielen jazzige Themen, kleine Kammermusiken, rockige Riffs, rhythmisches Comping, insistierende Pedaltöne. Zusammen mit den abenteuerlichen Improvisationen des Leaders, sehr unkonventionellen Stücken und einer kompromisslos modernen Rhythmusgruppe (Jason Moran, Scott Colley, Marlon Browden) entsteht da ein Gebräu zwischen Neuer Musik und Jazzexperiment, wie man es so noch nie und auch so ähnlich seit 20 Jahren nicht gehört hat. Diese abgründigen, schrägen, verstörenden, brütenden Klänge bekommt man so schnell nicht wieder aus dem Ohr. Wann immer „Oz“ künftig sein intervallriskantes, raumpoetisches Saxophonspiel erklingen lässt, wird man diese Klanglandschaft im Geist mithören: Konzertmusik der Gegenwart im besten Sinn. Ein heißer Kandidat für das Jazzalbum der nuller Jahre!

© 2008, 2021 Hans-Jürgen Schaal


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