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György Ligetis Klavierzyklus Musica ricercata ist ein Klassiker der Konzertmusik des 20. Jahrhunderts. Das unterstreichen Bearbeitungen für Bläserquintett, Saxophonquartett, Drehorgel und Akkordeon.

Musica trascritta
Ein Frühwerk Ligetis in vielen Gestalten
(2011)

Von Hans-Jürgen Schaal

1948: In Ungarn geht die musikalische Moderne zu Ende. Strawinsky und Schönberg, selbst Britten und Milhaud werden verboten. Auch von Béla Bartók, dem kurz zuvor verstorbenen Nationalhelden der ungarischen Musik, sind ab sofort nur noch die volksliednahen Werke offiziell genehm. An ihrem Beispiel orientiert sich die „neue ungarische Schule“ – und der junge Komponist György Ligeti (1923-2006) ist ein „überzeugter Anhänger“ dieser folkloristischen Ausrichtung. Allerdings ist ihm auch wichtig, seinen eigenen Stil zu finden, seine Möglichkeiten auszuprobieren: So entsteht seine Musica ricercata (1951-1953), sinngemäß: „Versuchte Musik“. Der Titel bezieht sich auf ein Ricercar von Frescobaldi, das im letzten Stück des elfsätzigen Klavierwerks Pate steht. Natürlich wird Ligetis Musica ricercata in Ungarn umgehend verboten.

Zeitlebens saß György Ligeti der Schalk im Nacken. Ich stelle mir vor, dass er 1948 auf das offizielle Verbot der „Zwölftonmusik“ etwa so reagierte: „Womit soll man denn sonst komponieren, wenn nicht mit den zwölf Tönen des Klaviers? Vielleicht nur mit elf? Oder fünf?“ Das könnte der Startschuss zur Musica ricercata gewesen sein, in deren Sätzen Ligeti genau dies vorführt: die Entwicklung von musikalischer Logik aus einem Ton, drei Tönen, vier Tönen und so weiter. Er kannte damals nur wenig von Strawinsky und Schönberg, nichts von Webern. Er komponierte quasi isoliert von der lebendigen modernen Musik, auf einer Insel namens Ungarn. Er komponierte, als müsste er die Musik erst erfinden – über die Addition neuer Tonhöhen. Der elfte Satz beruht schließlich auf einem 12-Ton-Thema – ausgerechnet mit Bezug zur Alten Musik. In diesem Sinn ist die Musica ricercata auch eine Parodie auf musikalischen Fortschritt und auf Fortschrittsverbote. Sie ist, wie Ligeti einmal schrieb, „Ernst und Karikatur zugleich“. Man kann in ihr den späteren neodadaistischen Fluxus-Künstler erahnen, der auch mal eine Schweige-Vorlesung halten wird oder 100 Metronome kreativ konzertieren lässt.

Ligetis Klavierzyklus besteht aus 11 Sätzen zwischen einer und vier Minuten Länge und dauert etwa 25 Minuten. Bekannte Aufnahmen machten unter anderem Begoña Uriarte und Karl-Hermann Mrongovius (sie teilten sich 1985 die Sätze auf), Erika Haase (1990) oder Pierre-Laurent Aimard (1996). Obwohl ein Frühwerk, enthält die Musica ricercata schon erstaunlich viel vom späteren Ligeti. Seine Vorliebe fürs Mechanische klingt bereits an – auch für die „Störung“ in der Mechanik –, für Polytempik (unabhängig von Nancarrow!), Phasenverschiebungen (lange vor Reich!), elektronisch wirkende Effekte (vor dem WDR-Studio!), ebenso für komponierte Temposchwankungen, „stehende“ Tonwolken und „imaginäre“ Folklore.

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1953: Der 30-jährige György Ligeti erhält vom ungarischen Jeney-Quintett den Auftrag, ein Werk für sie zu komponieren. Mutig wählt er sechs Stücke (Nr. 3, 5, 7, 8, 9, 10) aus seiner gerade vollendeten Musica ricercata und bearbeitet sie – mit kleinen Änderungen, auch in den Tempobezeichnungen – fürs klassische Bläserquintett mit Flöte, Oboe, Klarinette, Horn, Fagott. Doch erst 1956, als sich das politisch-kulturelle Klima in Ungarn vorübergehend etwas entspannt, können diese „Sechs Bagatellen für Bläserquintett“ erstmals aufgeführt werden. Selbst da aber spielt man nur fünf der „Bagatellen“: Die sechste – die mit elf Tönen – ist wegen der vielen „volksfeindlichen kleinen Sekunden“ den offiziellen Stellen noch nicht geheuer. Die Uraufführung des kompletten Bläserquintetts erfolgt erst 1969 in Schweden.

Die „Sechs Bagatellen“ beginnen publikumswirksam mit dem fanfarenartigen „Tanzstück“ mit vier Tönen (Nr. 3), das durch wechselnde Führungsstimmen (Oboe, Klarinette, Piccoloflöte) etwas ausgesprochen Musikantisches bekommt. Die folgende Nr. 5 gerät dank klagender Oboe und harter Bläserakkorde zu einem grabesschweren „De profundis“; der dissonante Schluss klingt dabei etwas frecher als in der Klavierversion. Im dritten Stück (Nr. 7) hat Ligeti die Polytempik aus praktischen Gründen durch ein notiertes Einheitstempo gebändigt; außerdem experimentiert er mit den Naturtönen des Horns. Vor allem im letzten Stück (Nr. 10) erzeugt die Ausdruckskraft und Farbigkeit der Bläser (Klarinette!) einen fast jazzigen Tonfall. Das inspirierte Albert Schweitzer Quintett stellt die Bagatellen in einen sinnvollen „ungarischen“ Zusammenhang: „Ligeti / Kurtág / Veress“ (cpo 999 315-2).

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Musica ricercata (1-3). Das 1. Stück des originalen Klavierzyklus ist reine Provokation: Es verwendet nur den Ton a, wenn auch in allen Oktaven des Instruments. Der Beginn parodiert einen dramatisch tremolierten Pomp, dann übernimmt ein pochendes a im tiefen Register, verbindet sich mit Oktav-Schwestern zu rhythmischen Mustern und komplexem Ump-tah, das Ganze wächst an, wird lauter und höher und scheinbar prätentiös... Erstaunlich, wie viel musikalische Dynamik man allein mit Oktavgriffen bewerkstelligen kann! Auch das Ende des Zwei-Minuten-Stücks ist Parodie, der Schlusston ein d – als rutschte das Stück aus der Quinte in die Tonika. Das 2. Stück kennt dann schon einen dritten Ton. Dank des Intervalls der kleinen Sekunde und dank grotesker Klangkombinationen von Diskant und Bass schaffen diese nackten drei Töne (f, fis, g) eine Stimmung von erlesener Düsterkeit und ein eintöniges (tatsächlich: dreitöniges) „Parlando“. Dagegen kommt das 3. Stück mit seinen vier Tönen als flotter Volkstanz daher: ein erster kleiner „Hit“ mit signalartigem Ausgangsmotiv und rhythmischem Schwung. Sogar einen Einfluss von Gershwin könnte man vermuten. Das Motiv stammt übrigens aus Ligetis „Sonatina“ von 1950 – dort allerdings wurde noch mit zwölf Tönen komponiert.

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1997: Guillaume Bourgogne, Dirigent bekannter Yann-Tiersen-Soundtracks („Good-bye Lenin“, „Amélie“), bearbeitet Ligetis „Sechs Bagatellen“ für Saxophonquartett. Ein faszinierender Schritt, der einerseits das Musikantische der Bläserversion bewahrt, andererseits die Klangfarbe wieder einengt aufs Saxophonregister. Im rumänisch-serbischen „Zwitterstück“ (Nr. 7 der Musica ricercata) übernimmt das Sopransax die Flötenmelodie und verschmilzt dann äußerst glücklich mit dem Altsax. In den begleitenden Septolen lösen sich (aus atemtechnischen Gründen) Tenor und Bariton ab. Die Ersteinspielung unternahm das 1993 in Mulhouse gegründete Quatuor Habanera. Auf ihrem Album „Mysterious Morning“ (Alpha 010) folgen neue Saxofonquartett-Werke von Donatoni, Gubaidulina, Tanada und Xenakis.

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Musica ricercata (4-7). Die Drehorgelspieler seiner Kindheit klingen in Ligetis Musik häufig an – auch im 4. Stück des Zyklus. Es ist ein bizarrer Walzer mit einem unerbittlich drängelnden Drehorgel-Ufftata und einer schwärmerisch trillernden Melodie voll slawisch klingender Schwermut und Tschaikowsky-Charme. Im 5. Stück wird dann der ungarische Tonfall unüberhörbar. Die traurige Klagemelodie und ihre gewichtigen Akkorde – nur sechs verschiedene Töne – besitzen etwas Dunkel-Archaisches, fast Tabuisiertes. Auch viele der von Bartók gesammelten Volkslieder kamen mit wenigen Tonhöhen aus. Mit dem 6. Stück sind wir bei der Diatonik angekommen (a-Dur mit verminderter Sept). Schnelle, etüdenhafte Abwärtsläufe und interessante Akkorde – eine Gratwanderung zwischen hemdsärmelig und raffiniert. Die folgende polytempische Nummer 7 nennt Ligeti einen „künstlichen Zwitter“, denn aus banatrumänischer und serbischer Melodik hat er hier eine „imaginäre“ Folklore geschaffen. Eine Septolenkette – so schnell gespielt, dass sie fast wie elektronisch wirkt – bildet eine Art Bordun, darüber erklingt eine wehmütige Kantilene, die sich quasi durch Ligetis Gesamtwerk zieht – von der „Sonatina“ (1950) bis zum Violinkonzert (1992). Die Tempi von Bordun und Kantilene stehen nicht in Relation zueinander.

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1988: Ligeti trifft in Köln mit Conlon Nancarrow zusammen, dem amerikanischen Komponisten, der fast sein gesamtes Werk nicht für lebende Interpreten, sondern für mechanische Klaviere schrieb. In den folgenden Jahren fördert der Nancarrow-Verehrer Ligeti die Bearbeitung eigener Stücke für Pianorollen-Klaviere und die Drehorgel. Bei der Musica ricercata liegt eine Übertragung auf die Drehorgel fast auf der Hand: Folklore- und Walzerklänge und das „Spiel“ mit mechanischer Ordnung und Unordnung durchziehen die meisten der elf Stücke. Die Lochstreifen der Drehorgel garantieren höchste Präzision, die Kurbel erlaubt zumindest ein Minimum an Ausdruck. Mit ihren 156 Pfeifen in drei Registern und ohne Atem-Einschränkungen ist Pierre Charials Odin-Modell technisch sogar einem Bläser-Ensemble überlegen. Seine exakte Aufnahme des ganzen Zyklus bleibt unter 20 Minuten Länge. Auf der CD „Mechanical Music (György Ligeti Edition Vol. 5)“ (Sony SK 62310) finden sich noch weitere Ligeti-Bearbeitungen für Drehorgel und mechanische Klaviere – sowie das berüchtigte Metronom-Stück.

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Musica ricercata (8-11). Das 8. Stück beschwört in hämmernden Akkorden eine lebhafte kleine Volkstanz-Figur vom Balkan – mit einem „hinkenden“ 7/8-Rhythmus. In Nummer 9 folgt dann eine Art Totenglocken-Geläut für Béla Bartók – ein Adagio, vage an ein Bartók-Thema angelehnt, mit dem „Glockenschlag“ als einer Art Orgelpunkt. Die Idee kehrt später in Ligetis 13. Klavieretüde wieder. Deutlich an Strawinsky orientiert ist dagegen das höchst unterhaltsame 10. Stück: Triviale Phrasen, ins Atonale verschoben, sind mit Brüchen und rhythmischen Unregelmäßigkeiten durchsetzt. Ein Kritiker verglich das Stück mit einer verstimmten Drehleier. Endlich: Alle zwölf Töne sind im abschließenden 11. Stück versammelt, einem Andante zu Ehren des frühbarocken Komponisten Frescobaldi, von dem auch das zwölftönige Thema angeregt ist. Die Anlage der strengen Fuge suggeriert ein gleichmäßiges, stetiges Abwärtsschreiten; auch diese Idee kehrt in Ligetis Etüden (Nr. 9, 1990) wieder.

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1995: Max Bonnay, einer der führenden Akkordeonisten in der klassischen Musik, nimmt im Sendesaal des Deutschlandradios in Köln acht Stücke aus der Musica ricercata auf – mit dem Bajan, dem russischen Knopfakkordeon. Mit sicherem Gespür für die Wirkungsfähigkeit und große Dynamik dieses Instruments spart Bonnay nur drei Stücke des Zyklus aus: das chromatische Drei-Ton-Parlando (Nr. 2), das archaisch-ungarische Lamento (Nr. 5) und die diatonische Etüde (Nr. 6). Sein Husarenritt über die Knöpfe demonstriert, dass die Musica ricercata das Zeug zur universellen „Spielmusik“ hat – ein Klassiker des 20. Jahrhunderts, dessen kompakte Charakterstücke nach „Coverversionen“ schreien. Bonnays Aufnahme findet sich in einem sehr gemischten CD-Programm auf „The Ligeti Project V“ (Teldec 8573-88262-2).

© 2011, 2021 Hans-Jürgen Schaal


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