NEWS





Zurück

Er war Versicherungsmathematiker, gründete eigene Agenturen, entwickelte innovative Finanzmodelle, wurde darüber zum reichen Mann – das alles aus Liebe zu seiner Musik.

Musikwissen
I wie IVES
(2017)

Von Hans-Jürgen Schaal

Charles Ives (1874-1954) wollte beim Komponieren finanziell unabhängig sein. Weder der Geschmack des Publikums noch die Gesetze des Musikmarkts sollten ihn bei seinen musikalischen Experimenten bremsen. Als Freizeit-Komponist erkundete er ungehindert die Polytonalität und Polytempik, er verwendete Vierteltöne, atonale Cluster und Aleatorik. Manchmal legte er seine Musik in mehreren Schichten übereinander und ließ diese in unterschiedlichen Tonalitäten und in bis zu 20 verschiedenen Metren gleichzeitig ablaufen.

Rund 60 Orchesterwerke schrieb er und etwa 40 instrumentale Kammerwerke. Auch veröffentlichte Ives eine Sammlung von 114 Liedern mit Klavierbegleitung – das erste hatte er mit 13 Jahren geschrieben, ein Abschiedslied auf ein verstorbenes Haustier. Auch wenn mancher Kollege ihn durchaus lobte, darunter Aaron Copland und Arnold Schönberg, blieb Ives wie erwartet ein völliger Außenseiter. Der Dirigent Walter Damrosch brach 1910 die Einstudierung von Ives’ Erster Sinfonie entnervt ab. Bereits 1927 hörte Ives auf, überhaupt neue Stücke zu schreiben. Erst nach dem II. Weltkrieg erlebten seine Sinfonien aus der Zeit um 1910 ihre Uraufführungen: die Dritte 1946 durch Lou Harrison, die Zweite 1951 durch Leonard Bernstein, die Vierte 1965 durch Leopold Stokowski. Heute wird Charles Ives als amerikanischer Klassiker gefeiert. Zu seinem 50. Todestag 2004 veranstaltete die Juilliard School in New York ein sechstägiges Ives-Festival.

Ives’ Komposition „Central Park In The Dark“ von 1906 gilt als das erste radikal moderne Orchesterstück der Musikgeschichte. Es ist ein klingendes Porträt des abendlichen New York vor der Automobil-Ära: Nachtschwärmer, Hochbahn, Musikautomaten, Feuerwehr, eine Straßenkapelle, eine Pferdedroschke... Gustav Mahler, der solche Inspirationen liebte, fühlte sich von Ives’ Musik besonders angesprochen. Er soll sogar geplant haben, Ives’ 3. Sinfonie in New York uraufzuführen. Mahlers Tod 1911 kam dem zuvor.

© 2017, 2021 Hans-Jürgen Schaal


Bild

16.07.2021
Mehr Jazz-Rezensionen: MATTHEW HALPIN, ROMANO SCHUBERT, BOB MINTZER, SNORRE KIRK, MARTIN AUER, PETER SCHÄRLI (alle: Jazz thing)

15.07.2021
Jazz-Features: VIJAY IYER (Jazzthetik), SCOTT HAMILTON & Co. (brawoo), CHICK COREA (Fidelity), JON HENDRICKS (Image Hifi), ANDREW HILL (Fidelity)

14.07.2021
Klassisches: ALEXEJ STANCHINSKY (Piano News), DENNIS BRAIN (brawoo), GYÖRGY LIGETI (Fidelity), ENNO POPPE (Image Hifi), JOSEF MATTHIAS HAUER, ALEXEJ GERASSIMEZ & SIGNUM SAXOPHONE QUARTET und ARAM KHATCHATURIAN (alle: Fidelity)

05.07.2021
Musikalische Grundlagen-Forschung: HERMANN VON HELMHOLTZ (Neue Musikzeitung)

mehr News

© '02-'21 hjs-jazz.de