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Auf dem 20-Mark-Schein sah man ihr Porträt mit der Burg im Hintergrund. Alle drei Jahre vergibt die Stadt Meersburg an eine deutschsprachige Dichterin den Droste-Preis.

„Auf der Burg haus ich am Berge,
Unter mir der blaue See“

Annette von Droste-Hülshoff in Meersburg
(2013)

Von Hans-Jürgen Schaal

Rund vierzig Meter über der Seepromenade thronen die grauen Mauern der alten Burg – die Ringmauer ist zwei Meter dick. Aus dem 7. Jahrhundert datiert der älteste Rundturm, der Dagobertsturm, benannt nach Dagobert I., dem Merowinger-König, der die Burg erbaut haben soll. Martinsburg soll sie geheißen haben, daraus wurde später Meersburg. Weitere Wehrtürme bekam sie, mehrere Zwinger, und sogar ein 14 Meter tiefer Burggraben wurde irgendwann in den Fels geschlagen. Von der Burg dort oben blickt man weit über den Ort und weit über den See, nicht nur nach Konstanz hinüber, sondern ins St. Gallener Land, zum Bergmassiv des Säntis und bis nach Tirol. Die Bischöfe von Konstanz residierten hier jahrhundertelang bis zur Säkularisation 1802. Weil niemand so recht wusste, was mit der Burg dann geschehen sollte, drohte sie zu verfallen. Zum Glück erwarb sie 1836 ein Freiherr von Laßberg, um mit seiner Familie darin zu wohnen und seine Bibliothek zu pflegen. Auch seine Schwägerin Annette kam öfter mal zu Besuch aus dem Westfälischen. Und blieb schließlich hier, in Meersburg am Bodensee.

„Die Droste“ wurde sie oft genannt, halb ehrfürchtig, halb kopfschüttelnd. Selbst in der Literaturwissenschaft hat sich der Name verfestigt, man spricht von den „Gedichten der Droste“. Das Wort klingt, als gelte es einem seltenen, vielleicht schon ausgestorbenen Laufvogel, einem scheuen Solitär. Tatsächlich sei Annette von Droste-Hülshoff eine „kleine, zarte und leidend aussehende Dame“ gewesen, die Statur etwas gebeugt, der Mund zierlich, die Augen leuchtend blau, aber kurzsichtig. Sie scheute die Menschen, hielt nur brieflich Kontakt. „Lasst mich in meinem Schloss allein, / Im öden geisterhaften Haus“, dichtete sie in Meersburg. „Verlassen, aber einsam nicht, / Erschüttert, aber nicht zerdrückt.“ Von Kindheit an war sie kränklich gewesen, eine Frühgeburt. Sie wurde nur 51 Jahre alt.

Liebesgedichte sind von der Droste nicht überliefert. Aber es soll in ihrem Leben eine große Romanze gegeben haben, da war sie Anfang 20. Die Sache endete mit einer Enttäuschung, den Schmerz trug sie ein Leben lang mit sich herum. Als sie 29 war, starb der Vater. Der Bruder übernahm die Familienresidenz, Burg Hülshoff bei Münster, und Annette folgte der Mutter zu ihrem Witwensitz. Als ihre Schwester Jenny den Freiherrn von Laßberg heiratete, besuchte sie sie häufig, erst im Schloss Eppishausen im Kanton Thurgau, dann im Burgschloss Meersburg am Bodensee. Immer blieb sie nahe bei den Familienmitgliedern, sie brauchte oft Pflege. Beim Schwager fühlte sie sich wohl, denn der Freiherr war Gelehrter, sammelte mittelalterliche Literatur, empfing auch Uhland und Kerner. Annette vermittelte ihm als Bibliotheksverwalter ihren Zögling Levin Schücking, den Sohn einer früh verstorbenen Dichterfreundin. Schücking, ein fleißiger Journalist, kümmerte sich später um den dichterischen Nachlass der Droste.

Zunächst spielte die Musik eine große Rolle in ihrem Leben. Annettes Vater spielte die Geige und besaß eine umfangreiche Notensammlung. Onkel Max komponierte sogar, war mit Haydn befreundet und schenkte ihr sein eigenes Kompositions-Lehrbuch. Mit 12 Jahren lernte sie Klavierspielen, mit 23 gab sie ihr erstes Konzert als Sängerin. Ihr Spiel und ihre Stimme wurden sehr gelobt. 1834 – bei Schwester und Schwager in der Schweiz – entdeckte sie eine mittelalterliche Textsammlung („Lochamer-Liederbuch“) und vertonte sie in 74 Liedern mit Klavierbegleitung. Sie muss Hunderte von Musikstücken komponiert haben, auch an Opern arbeitete sie. Sogar von Robert Schumann, der ein Gedicht von ihr vertonte, wurde sie einmal um ein Opernlibretto gebeten. Doch das Libretto-Schreiben befriedigte sie auf Dauer nicht: Sie empfand es als „etwas gar zu Klägliches und Handwerksmäßiges“. Die Droste nahm das Dichten sehr ernst.

Manche nennen sie die größte deutsche Dichterin. Aber Vergleiche sind schwierig, denn die Droste, geboren im gleichen Jahr wie Heinrich Heine, war in der Tat ein Solitär, eine Einzelgängerin, die „nie auf den Effekt“ einer poetischen Mode hinarbeitete. Ihre Gedichte bewegen sich schwer verortbar zwischen Romantik, Biedermeier, Realismus und Frömmigkeit. Sie haben einen Hang zum Spröden und Düsteren, den erst die Expressionisten so richtig zu schätzen wussten. Auch ihr bekanntestes Prosastück, „Die Judenbuche“, pendelt visionär zwischen realistischer Kriminalstory und mystischer Legende. Insofern hatte die Droste Recht, als sie ihr Publikum in der Zukunft sah: „Ich mag und will jetzt nicht berühmt werden, aber nach hundert Jahren möcht ich gelesen werden.“ Dass sie ein „Frühchen“ war, hat sie ebenfalls in diesem Sinn mit humorvoller Zweideutigkeit genommen: „Ich bin zu früh, zu früh geboren“, heißt es in einem ihrer Gedichte.

Auch in den Mauern der Meersburg am Bodensee, zwischen Rittersaal, Verlies, Kapelle und Nordbastion, spürte sie gerne dem Düsteren und Beängstigenden nach, witterte in schlaflosen Nächten Kobolde, Gespenster und Nachtvögel. „Schreit ich über die Terrasse / Wie ein Geist am Runenstein / Sehe unter mir die blasse / Alte Stadt im Mondenschein / ... / Ist mir selber oft nicht deutlich / Ob ich lebend, ob begraben!“ Sogar das großartige Bergpanorama von Meersburg, „der Alpen finstre Stirnen“, bekommt bei ihr etwas Bedrohliches: „Nur Bergeshäupter standen hart und nah, / Ein düstrer Richterkreis, im Düster da.“ Doch in Wirklichkeit gefiel es ihr in Meersburg fast zu gut. 1843, als sie vom Verleger einen Vorschuss auf ihre Gedichtesammlung erhielt, ersteigerte sie das „Fürstenhäusle“ mitsamt Weinberg nahe bei der Burg. In einem Brief schrieb sie ironisch, sie sei jetzt „eine grandiose Grundbesitzerin“: „Es ist eigentlich wunderbar schön.“ So schön, dass sie nicht mehr wegwollte vom Bodensee.

Lasst mich an meines See-es Bord,
Mich schaukelnd mit der Wellen Strich,
Allein mit meinem Zauberwort,
Dem Alpengeist und meinem Ich.

© 2013, 2022 Hans-Jürgen Schaal


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