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Bad Säckingen am Hochrhein, zwischen Schwarzwald und Schweizer Grenze gelegen, gilt als „die Trompeterstadt“. Es gibt ein Trompeterschloss dort mit einem Trompetenmuseum – und im Auftrag des Fremdenverkehrsamts bläst der Stadttrompeter das Trompeterlied „Behüt’ dich Gott“. Der Trompeter von Säckingen ist hier allgegenwärtig. Dabei hat es ihn nie gegeben.

Der Trompeter von Säckingen
Wie ein Dichter eine Legende schuf
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

„Er ist nur ein Trompeter
und doch bin ich ihm gut“

Die Geschichte geht so: Werner Kirchhof aus Heidelberg hat von klein auf Latein und Griechisch gelernt und soll nach dem Willen des Vaters Jurist werden. Er geht nach Wetzlar, wird in der Welt der Paragraphen aber nicht glücklich, bricht das Studium ab und zieht lieber noch eine Weile ungebunden umher. In Mantel und Federhut, den Degen umgeschnallt, reitet der junge Mann, blond und blauäugig, durchs Land. Mit dabei: seine goldene Trompete, die er bei einem „immer durstigen“ Spielmann zu blasen gelernt hat und auf der er gerne seinen Gefühlen Ausdruck gibt. Wir sind im 17. Jahrhundert.

Eines Tages kommt Werner auch in den verschneiten Südschwarzwald. Ein Pfarrer hört ihn am Abend im Wald die Trompete blasen, lädt ihn zu sich ein und empfiehlt dem etwas ziellosen jungen Mann, das Fridolinfest in der nahen Stadt Säckingen zu besuchen. Dort verguckt sich Werner prompt in ein hübsches Mädchen und vertraut seine erwachenden Gefühle dann am Abend am Rheinufer seiner Trompete an. Das hört der Freiherr auf dem nahen Schloss Schönau und lässt den Trompeter suchen: Natürlich findet man ihn in der Wirtsstube.

Werner fürchtet, wegen nächtlicher Ruhestörung ermahnt zu werden, doch der Freiherr hat anderes im Sinn. Der Kriegsveteran liebt nämlich die Musik und dirigiert sein kleines Hoforchester gerne wie eine Armee: „Eingehauen, rechter Flügel! Drauf, ihr scharfen Violinen! Feuer aus den Kesselpauken!“ Was ihm fehlt, ist eine Ordonnanz, ein Flügelmann, sprich: ein guter Trompeter. Wehmütig erinnert sich der Freiherr an den ehemaligen Stabstrompeter Rassmann, der sich einst das Instrument mit schwerem Castelberger Wein füllen ließ und danach schwer betrunken in den Rhein stürzte und ertrank. Kurzum: Der Freiherr bietet Werner die Stelle als Orchestertrompeter an. Der junge Mann zögert – bis er Margareta erblickt, die Tochter des Freiherrn. Sie ist das Mädchen, in das er sich auf dem Fridolinfest verliebt hat. Werner sagt zu.

Mithilfe der Trompete erobert er bald Margaretas Herz. Als bei einem Ausflug zum Bergsee der Schulmeister des Orts ein selbst verfasstes Lied vorträgt, steuert Werner auf der Trompete ein Vorspiel und eine einfühlsame Begleitung bei. Der Schulmeister erhält zum Lohn einen dicken Fisch aus dem See, Werner einen Ehrenkranz aus der Hand Margaretas. Später beim Geburtstagsfest des Freiherrn dirigiert Werner das Hoforchester und improvisiert in einem Monteverdi-Konzert ein zartes Trompetensolo. Nicht nur der Schulmeister versteht das Solo als eine Liebeserklärung an die Tochter des Hauses. Am nächsten Morgen findet Margareta im Gartenpavillon die Trompete und bläst darauf ein paar „ungefüge Greueltöne“. Werner eilt erschreckt zum Pavillon und gibt dem Mädchen eine erste Anfängerstunde an der Trompete. Man kommt sich nahe. Doch als Werner beim Freiherrn um Margaretas Hand anhält, ist der keineswegs erfreut: Die Standessitten verbieten, dass das adlige Fräulein einen Musikanten heiratet. Enttäuscht nimmt Werner seinen Abschied und zieht weiter – Richtung Süden. Nachts auf der Via Appia lässt er heimlich seine Trompete von seinem Liebesschmerz erzählen.

Fünf Jahre später: Eine Äbtissin aus dem Schwarzwald beschließt, wegen eines Rechtsstreits zum Papst nach Rom zu reisen. Sie bietet dem Freiherrn an, seine Tochter mit auf die Reise zu nehmen: Das Mädchen kränkelt seit Werners Abschied, das südliche Klima soll ihr guttun. Dann, im Petersdom zu Rom, kommt es zum unverhofften Wiedersehen: Margareta erblickt im Chor einen jungen Mann – es ist der päpstliche Kapellmeister –, erkennt in ihm den Geliebten und bricht ohnmächtig zusammen. Die Kardinäle werden aufmerksam, der Papst wird informiert und kapiert schnell. Er schätzt zwar sehr seinen deutschen Kapellmeister und dessen „Sinn für ernste strenge Weisen“, doch ist ihm nicht entgangen, dass der junge Mann an einem heimlichen Kummer leidet. Innozenz XI. schreitet zur Tat: Kurzerhand vermählt er Werner und Margareta. Und um auch den Vater der Braut zu beglücken, erhebt er kraft seiner weltlichen Autorität den Trompeter von Säckingen zum Marchese di Camposanto. Happy end, der Vorhang fällt.

„Liebe und Trompetenblasen
nützen zu viel guten Dingen“

Leider ist diese Geschichte komplett erfunden. Das heißt: Einen kleinen wahren Kern hat sie. Tatsächlich heiratete um 1657 ein Säckinger Bürger namens Franz Werner Kirchhofer das adlige Fräulein Maria Ursula von Schönau – gegen den Widerstand ihrer Familie. Die beiden hatten fünf Kinder und galten als glückliches und vorbildliches Paar. Kirchhofer wurde ein angesehener Kaufmann, Lehrer und Ratsherr und leitete den Knabenchor am St. Fridolinsmünster, wo sich noch heute das Grabmal der beiden Liebenden findet. Die schöne Geschichte von Werner und Maria wurde in Säckingen zur Volkslegende.

1850 kam ein gewisser Victor Scheffel aus Karlsruhe als junger Rechtspraktikant ans Bezirksgericht der Stadt Säckingen. Er hörte von dieser 200 Jahre alten Legende und begann sie aus- und weiterzuspinnen. Scheffel war offenbar in seinem Beruf nicht recht glücklich, fühlte eine starke künstlerische Ader in sich pochen, reiste bald auch nach Italien und beschloss dort, ein Dichter zu werden. Für den Anfang nahm er die Säckinger Legende her, mischte eigene Erfahrungen hinein – das Jurastudium, die Ankunft in Säckingen, die Italienreise –, erfand die Trompete hinzu und machte daraus ein Versepos mit vielen eingestreuten romantischen Liedern. „Der Trompeter von Säckingen“, Scheffels Erstlingswerk, erschien 1854 in einer Auflage von rund 1.000 Stück in der Metzlerschen Buchhandlung in Stuttgart. Vermutlich fühlten sich die Säckinger von dem Buch geehrt, aber ein großer Erfolg war es zunächst nicht. Erst nach zehn Jahren ging es in die 3. Auflage.

Alles änderte sich grundlegend mit der Reichsgründung von 1871. Scheffel, der enttäuschte Anhänger der 1848er-Revolution, hatte in sein Versepos so viel Deutschtümelei eingewoben, dass sein „Trompeter“ mit einem Mal zur gefeierten Nationaldichtung aufstieg und zu einem Bestseller der Kaiserzeit wurde. 1876 erschien bereits die 50., 1882 die 100., 1914 die 300. Auflage. Scheffels Buch erhielt 1873 eine illustrierte Edel-Ausgabe, wurde 1884 als Oper vertont – daraus stammt die Melodie zu dem im Buch enthaltenen Gedicht „Behüt’ dich Gott“ – und 1918 sogar verfilmt. Scheffel selbst wurde Ehrenbürger in Säckingen, Karlsruhe, Radolfzell und Heidelberg. Auch ein halbes Dutzend Denkmäler wurden zu seinen Ehren errichtet, seine Geburtstage mit öffentlichen Feiern und Festschriften begangen. Zum 50. Geburtstag schüttelte ihm Reichskanzler Bismarck persönlich die Hand, der Großherzog von Baden erhob ihn in den Adelsstand. Der „Scheffelbund“ ist noch heute die größte literarische Vereinigung in Deutschland und verleiht jährlich einige hundert Scheffelpreise.

Der Dichter Joseph Victor von Scheffel – übrigens unfreiwilliger Vater des Begriffs „Biedermeier“ – starb mit 60 Jahren, aber noch zu seinem 100. Geburtstag (1926) wurde in Säckingen ein dreitägiges Scheffelfest veranstaltet. Das „Behüt’ dich Gott“ ist natürlich ein fester Bestandteil im Repertoire der Säckinger Stadtmusik. Deren erster Trompeter tritt traditionell auch im romantischen Kostüm des „Trompeters von Säckingen“ auf und spielt für Einheimische und Besucher das Trompeterlied. Es gibt sogar Stadtführungen „mit Trompeter“, auch zahlreiche Bauten und Straßennamen in Säckingen erinnern an Scheffels Dichtung. Das „Trompeterschloss“ Schönau beherbergt die bedeutendste Trompetensammlung Europas (www.trompetenmuseum.de). Auch im Umland hat Scheffel seine Spuren hinterlassen: Der Bergsee bei Säckingen und der Hotzenwald (der südlichste Teil des Schwarzwalds) erhielten von ihm ihren Namen.

Der Autor dieses Artikels ist Scheffel-Preisträger von 1977.

© 2010, 2022 Hans-Jürgen Schaal


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