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Der Gott der Flöte
Kokopelli, ein Indianer-Mythos
(2010)

Von Hans-Jürgen Schaal

In vielen Kulturen rund um die Erde gilt die Flöte als magisches Instrument. Ihre Töne beschwören Geister, beleben die Natur, locken die Tiere an, verführen zur Liebe, eröffnen Tiefen der Meditation, geleiten die Seelen ins Totenreich. Ob beim griechischen Gott Pan, bei Mozarts Zauberflöte oder beim Rattenfänger von Hameln: Die Flöte hat Zauberkraft. Aus ihr bläst göttlicher Atem oder die befruchtende Seele des Windes.

Auch die Indigenen im trockenen Südwesten der USA, vor allem in Arizona, glauben an die Magie der Flöte. Auf tausenden von Felsmalereien und Felsritzungen findet man die Figur des Kokopelli, eines Fruchtbarkeitsgottes, der in gebeugter Haltung – als tanze er oder spiele mit großem Ausdruck – seine Flöte bläst. Die Urheber der ältesten, 1.000 bis 3.000 Jahre alten Darstellungen waren Anasazi, ein längst ausgestorbener Indianerstamm. Bis heute jedoch lebt der Glaube an Kokopelli weiter: bei den Hopi, Zuni, Taos, Acoma, Navajo oder Winnebago und – so heißt es – auch bei verschiedenen südlichen Indio-Stämmen bis hinunter nach Peru.

Die Darstellungen und Legenden von Kokopelli sind vielfältig und widersprüchlich: Das gehört zu einem lebendigen Mythos, an dem ständig weiter gedichtet und gezeichnet wurde. Manche behaupten, Kokopellis Flöte sei aus einem Adlerknochen geschnitzt, manche sehen in ihr eine Nasenflöte, einzelne Zeichnungen zeigen sogar ein gebogenes Flötenrohr oder eine erweiterte Öffnung. Die Flöte wurde aber auch schon als Blasrohr, Tabakspfeife oder Wanderstock gedeutet. Auf seinem Kopf trägt Kokopelli – je nach Interpretation – Federschmuck, Insektenfühler, Antennen oder Lichtstrahlen – oder etwa Rasta-Locken? Seine gebeugte Haltung wird gerne mit einem Buckel oder Rucksack erklärt. Die einen sehen in Kokopelli einen historischen Händler der Azteken oder Tolteken, die anderen eine halb tierische Figur: Heuschrecke, Zikade, Wüsten-Raubfliege.

So viel scheint festzustehen: Kokopelli ist ein Fruchtbarkeitsgott – wie Pan oder Dionysos in der griechischen Mythologie. Mit seiner Flöte ruft er den Frühling herbei, zaubert Regen, lässt den Mais wachsen, bringt Jagdglück und sorgt dafür, dass Tiere und Menschen sich vermehren. Noch heute spielen die Indianer Flöte, wenn es regnen soll. Früher feierten sie, sobald sie im Frühlingswind Kokopellis Flötenspiel zu hören glaubten, ein wildes, nächtliches Freudenfest – und prompt wurden alle Frauen des Stamms schwanger. Kokopelli gilt daher auch als eine Art Minnesänger und großer Frauenverführer: Alte Darstellungen zeigen ihn oft mit deutlichem Phallus – wie die griechischen Satyrn. Er ist aber auch Geschichtenerzähler, Vermittler, Händler und Schelm – wie der griechische Hermes. Wenn er Flöte spielt, versammeln sich die Tiere friedlich um ihn – wie beim mythischen Orpheus. Und in seinem Rucksack bringt er den Frauen die Babys mit – wie der sprichwörtliche Klapperstorch.

Sein Rucksack enthält aber nicht nur kleine Kinder, auch Handelsware wie Perlen und Muscheln, Saatgut (etwa Mais aus Mexiko) oder Geschenke für die Mädchen, die er verführt: Decken, Felle, Mokassins. Oder er bringt im Sack die Wolken mitsamt dem Regenbogen – oder auch: Lieder. Kokopelli, heißt es, hat den Menschen die Musik geschenkt, die Träume, die Kreativität; wer seine Flöte spielen hört, wird glücklich. Bei so viel positivem Image wundert es nicht, dass Kokopelli heute populärer ist denn je. Etliche Firmen tragen ihn in ihrem Namen oder sein Bild in ihrem Logo: Schmuckdesigner, Importhändler, Bekleidungsläden, Musikverlage. Vor allem im Südwesten der USA blüht das Souvenir-Geschäft mit Kokopelli. Für Touristen gibt es dort das Bild des indianischen Flötengotts in jeder Form: auf T-Shirts, Streichholzschachteln, Schlüsselanhängern, Tassen, Mützen, Handyhaltern, Armbanduhren, auf Wand-, Tisch- und Gartenschmuck, Kerzen, Tüchern, Strümpfen, Stempeln, Lesezeichen, Thermometern und so weiter.

Und wer will, kann Kokopelli auch am Himmel finden – ganz ohne Touristenkitsch und moderne Verfremdung. Auf der Mondscheibe nämlich glauben viele sein Bild zu sehen, genauer gesagt: im Mare Procellarium, zur Seite blickend, die Flöte zwischen den Kratern Kepler und Kopernikus. Eigentlich ganz gut zu erkennen – sofern Kokopelli nicht gerade Regenwolken herbeigeflötet hat, die uns den Mond verdecken.

© 2010, 2022 Hans-Jürgen Schaal


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