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Ein Wochenende in Ruvo di Puglia
(2005)

Von Hans-Jürgen Schaal

Am Bahnhof sieht Ruvo aus wie eine beliebige italienische Kleinstadt: moderne vier- bis fünfstöckige Wohnhäuser, schmale Gehsteige, kleine Ladeneingänge, zu viele Autos. Das eigentliche Juwel klebt oben auf dem Hügel. Es ist der mittelalterliche Stadtkern – ein faszinierendes Labyrinth aus schmalen Schlupfgässchen, durchsetzt mit alten Kirchen, Renaissance-Palästen und überraschenden kleinen Piazzen, auf denen freundliche, herrenlose Hunde residieren. Ohne Stadtplan macht das Bummeln durch diesen steinernen Irrgarten besonderen Spaß. Aber Vorsicht: Kaum eine Gasse ist zu schmal für italienische Automobilisten! An den katholischen Feiertagen, vor allem in der Karwoche, ziehen die berühmten Prozessionen hier durch – in Gewändern, mit Statuen, Kreuzen und Blumen. Das historische Pflaster ist längst glatt getreten und glänzt im Laternenlicht geheimnisvoll gläsern. Die Einheimischen schimpfen gewöhnlich über die glatten Steine: Bei Regen sollen sie höllisch glitschig sein. Zum Glück regnet es hier selten. Apulien ist Italiens trockenste Gegend.

Die Anreise nach Ruvo erfolgt am besten über Bari, dessen Flughafen Palese man von Mailand aus bequem per Flugzeug erreicht. In Bari nimmt man einen Mietwagen oder wählt die Privatbahn hinauf in die hügelige Murgia. Endlos scheinende Olivenbaumplantagen, Pinienhaine, Weinberge, Obst- und Gemüsefelder ziehen draußen vorbei. Hier – näher an Albanien als an Rom, näher an Athen als an Milano – lebt man von den Früchten des karstigen Bodens. Überall duftet der Thymian. Am Vormittag, wenn die engen Gassen Schatten spenden, bieten alte Bauern an jeder Ecke der Altstadt ihr frisches Obst und Gemüse feil für ein paar Cent.

Nur zwei Hotels gibt es in Ruvo, das Talos und das Pineta, beide außerhalb des Corso-Rings, der die Altstadt umschließt. Die Reisebüros vor Ort vermitteln einem mit etwas Glück aber auch ein privates Studio mitten im historischen Gassengewirr, vielleicht nur badetuchgroß, aber vier Stockwerke übereinander mit winzigen Balkonen und einer Dachterrasse. Ehe man sich’s versieht, hat man sich dort in den jahrhundertealten Rhythmus von Ruvo eingestimmt. Man kann gar nicht anders: So eng sind die mittelalterlichen Gassen, dass die Geräusche der Nachbarn von gegenüber aus dem eigenen Zimmer zu kommen scheinen. Morgens um sieben wird zum ersten Mal laut und ausdauernd gestritten, um zwölf hört man, wie das Besteck auf den Esstisch gelegt wird, um zwei ist Grabesruhe eingekehrt (außer für Mopedfahrer, versteht sich), um vier wird offenbar der Streit vom Morgen fortgesetzt. Der Dialekt der Gegend ist hart und unmelodisch und gaukelt einem (besonders im Halbschlaf) nördlichere Sprachen vor. Mit den Schatten am Nachmittag kommt das Leben wieder: schreiende Kinder, bellende Hunde, kreischende Schwalben. Am Abend und bis in die Nacht lebt man auf der Piazza, mindestens aber vor der Haustür.

Der Hügel von Ruvo ist seit 3.000 Jahren besiedelt. Es gab enge Beziehungen zu den Griechen, Etruskern, Phöniziern, dann wurde man Römer. 50 Kilometer nordwestlich liegt Cannae, wo Hannibal triumphierte. Danach kamen die Byzantiner, die Sarazenen, die blonden Normannen und die Staufer aus Schwaben. Im örtlichen archäologischen Museum, Museo Nazionale Jatta, hat man 2.000 Fundstücke aus antiken Gräbern – überwiegend schwarz grundierte ionische Vasen aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert – in vier kleine Zimmer gepfercht. Drei Museums-Angestellte schlagen dort die Zeit tot und begleiten den Besucher feierlich bei jedem Schritt durch die Räume. Wenn Ihnen das peinlich ist, gehen Sie lieber zu zweit hin. Glanzstück der Sammlung ist der Talos-Krater, laut städtischem Prospekt „von einem unbekannten atenischen Artist realisiert“ [sic!]. Talos, im griechischen Mythos eine Art Roboter, ist Ruvos beliebtester Namenspatron. Auch das jährliche Jazzfestival der Stadt (Anfang September), eines der größten Italiens, wurde nach ihm benannt.

Ausflüge in die Umgegend lohnen sich: nach Andria, Barletta, Trani und vor allem zum Castel del Monte, der kristallenen Krone Apuliens. Etwa 30 Kilometer von Ruvo entfernt, leuchtet das weiße Kastell von seinem einsamen Hügel herunter wie eine überirdische Vision. Friedrich II., der Stauferkaiser, der auch die Kathedrale von Ruvo mit ihrem dreieckigen Vorplatz gefördert hat, ließ Castel del Monte im 13. Jahrhundert errichten, ein zeitloses Monument achteckiger, offenbar islamisch inspirierter Symmetrie. Es ist keine Festung, keine Residenz, kein Jagdschloss, sondern scheinbar nur ein Tribut an die Mathematik, vielleicht die Astronomie – überkulturell und abstrakt. Wer will, kann dahinter auch den Wissenschaftskult einer illuminierten Geheimgesellschaft wittern. Im Kastell (aber nicht nur dort) lässt sich außerdem lernen, dass die Italiener kein Wort für die von ihnen bewunderten Staufer haben; sie nennen sie einfach die Schwaben, svevi. „Die Mysterien der Schwaben“: Damit ringt man sogar einem Schwaben ein Lächeln ab.

© 2005, 2022 Hans-Jürgen Schaal


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