 Musikvermittlung nimmt im Musikleben überhand. Zu selten wird die Frage gestellt, wo Musikvermittlung ihre Fehler und Grenzen hat.
„Musik ist immer eine Expedition in ein unbekanntes Land. Dafür braucht es offene Menschen.“
Das Publikum ernst nehmen
Grenzen der Musikvermittlung
(2019)
Von Hans-Jürgen Schaal
Die einen sagen: Musik ist universell verständlich, sie erklärt sich von selbst. Denn Musik ergreift uns ja über die Melodie, fasziniert uns durch ihre Struktur, sie packt uns mit ihren Rhythmen und fesselt uns durch ihren Fortgang. Musik muss nicht in Worte übersetzt werden. – Die anderen sagen: Nicht jede Musik erklärt sich gleich von selbst. Musik ist keineswegs eine universelle Sprache. Manche Musik muss den Hörern erschlossen und nahegebracht werden. Zu mancher Musik müssen erst Brücken gebaut und Hilfestellungen gereicht werden. Vor allem gilt dies bei einem jungen, unerfahrenen Publikum oder bei Musik aus einem anderen Kulturkreis. Manche Musik wird verständlich erst durch ein Paket an vermittelnden Informationen.
Musikvermittlung gestern und heute
Musikvermittler gab es schon immer. Musiker zum Beispiel moderieren ihre Stücke, machen Bühnenansagen, stellen Themenprogramme zusammen und wollen so ihre Musik dem Publikum näherbringen. Musikwissenschaftler und Musikjournalisten schreiben erklärend oder kritisch über Stücke, Musiker und Aufführungen, veröffentlichen Werkanalysen und Biografien. Veranstalter lassen Programmhefte drucken, finden Konzertüberschriften und Festivalmotti. Musikverleger geben neuen Kompositionen griffige, anschauliche Titel wie „Türkischer Marsch“, „Schicksalssinfonie“ oder „Clair de Lune“. Komponisten schreiben spezielle Werke, die Kinder mit den Orchesterinstrumenten vertraut machen sollen, etwa Prokofjews „Peter und der Wolf“ oder Brittens „The Young Person’s Guide To The Orchestra“. 1958 begann Leonard Bernstein seine liebevoll moderierten „Young People’s Concerts“, die jahrelang in Rundfunk und Fernsehen übertragen wurden. Bernstein besaß „ein überragendes Talent als Musikvermittler“, schreibt der Musikredakteur Juan Martin Koch. „Was sich wie ein aus dem Ärmel geschütteltes Plaudern anhört, ist wohlüberlegt.“ Seine Texte testete Bernstein vorab mit den eigenen Kindern.
Im 21. Jahrhundert ist Musikvermittlung zu einer zentralen Angelegenheit des Konzertbetriebs geworden. „Es gibt fast keine Häuser, keine Musikinitiativen oder Institutionen mehr, die sich mit dem Thema Vermittlung nicht professionell beschäftigen“, sagt die Musikprofessorin Lydia Grün. „Wir haben inzwischen einen etablierten Berufsstand der Musikvermittler.“ Die Klassikwelt heute kennt Konzerteinführungen und Komponistengespräche, Familien- und Kinderkonzerte, Instrumentenvorstellungen, Kompositions-Workshops, Musikmanager-Übungen für Schüler, geführte Musikreisen, speziell moderierte Galas, Multimedia-Präsentationen und neue Spielorte – vom Stadtpark bis zum Wasserwerk, vom Altenheim bis zur Fußgängerzone. Es gibt zahlreiche Büros, Initiativen und Netzwerke nur für Konzertpädagogik. Es gibt spezifische Musikvermittlungs-Festivals und „Education“-Abteilungen bei Sinfonieorchestern. Musikvermittlung – das sei inzwischen „einer der meistverwandten Begriffe im Musikleben“, schreibt Ingrid Allwardt.
Musikvermittlung hat Hochkonjunktur
Warum spielt Musikvermittlung gerade heute eine so große Rolle? Der Hauptgrund liegt auf der Hand: die Überalterung des Konzertpublikums. Die Generationen „60 plus“ dominieren unsere Konzertsäle, und ihr Anteil am Publikum wächst noch weiter, was der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung entspricht. Da fragen sich die Verantwortlichen im Musikbetrieb natürlich: Was wird in 30 Jahren sein? Werden die Angebote der allgegenwärtigen Medien- und Internet-Kultur das gehobene Konzerterlebnis ganz ins Abseits gedrängt haben? Sind jüngere Menschen überhaupt noch für gute Musik zu gewinnen? Die herkömmlichen Werte humanistischer Bildung, auf die vor allem der Klassikbetrieb bisher vertrauen konnte, verschwinden zusehends aus der Welt. Kenntnisse über europäische Musikgeschichte sind bei jüngeren Generationen nicht mehr selbstverständlich. Hörkompetenz kann in der digitalisierten Gesellschaft nicht mehr vorausgesetzt werden. Die Fähigkeit, musikalische Zusammenhänge zu erfassen, die über einen Drei-Minuten-Song hinausreichen, ist in Zeiten von YouTube und Spotify stark eingeschränkt.
Die Musikvermittlung soll da der Rettungsanker sein und wird von der Szene geradezu fetischisiert. Die öffentlichen und privaten Unterstützer stehen Schlange. An vielen Musikhochschulen und Universitäten gibt es heute Institute und Studiengänge für Musikvermittlung. Es gibt Stiftungen, Förderinitiativen, Festivalakademien speziell zu diesem Thema. Es werden sogar regelmäßig Preise für musikvermittelnde Leistungen vergeben, etwa der „junge ohren preis“, der Preis „Kulturelle Bildung“, ein niedersächsischer Förderpreis „Musikvermittlung“ oder der Young EARopean Award (YEAH!). Zeitweilig könnte man den Eindruck bekommen, als wäre nicht das Klangerlebnis, sondern seine Vermittlung die Hauptsache. Auf Kongressen und Tagungen der Musikvermittler geht es jedenfalls selten um das, worum sie sich doch bemühen sollten – nämlich die Musik.
Musikvermittlung – ein Geschäftsmodell?
Die Musikvermittler profitieren von der Panik des Klassikbetriebs, die auch eine Einladung an Wichtigtuer und Geschäftemacher darstellt. Es drängt sich die Frage auf: Welche Ziele verfolgen die Musikvermittler? Dass ihnen das deutsche Bildungsniveau in erster Linie am Herzen läge, wird niemand ernsthaft glauben. Musikvermittlung, vor allem an junge Menschen, ist ein Geschäftsmodell. Die Musikverantwortlichen wünschen sich eine Rekrutierung neuen Publikums und damit eine Sicherung zukünftiger Umsätze. Dahinter steht das Interesse großer Firmen, die aus Prestige-Gründen klassische Konzerte und Festivals sponsern. Für solche Firmen ist Musikvermittlung auch eine gute Gelegenheit, einem als Werbezielgruppe relevanten jüngeren Publikum Firmenlogos, Medientechniken und Produkte zu präsentieren. Auch Eltern befürworten Musikvermittlung für Kinder und Jugendliche vor allem aus ökonomischen Gründen. Weit verbreitet ist der Glaube, dass Musik intelligent mache und deshalb berufliche Karrieren erleichtere.
Wie wird Hochkultur populär vermittelt? Indem man sie in genau die Rezeptionsformen zwingt, die die Leute gewohnt sind und die sie doch gerade davon abhalten, gute Musik zu hören. In vielen Fällen wird nicht versucht, das Publikum zur Musik hinzuführen, sondern die Musik wird fürs Publikum zugerichtet. Im Fachsprech: Die Menschen werden „abgeholt“, es werden ihnen „Angebote“ gemacht. Kultur ist für die „Kinder“ des Digitalzeitalters zweifellos leichter konsumierbar, wenn man sie mit einer Multimedia-Show lockt – einer handlichen Portion Infotainment aus Film und Wort, Sound und Anekdote, Interaktion und Spaß. Die Museumspädagogik hat es vorgemacht. Das Medium (meist im Plural) wird auch da zur Message – die Botschaft lautet: Kultur ist doch bloß „Fun“. Häufig baut Musikvermittlung nicht Brücken zur Musik als vielmehr Brücken zu täglichen Konsumgewohnheiten. Das funktioniert nur, indem man musikalische Komplexität reduziert, didaktisiert, verharmlost und verdünnt – ein geistiges Sonderangebot, ein Bypass um den Kern von Kultur herum.
Das Schöne ist komplex
Dagegen hält es der Opernsänger Christian Gerhaher für wichtig, „dass man das Publikum nicht da abholt, wo es sich gerade befindet, sondern dass man es fördert, indem man es fordert.“ Information und Kontext sind zwar wichtig, wenn man sich auf Musik einlässt, aber Biografien und Laserprojektionen sind nicht die Musik selbst. Der Reiz, den „schwierige“ Musik auf uns ausübt, besteht ja gerade im Rätselhaften: dass wir beim ersten Hören überfordert sind, dass wir uns der Herausforderung stellen, dass wir uns anstrengen, dazulernen, mit der Musik vertrauter werden, immer wieder Neues entdecken und uns selbst in ihr immer wieder anders gespiegelt finden – es gibt nicht den einen, richtigen Weg des Begreifens. Zur Erfahrung von großer Musik gehören gerade Bemühung und Fantasie. Sie sollten durch Musikvermittlung nicht gekappt, sondern bewusst gemacht werden. Das Schöne ist komplex, sagte Adorno. Wer die Komplexität reduziert, verbaut sich daher auch die eigentliche Entdeckung des Schönen. Der Musikprofessor Holger Noltze meint sogar, „dass die Nicht-Zumutung von Anstrengung aus Furcht vor der Trägheit des Publikums auch etwas von Verachtung hat“.
Das Ziel einer idealen Musikvermittlung wäre eine Erziehung zum Hören. Über das einzelne Werk hinaus wären dem Publikum musikalisches Wissen und musikalische Rezeptionsfähigkeit zu vermitteln – Offenheit für neue Erfahrungen, Lust an der geistigen Anstrengung, Geduld für den kreativen Prozess des eigenen Hörens. Das Musikerlebnis selbst ist die Hauptsache, die durch keine vermittelnde Zurichtung ersetzt werden kann. In dieser Offenheit für die ästhetische Erfahrung können sich Menschen verschiedener Milieus und Altersstufen zusammenfinden und verständigen, die von der herkömmlichen Musikvermittlung von ganz verschiedenen Standpunkten „abgeholt“ werden müssten. Dringend zu hinterfragen ist deshalb unser traditioneller Bildungsbegriff. Erreicht herkömmliche Musikvermittlung womöglich ohnehin nur die an „Kultur“ Interessierten? Und warum fließen öffentliche Gelder für Musikvermittlung nur in die „klassische“ Musik?
© 2019, 2026 Hans-Jürgen Schaal
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