 Jahrhundertelang befanden sich die Europäer im Krieg mit dem Osmanischen Reich – daran erinnert die europäische Marschmusik. Ihre Inspiration war nämlich die türkische Militärkapelle (Mehterhâne) mit ihren starken Bläsern und ihren zahlreichen Perkussions-Instrumenten. Im Jargon der Sinfonieorchester heißen die Perkussionisten heute noch die „türkische Abteilung“.
Alla Turca
Mehterhâne und die Folgen
(2016)
Von Hans-Jürgen Schaal
Das Osmanische Reich war auf Expansion angelegt. Seitdem es 1453 Konstantinopel erobert und Byzanz ein Ende gesetzt hatte, rissen die kriegerischen Feldzüge der Osmanen Richtung Mitteleuropa nicht mehr ab. Allein die Polen führten im 17. Jahrhundert vier Kriege gegen die Eroberer vom Bosporus. Wien wurde schon 1529 von den Osmanen belagert, der Erste Österreichische Türkenkrieg dauerte fast 30 Jahre. 1683 zog erneut eine große Osmanische Armee von Bulgarien aus über Belgrad und Ungarn Richtung Wien. Der Kaiser und ein Teil der Wiener Bevölkerung wurden evakuiert, die Stadt erlebte eine militärische Aufrüstung. Zwei Monate lang dauerte diese zweite Belagerung Wiens und konnte am Ende erfolgreich abgewehrt werden. Aber erst im Jahr 1699 sollte ein Friedensschluss den Großen Türkenkrieg beenden. Der Frieden von Karlowitz begründete den Aufschwung Wiens im 18. Jahrhundert – und aus der Türkenangst wurde die Türkenmode.
Das Haus des Musikers
Keine Frage: Die Kampfkraft des osmanischen Heeres beruhte zu einem Teil auf der Wirkung seiner markanten Armeemusik. Schon 1453, gleich nach der Eroberung Konstantinopels, war in der Nähe des neuen Sultanspalasts ein großes Gebäude nur zur Ausbildung der Militärmusiker errichtet worden. Man nannte es später „Mehterhâne“, Haus des Musikers – so hieß dann allgemein die osmanische Militärkapelle. Ihr Kernstück ist die häufigste Instrumentekombination der nahöstlichen Volksmusik: Zurna (Kegeloboe) und Davul (große Zylindertrommel). Allerdings ist dieses Modell in der Mehterhâne ins Monströse übersetzt: Sechs, sieben, neun oder gar 16 Zurnaspieler gehören zum Orchester – und ebenso viele Davul-Trommler. Dazu kommen Trompeten und ein reiches Sortiment an Pauken und Becken. Insgesamt besteht die Mehterhâne aus mindestens 54 Musikern, meistens aber deutlich mehr. Nach einem Bericht aus dem 17. Jahrhundert gab es allein in den inneren Stadtbezirken von Konstantinopel damals mehr als 1.000 ausgebildete Mehterhâne-Musiker.
Zu den Aufgaben der Mehterhâne gehörte nicht nur, die Gebetsstunde anzukündigen oder Staatsempfänge zu untermalen, sondern vor allem, mit dem osmanischen Heer in die Schlacht zu ziehen. Meist marschierte und ritt die Mehterhâne mit an der Spitze der Truppen, um mit ihrer kraftvollen Marschmusik den Soldaten besonderen Kampfesmut einzuflößen. Der grelle, laute Ton der Zurnas und der mächtige Rhythmus der Trommeln besaßen zugleich eine entnervende Wirkung auf die feindlichen Soldaten oder die belagerte Zivilbevölkerung. Während des Großen Türkenkriegs empfand man im Westen die osmanische Musik daher vor allem als „grausam“, „grässlich“, „absurd“ und „unlieblich“. Das änderte sich erst mit dem Frieden von Karlowitz 1699, der unter anderem mit mehrtägigen Mehterhâne-Gastspielen in Wien gefeiert wurde. Türkischer Kaffee, türkische Accessoires und türkische Musik wurden in der folgenden Friedenszeit zum exotischen Modetrend – nicht nur in Wien.
Europas neue Marschmusik
Die ersten Mitteleuropäer, die die Musik der Mehterhâne zu schätzen wussten, waren die Feldherren und Landesfürsten. Sie verstanden sehr genau die aufputschende Funktion dieses Klangkörpers und seine furchteinflößende Wirkung auf den Feind. Nachdem Polen mit den Türken endlich Frieden geschlossen hatte, wurde König August II. vom osmanischen Sultan Ahmed III. sogar mit einer kompletten Mehterhâne beschenkt. 1720 leistete sich Russland ebenfalls eine türkische Militärkapelle, 1741 bekam Österreich immerhin eine Nachahmung im Pandurenkorps. Wie der Musikkritiker C.F.D. Schubart um 1785 berichtet, hat daraufhin auch „der König von Preußen wirkliche Türken in seine Dienste genommen und die wahre türkische Musik bei einigen seiner Regimenter eingeführt“. Der Friedensschluss mit dem Osmanischen Reich hatte eine gründliche Reform der europäischen Militärmusik zur Folge. Überall hat man die Bläserstärke der Musikkorps sprunghaft aufgestockt und dazu eine Vielzahl von Perkussions-Instrumenten eingeführt. Um die schrillen Klangeffekte der Zurnas nachzuahmen, legte man außerdem Wert auf Piccoloflöten, hohe Klarinetten, Triangel und Schellenbaum (später: Glockenspiel).
Die neue europäische Marschmusik verwendete zwar keine türkischen Melodien oder Tonarten oder die für die Mehterhâne typischen Rhythmen und Stückformen. Aber man adaptierte die starke Bläserwirkung, den kompakten Motivbau, den kräftigen Marschtakt und die reiche Perkussion der Mehterhâne. Dieser neue Militärsound, der die alte „Feldmusik“ schnell verdrängte, blieb noch lange Zeit als „türkische Musik“ bekannt. Im „Jahrbuch der Tonkunst für Wien und Prag“ heißt es noch 1796: „Die türkische Musik wird in den Sommermonaten abends bei schönem Wetter vor den Kasernen, bisweilen auch vor der Hauptwache gegeben.“ Vielfach verwendete man auch den Ausdruck „Janitscharenmusik“. Die Janitscharen waren die Söldner-Elite des osmanischen Heeres, die bei Feldzügen und Paraden in der Regel vorneweg ritt. Ihr folgte meist direkt die Mehterhâne, weshalb beide in der europäischen Wahrnehmung gerne vermischt wurden. Noch 1830 hießen die preußischen Militärmusiker „Janitscharen“.
Nicht nur das allgemeine Publikum liebte die Paraden der „türkischen Musik“, auch die Musikkritiker erwärmten sich für die neue Ästhetik. Der Engländer Charles Burney berichtet von 20 Militärmusikern, die er 1773 in Belgien gehört hat: „Sie hatten vier Trompeten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Tamburine, zwei Waldhörner, ein paar Zimbelbecken, drei normale und eine große Janitscharen-Trommel. Alle diese tönenden Instrumente taten in der freien Luft eine sehr lebhafte und angenehme Wirkung.“ Der Kritiker C.F.D. Schubart, der selbst eine echte Mehterhâne erlebt haben soll, schreibt um 1785: „Die Deutschen haben diese Musik noch mit Fagotten verstärkt, wodurch die Wirkung noch um ein Großes vermehrt wird. Auch Trompetenstöße lassen sich dazwischen gut anbringen. Kurz, die türkische Musik ist unter allen kriegerischen Musiken die erste, aber auch die kostbarste [...]. Sie liebt den 2/4-Takt, wiewohl wir auch sehr glückliche Versuche mit anderen Takten gemacht haben. Indessen erfordert keine andere Gattung von Musik einen so festen, bestimmten und allgewaltig durchschlagenden Takt. Jeder Taktstrich wird durch einen neuen männlichen Schlag so stark konturiert, dass es beinahe unmöglich ist, aus dem Takte zu kommen.“
Türkische Märsche aus Wien
Das zweimal von den Türken belagerte Wien entwickelte sich im 18. Jahrhundert zur Hauptstadt der europäischen Musik. Gerade dort kamen Kompositionen „alla turca“ (im türkischen Stil) nach 1750 groß in Mode. Sehr beliebt waren Opern mit türkischem Ambiente wie Haydns „Die unverhoffte Zusammenkunft“, Mozarts „Entführung aus dem Serail“ oder Süssmayrs „Soliman II.“. Ohne dass dabei türkische Skalen oder Melismen verwendet wurden, haben sich die Komponisten in solchen Stücken doch gelegentlich um Andeutungen von Exotik bemüht. Beliebte „Turkismen“ waren kräftige Rhythmen, Triller, Arpeggios oder kleine Motivwiederholungen. Orientalische Tonleitern imitierte man durch rasche Übergänge zwischen den Tonarten und Tongeschlechtern.
Viel stärker als solche „Exotismen“ wog aber der Bezug zum Militärischen. „Türkische Musik“ – das bedeutete um 1780 schlichtweg Marschmusik. Ob in Beethovens „Die Ruinen von Athen“, in Mozarts Serail-Oper, seiner 11. Klaviersonate oder selbst im Menuett seines 5. Violinkonzerts: Türkische Musik ist immer Marsch. Typische Instrumente dabei sind die Pauke, die große Trommel, Becken und Triangel – sie galten als türkisch und besaßen im Sinfonieorchester noch keineswegs einen gesicherten Platz. Über Haydns Militärsinfonie hieß es 1799, „das urplötzliche Einfallen der vollen Janitscharenmusik“ im 2. Satz sei eine große Überraschung, „da bis dahin man keine Ahnung davon hat, dass diese türkischen Instrumente bei der Sinfonie angebracht sind“. Und Beethovens Orchesterwerk „Wellingtons Sieg“ (1813) behandelt zwar eine Schlacht zwischen Engländern und Franzosen, aber der Komponist selbst beschreibt seine perkussive Instrumentierung als „vollständige türkische Musik“. Um das Jahr 1800 gab es sogar Klaviere mit einem Zusatzpedal, um „türkische“ Triangel- oder Beckentöne auszulösen. Die Vorrichtung hieß „Janitscharenzug“.
Bei Staats- und Heeresreformen im Osmanischen Reich wurde die Mehterhâne 1826 abgeschafft. Zwei Jahre später wurde Giuseppe Donizetti, der Bruder des italienischen Opernkomponisten, als Generalmusikdirektor nach Konstantinopel geholt – ein Signal der Liberalisierung und der Öffnung nach Europa. So wie die Mehterhâne die westliche Marschmusik verändert hatte, reformierte Donizetti nun die türkische Militärkapelle nach westlichem Vorbild. Erst 1914 wurde die Tradition der Mehterhâne neu belebt – nun aus kulturpflegerischem Interesse. Die historische Mehterhâne ist heute in der Türkei eine beliebte Musikeinlage bei offiziellen oder folkloristischen Anlässen.
© 2016, 2026 Hans-Jürgen Schaal
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