 Lodernde Bläsergewitter, heulende Trompeten, eine unbändige Tanzmusik: Balkan Brass hat in wenigen Jahren den gesamten Globus erobert. Die Wurzeln dieser Musik liegen in den Roma-Ghettos von Serbien, Mazedonien und Rumänien, ihre Wirkung reicht bis nach Hollywood und auf die Dancefloors der Welt-Metropolen.
Balkan Brass Bands
Der Bläsersound der wilden Partys
(2010)
Von Hans-Jürgen Schaal
Balkan ist eigentlich der Name eines Hochgebirgszugs – heute: Stara Planina –, der sich rund 600 Kilometer lang von Serbien durch Bulgarien hindurch bis zum Schwarzen Meer zieht. Erst vor etwa 200 Jahren begann man, mit „Balkan“ die gesamte Halbinsel zwischen Adria und Schwarzem Meer zu bezeichnen – bis hinunter nach Griechenland. Seitdem – aber auch schon in den Jahrhunderten zuvor – war Südosteuropa von zahlreichen politischen Umwälzungen und ethnischen Konflikten geprägt. Mit dem Wort „Balkan“ verbinden wir daher kriegerische Auseinandersetzungen, territoriale Streitigkeiten, die Vielvölkerproblematik, Freiheitsbestrebungen und Partisanenkämpfe. Nicht erst seit dem Zerfall Jugoslawiens spricht die Politik von „Balkanisierung“, wenn ein Gebiet in Kleinstaaten aufgespalten wird, die dann einander bekriegen. Diese verwirrende politische Geschichte Südosteuropas unter wechselnden Großmacht-Einflüssen – osmanisch, habsburgisch, sowjetrussisch – hat dazu geführt, dass wir mit dem Balkan auch noch etwas anderes assoziieren: Rückständigkeit, Armut, Korruption, Illegalität, dunkle Machenschaften. Bewegt sich etwas am Rande der Kriminalität, sagen wir nur zu gerne, es gehe zu „wie auf dem Balkan“.
Seit einigen Jahren besitzt das Wort „Balkan“ aber noch einen anderen Klang – und den verdanken wir der Balkan-Brass-Bewegung. Blasorchester haben eine jahrhundertelange Tradition in Südosteuropa, die auf türkische und österreichische Militärkapellen zurückgeht. Besonders in Serbien, Mazedonien, Bulgarien und Rumänien hat sich das so genannte „Orkestar“ erhalten, ein traditionelles Bläser-Ensemble, das bei Taufen, Hochzeiten, Geburtstagen, Begräbnissen, kirchlichen Feiertagen und anderen Freiluft-Festlichkeiten gemietet wird und zum Tanz aufspielt. Der Kern dieser Ensembles sind in der Regel zwei bis drei Trompeten und zwei Trommler; dazu kommen Hörner, Tuben und zuweilen Klarinetten und Saxofone. Typisch für die Balkan-Blasmusik sind die virtuose Solo-Trompete, die ungebremst emotional über traurige Melodien improvisiert, und die leicht schwimmende, vibrierende Intonation des Ensembles. Vor allem aber verbindet man mit der „bleh muzika“ (serbisch) unglaublich rasante, laute, wild tobende, schwindlig machende Tanzrhythmen, bei denen man wunderbar feiern, essen, Schnaps trinken und den Alltag vergessen kann. Oder in einer Berliner Disco den Pogo tanzen.
Die Magie der Gypsies
Der feurige, improvisierte Charakter der Balkan-Blaskapellen verdankt sich natürlich dem Talent der Roma, die seit Jahrhunderten in Südosteuropa die musikalische Kultur aufrechterhalten. Journalisten aus England und den USA, die erstmals mit Balkan-Brassbands konfrontiert werden, fühlen sich meist sofort an die Anfänge des Jazz erinnert und sprechen von „original funk“. So wie der Jazz für die Nachfahren der schwarzen Sklaven zum Ausdrucksventil und zur Lebensphilosophie wurde, so steht auch für die Roma in Serbien oder Rumänien das Orkestar im Zentrum ihrer Identität. Wie die Brassbands in New Orleans entstand das Gypsy-Blasorchester im Schmelztiegel vieler Kulturen und bietet zugleich Erinnerung, Ritual und Zusammenhalt. Im 19. Jahrhundert sind übrigens rund 10.000 Roma aus den Balkanländern in die USA emigriert. „Wer sagt, dass unsere Vettern nicht mithalfen, den Jazz zu erfinden?“, fragte Ioan Ivancea einmal, der 2006 verstorbene Leiter der rumänischen Fanfare Ciocarlia.
Die Roma sind bekanntlich seit dem Mittelalter aus dem Nordwesten Indiens nach Europa eingewandert – über Persien, Armenien, die Türkei. Ihre musikalischen Traditionen haben auf diesem jahrhundertelangen Weg viele Einflüsse aufgesogen: indische Ragas, arabische Sufi-Trance, ägyptische und armenische Melodien, die Musik türkischer Janitscharen und jüdischer Klezmorim. In jedem Land, in dem sie Halt machten, adaptierten sie die örtlichen Volkslieder und spielten diese auf ihre Weise. Der Wanderberuf des Musikers passte zu ihrer nomadischen Lebensweise, die Musik selbst wurde zur Überlebenskunst. „Es gibt keine Gypsy-Existenz ohne Musik“, sagt der Akkordeonist Chico Iliev, „die Musik ist unser Heilmittel, unser Opium.“ Der serbische Trompeter Ekrem Sajdic ergänzt: „Der Klang unserer Trompeten ist aufrichtig, traurig und geht unter die Haut. Er ist alles, was wir haben.“ Und sein Kollege und Konkurrent Boban Markovic erklärt einfach: „Es ist doch allgemein bekannt, dass wir Gypsies nicht ohne Musik leben können.“ In den Liedern der Roma wie „Ederlezi“ oder „Djelem, Djelem“ steckt ihre gemeinsame Geschichte, ihr Zusammenhalt, ihre Überlebenskraft. Wenn das Gefühl sie übermannt, machen sie Musik.
In vielen Ländern Südosteuropas werden die Roma diskriminiert und benachteiligt, sie leben noch immer in eigenen Vierteln oder Ghettos („Mahala“). Aber als „Musikerkaste“ sind sie unverzichtbar: „Man liebt uns, wenn wir Musik machen“, sagen die Roma oft. Mit ihrem besonderen Talent, ihrer orientalischen Ausdrucksstärke, ihrer virtuosen Direktheit veredeln sie die örtlichen Musiktraditionen, verleihen ihnen den künstlerischen Schliff und den emotionalen Stachel. Oft haben sie keine musikalische Ausbildung, lesen keine Noten, spielen uralte Instrumente, intonieren nach Gefühl. Musikalische Fertigkeiten werden innerhalb der Musiker-Clans wie ein Ritualwissen von Generation zu Generation weitergegeben.
Die Fähigkeit jedoch, neue musikalische Einflüsse aufzugreifen und fruchtbar zu machen, scheint bei den Roma unbegrenzt. In der Musik der Balkan-Gypsies finden sich – grenzüberschreitend – serbische Kolos neben bulgarischen Horos und rumänischen Sirbas. „Dass sich traditionelle Musik am Balkan immer wieder vermischt hat, das verdanken wir den Zigeunern, die von überall alles aufsaugten und popularisierten“, sagt die bosnische Sängerin Natasa Mirkovic. In den Brass Bands hört man ungarische Einflüsse, die Walzer und Polkas balkandeutscher Enklaven, russische Lieder, albanische Melodien. Auch in der Adaption von Radiomusik – Gypsy-Swing, Flamenco, Pop-Hits, Jazz-Standards – und von Filmmelodien aus Hollywood und Bollywood sind die Gypsy-Orchester unschlagbar.
Die schnellste Blaskapelle der Welt
Die märchenhafte Geschichte der Fanfare Ciocarlia begann im Oktober 1996 im äußersten Nordosten Rumäniens. Der kleine Ort Zece Prajini (= Zehn Felder) liegt in der Westmoldau, nahe der Grenze zu Moldawien, in einer der ärmsten Gegenden Europas, umrahmt von historischen Landschaften wie Bukowina, Bessarabien und Galizien. Der junge deutsche Toningenieur Henry Ernst, in einem alten Ford unterwegs, war auf der Suche nach Blaskapellen und folgte dem Tipp eines rumänischen Bauern. Beim ersten Haus der kleinen Roma-Siedlung klopfte er an und traf dort den Blasmusikmeister des Dorfs, den Klarinettisten Ioan Ivancea. Binnen kurzem war der ganze Ort versammelt, 400 Menschen, ein Fünftel davon Musiker. Regelmäßig arbeitende Blaskapellen gab es in Zece Prajini allerdings kaum mehr, die Bewohner ernährten sich von bescheidener Landwirtschaft. Als Henry sagte, er wolle eine Brassband zusammenstellen und in Deutschland Konzerte für sie organisieren, hielt man ihn für verrückt.
Drei Monate lang hörte sich Henry die Musiker des Ortes an und stellte schließlich eine 12-köpfige Band auf die Beine: drei Trompeten, zwei Hörner, zwei Tuben, drei Holzbläser, zwei Trommler. Er ließ den Musikern Pässe ausstellen, präsentierte „seine“ Band in Deutschland in zehn Konzerten, stürzte sich dabei in riesige Schulden und schickte die Musiker danach wieder heim nach Zece Prajini. Doch die Konzerte hatten Eindruck gemacht: Henry erhielt weitere Anfragen, verbunden mit viel Geld. Bald spielte die Fanfare Ciocarlia ihre Sirbas, Horos, Ruseascas und Bulgareascas in großen Konzerthallen, in großen Disco-Clubs, auf Messen und Ausstellungen auf fünf Kontinenten. Die Band inspirierte mehrere Dokumentarfilme, befeuerte die Filmsatire „Borat“ und spielte live auf der Hollywood-Party des Filmkomponisten Danny Elfman („Men In Black“, „Spider Man“). Für die Musiker aus dem Roma-Stamm der Ursari (= Bärenbändiger) war die große westliche Welt ein Kulturschock: Zece Prajini hatte 1996 noch keine Telefonleitungen, keine permanente Stromversorgung, kein fließendes Wasser, keine Kanalisation, keinen Bahnhof. In den Fenstern der Häuser: Plastikplanen statt Glasscheiben.
Wenn vom Balkan Brass der Gypsy-Bands die Rede ist, sprechen die Medien gerne von Bläserteufeln, Bläserwahnsinn, Bläsergewittern, von Gypsy Fever, Brass Fire, Killersound. Auf keine Band passen solche Attribute besser als auf die Fanfare Ciocarlia: „Wir sind die Schnellsten!“, behaupten die Musiker stolz. Die extremen Tempi von 200 bis 300 bpm sind das Markenzeichen der „Turbobläser“ aus Rumänien. Ihre konkurrenzlose Geschwindigkeit, so behaupten sie, sei von den schnellen Tänzen der Ungarn angeregt, für die die Vorfahren einst aufspielten. Kein Publikum kann bei diesen lodernden Rhythmusstürmen noch stillsitzen: Die „Bärenbändiger“ um den Trompeter Costica „Cimai“ Trifan spielen wild, laut und hemmungslos und bleiben dabei äußerlich oft provozierend gelassen. Ihre Anregungen holen sie auch aus Mazedonien, Bulgarien, Serbien, aus der Klezmer-Musik, aus dem Radio, aus Filmen und dem Jazz. Bis zu 30 Stunden am Stück könnten sie spielen, ohne sich zu wiederholen, sagen die in vielen Familienfesten erprobten Musiker.
Das serbische Woodstock
Seit 1961 findet in der Kleinstadt Guca – an der Grenze zwischen Serbien und Kosovo – ein jährliches Treffen der Brass Bands statt – schon 1831 gab es in dieser Gegend ein angesehenes Militärorchester. Der „Golden Brass Summit“ von Guca, auch „serbisches Woodstock“ genannt, steigt jedes Jahr im heißen August, dauert drei Tage und zieht eine Viertelmillion Besucher an. Beinahe 100 Bands nehmen jährlich teil, etwa ein Fünftel davon qualifiziert sich zudem für einen Band-Wettbewerb, der aus einem Pflicht- und einem Kürteil besteht und an die „Band Contests“ des frühen Jazz erinnert. Das Guca-Festival ist ein großes Volksfest mit viel Schweinefleisch und viel Schnaps, bei dem Brass Bands von Tisch zu Tisch ziehen und eine Menge Geld verdienen können. Gewöhnlich wird das „Trinkgeld“ den Musikern während des Spiels an die nasse Stirn geklebt oder in den Tuba-Trichter gestopft.
Noch mehr Geld lässt sich verdienen, wenn man in Guca auch beim Wettbewerb abräumt: Wer hier ausgezeichnet wird, braucht sich im kommenden Jahr um Engagements bei Familienfeiern nicht zu sorgen. In mehr als einem Dutzend Kategorien werden beim Wettbewerb Sieger gekürt: zum Beispiel das beste Orchester, der beste Trompeter, der beste Tenor-Trompeter (Tenorhorn), der beste Bass-Trompeter (Tuba), der beste Trommler, die beste Interpretation eines Kolo (des serbischen Nationaltanzes). Der höchste Preis aber ist die Goldene Trompete, die vom Publikum an den beliebtesten Solisten vergeben wird. In den letzten Jahren lieferten sich hier die Trompeter Dejan Lazarevic und Dejan Petrovic ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen.
Inzwischen kommen Besucher aus aller Welt nach Guca, um dieses Brassband-Volksfest zu bestaunen. Auch erste Bands aus dem nichteuropäischen Ausland, die sich an Balkan Brass versuchen, sind hier am Start. Längst gibt es Pläne, Guca zu einem Welt-Bläserfestival auszubauen, bei dem nicht nur Balkan Brass zu hören sein soll, sondern Blasorchester aller Art auftreten. Für die Roma, die bis jetzt die meisten der Brass Bands stellen, hat Guca allerdings noch eine tiefere Bedeutung: Es ist eine Art Erlösungs-Ritual, kathartische Raserei, der Rest einer synkretistischen Mystik, die an die Voodoo-Elemente im frühen Jazz denken lässt. Drei Tage lang wird getanzt, explodiert das Blech, verströmt sich das Leben. „Ich wusste nicht, dass man auf diese Art Trompete spielen kann“, soll Miles Davis einmal gesagt haben, als er Zaungast beim Festival war.
Der Party-Trend
Längst ist Balkan Brass kein lokales Phänomen mehr, sondern ein weltweit populärer und gefeierter Musikstil. Der wichtigste Auslöser dafür waren die Filme des serbisch-französischen Regisseurs Emir Kusturica wie „Zeit der Zigeuner“ (1989), „Arizona Dream“ (1993), „Underground“ (1995) und „Schwarze Katze, weißer Kater“ (1998). Zeitgleich mit dem Zerfall Jugoslawiens zeigten diese Filme eine anrührende Balkan-Realität: die der Gypsies, der Brass Bands, der Armut, des ungehemmten Ausdrucks von Freude und Trauer in der Musik. Der Mann, der für die Filmmusik verantwortlich war, heißt Goran Bregovic und ist ein erfolgreicher Rockmusiker. Die Gypsies werfen Bregovic heute vor, dass er Ideen geklaut habe, Brass-Band-Stücke zu Pop-Hits machte, ohne ihre Urheber zu nennen, und Geld und Ruhm ganz allein kassierte. Einen „Turbofolker“ nennt man ihn. Eines aber steht außer Zweifel: Kusturica und Bregovic haben dem Balkan Brass das Tor in die weite Welt geöffnet.
Einer, der durch Bregovics Filmmusik-Arrangements weltbekannt wurde, ist der serbische Gypsy-Trompeter Boban Markovic, der heute als „King of Balkan Brass“ gilt. Seit 1981 war er als Musiker in Guca dabei, fünfmal gewann er die Goldene Trompete, seitdem darf er dort nur noch außer Konkurrenz starten. Markovic entstammt einer Musiker-Dynastie der Roma und lebt noch immer im Gypsy-Viertel seiner Heimatstadt. Gleichzeitig sucht er mit seinem Orkestar internationale Kooperationen mit Klezmer- oder Jazzbands und baut seinen Sohn Marko (ebenfalls Trompeter) zum kommenden Star auf. Sein erweiterter „Romani Funk“ verarbeitet weltweite Einflüsse, die von Miles Davis bis zu arabischer Popmusik reichen.
Ebenfalls durch einen Kusturica-Film wurde das traditionsreiche Kocani Orkestar bekannt. Der Ort Kocani in Mazedonien ist eine Hochburg der türkischen Roma. Die „orientalische Roma-Musik“ des Ensembles mischt sich mit türkisch-bulgarischen Rhythmen, oft in ungeraden Metren, und integriert auch südamerikanische, indische, sogar chinesische Elemente. Da sich das Ensemble vor einigen Jahren geteilt hat, nennt Naat Veliov, der virtuose Lead-Trompeter, seine 7-köpfige Band inzwischen das „Original Kocani Orkestar“. Sein Sohn Orhan und sein Vater Hikmet sind auch mit dabei.
Die Balkan-Brass-Mode hat Band-Gründungen in aller Welt inspiriert. An der Musikhochschule in Graz entstand das Sandy Lopicic Orkestar aus Studenten verschiedener Nationen – eine multikulturelle Virtuosenband, die die Balkan-Brass-Tradition bewusst um Funk-Grooves und Jazz-Bläsersätze erweitert. Die Mahala Rai Banda aus Rumänien kombiniert ein Blas- und ein Saitenorchester und verarbeitet auch arabischen Pop, Reggae und Rumba. Der Frankfurter DJ Stefan Hantel alias Shantel, dessen Großeltern aus Czernowitz stammten, hat mit seinem Projekt „Bucovina Club“ Balkan-Gebläse in Remix-Versionen auf den Dancefloor gebracht. Balkan Brass erklingt heute als „Gypsy Punk“ zum Pogo-Tanz in der Russendisko ebenso wie auf den Partys von Hollywood-Stars oder bei internationalen Modeschauen. Der Balkan ist global geworden.
Aktuelle CDs (2010):
Fanfare Ciocarlia: Queens and Kings
Boban i Marko Markovic Orkestar: Go Marko Go!
Original Kocani Orkestar: The Ravished Pride
Sandy Lopicic Orkestar: Balkea
Shantel: Planet Paprika
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