 Cajun-Musik – da denken wir an die amerikanischen Südstaaten, an Bayous und Alligatorensümpfe. Doch die Vorgeschichte der „Cajuns“ kennt noch ganz andere Landschaften. Ein spannendes Kapitel Kolonialzeit.
Cajun – was ist das eigentlich?
Die bewegte Geschichte der Akadier
(2015)
Von Hans-Jürgen Schaal
Im Jahr 1524 erkundete der Seefahrer Giovanni da Verrazano die Ostküste Nordamerikas – vom heutigen North Carolina nach Norden segelnd bis Neufundland. Die Gegend nördlich von Virginia erschien ihm dabei so traumhaft schön, dass er sie gegenüber seinem Auftraggeber, dem französischen König, mit Arkadien verglich, dem legendären Landschaftsidyll aus der griechischen Mythologie. Hängen geblieben ist der Name „L’Arcadie“ dann ausgerechnet an der eher rauen Gegend bei Neuschottland im äußersten Südosten des heutigen Kanada. Ums Jahr 1600 siedelten dort die ersten Franzosen. Es sollen etwa 60 Familien aus Westfrankreich gewesen sein, vor allem aus Städten des Poitou, der Normandie und der Bretagne. Ihr erster Siedlungsort lag am St.-John-Fluss nahe dem jetzigen Ort Edmundston, östlich von Québec, an der heutigen Grenze zwischen der kanadischen Provinz New Brunswick und dem US-Bundesstaat Maine. Die erste Hauptstadt der Kolonie hieß Port Royal. Sie lag auf der Halbinsel Nouvelle-Écosse (Neuschottland, Nova Scotia), an der Baie de Fundy (Bay of Fundy).
Diese ersten „Arkadier“ müssen ein spezieller Menschenschlag gewesen sein. Sie bewahrten sich ihre eigene Identität gegenüber den ebenfalls französischen Siedlern landeinwärts, arrangierten sich andererseits aber mit den eingeborenen Indianern vom Volk der Mi’kmaq: Man lernte voneinander, beschützte einander, vermischte sich sogar. Dieser interkulturellen Begegnung fiel dann offenbar der Buchstabe „r“ zum Opfer: Aus Arkadien wurde Akadien – oder „L’Acadie“. Von Anfang an geriet die neue Kolonie aber zwischen die Fronten der Kolonialheere. Bereits 1613 wurde die Hauptstadt Port Royal von den Engländern zerstört, 1634 von den Akadiern ein paar Kilometer weiter neu erbaut. 1713 fiel ganz Neuschottland an England, der Rest Akadiens blieb weiterhin umkämpft. Engländer wie Franzosen forderten von den Akadiern ein Treuebekenntnis und spannten sie und die Mi’kmaq in ihren Kampf ein. Die sogenannten „Franzosen- und Indianerkriege“ in Nordamerika gipfelten dann in den Auseinandersetzungen des Siebenjährigen Kriegs (1756-1763) zwischen England und Frankreich.
Die akadische Diaspora
1755 begannen die Engländer damit, die ungeliebte französischstämmige Bevölkerung Akadiens per Schiff zu deportieren. Rund 11.500 Akadier wurden aus ihrer Heimat vertrieben, viele verloren dabei ihr Leben. Diese Deportation wurde zum Trauma der akadischen Geschichte, Gedenktage und Museen erinnern heute daran, der Dichter Longfellow schrieb darüber sein Poem „Evangeline“. Man verteilte die Akadier damals auf die englischen Küstenkolonien bis hinunter nach Georgia oder brachte sie nach England und Frankreich. Manche Akadier leisteten Widerstand – darunter Joseph Broussard, genannt „Beausoleil“. Er hatte fast 40 Jahre lang die britischen Kolonialherren auf Nova Scotia bekämpft, ehe er 1762 von ihnen inhaftiert wurde. Zwei Jahre später wurde ihm erlaubt, mit rund 200 akadischen Gesinnungsgenossen ins „Exil“ zu segeln – zur kleinen Karibikinsel Dominica (Dominique). Weil die Akadier aber das Klima dort nicht vertrugen, segelten sie wieder nach Nordwesten und landeten 1765 in der von Franzosen gegründeten, gerade spanisch gewordenen Kolonie Louisiana. Die erste akadische Siedlung in Louisiana entstand im Indianergebiet südlich der heutigen Stadt Lafayette. Der Ort heißt heute Loreauville.
Die spanische Krone suchte in den folgenden Jahren dringend nach weiteren Siedlern für die Landbebauung in Louisiana. Gleichzeitig waren viele Akadier, die nach Europa deportiert worden waren, mit ihrem Schicksal unzufrieden und wünschten sich in die Kolonien zurück. Das brachte den französischen Politiker Henri Peyroux auf die Idee, einen Deal einzufädeln – unter strenger diplomatischer Geheimhaltung. Dass es in Louisiana bereits eine kleine akadische Kolonie gab und Verwandte dort auf sie warteten, erleichterte den Akadiern in Frankreich die Entscheidung. 1785 brachte Peyroux rund 1.600 von ihnen mit fünf Schiffen nach Louisiana. Für Peyroux war es vermutlich kein reiner Akt der Nächstenliebe, sondern einfach ein gutes Geschäft mit den Spaniern. Eine Zeit lang sollten die „Acadians“ tatsächlich die größte Ethnie in Louisiana bilden. Sie ließen sich im südwestlichen Teil der Kolonie nieder, etwa in den heutigen Gemeindebezirken („Parishes“) Acadia, Evangeline, St. Martin, St. Mary und Lafayette. Als „Hauptstadt“ des akadischen Siedlungsgebiets gilt Lafayette.
Cajun Accordion
Die Acadians – im Louisiana-Dialekt „Cajuns“ (sprich: „Keitschns“) – bildeten in Louisiana zunächst eine recht unauffällige Gemeinschaft. Sie sammelten keine Reichtümer an und waren eher unterprivilegiert. Sie pflegten ihre Kultur, ihre eigene Küche, ihre eigene Musik, ihre kleinen Feste und ihren katholischen Marienkult. Auch ihre besondere Sprache behielten sie bei, die ein wenig nach Westfrankreich und 17. Jahrhundert klingt. Im Rest der Welt hat man nicht mehr viel gehört von den Cajuns – aber das änderte sich in den 1930er Jahren. Schuld daran waren das Öl und die Massenmedien. Das Öl wurde in Texas gefunden, Texas brauchte Arbeitskräfte, und das „Cajun Country“ lag gleich nebenan. Also wurden die Bayous mit Autostraßen ausgestattet, die Cajun-Kultur bekam plötzlich Anschluss ans moderne Amerika, Radio und Schallplatte öffneten ihnen die Welt. 1928 entstanden die ersten Aufnahmen mit Cajun-Musik und sorgten für Aufsehen. Das Besondere an ihnen war – das Akkordeon.
Jahrhundertelang wurde die akadische Musik von der „Fiddle“ geprägt, begleitet von Löffel und Triangel. Im 19. Jahrhundert soll es in fast jeder zweiten Cajun-Familie einen talentierten Fiddler gegeben haben. Bei den in Kanada verbliebenen oder dort später neu angesiedelten Akadiern steht die Geige noch heute ganz im Mittelpunkt. In Louisiana aber tauchte um 1880 das Akkordeon auf, genauer gesagt: das Melodeon, eine diatonische Knopfharmonika deutscher Provenienz. Um 1920 gab es dann auch Instrumente in C- und D-Dur, die besser zur Fiddle passten. Die „Old Louisiana French Music“ bekam durchs „Cajun Accordion“ eine neue Würze und Erdigkeit. 1952 hatte sogar der Countrysänger Hank Williams mit einem Cajun-Song einen großen Hit: „Jambalaya“. Die polkaähnlichen Two-Steps und langsamen Walzer trafen überall auf der Welt einen Nerv. Man hörte in der Cajun-Musik von Louisiana den Klang des Südens, die kulturelle Mixtur, das Echo vieler, auch afrikanischer und karibischer Einflüsse.
The Creole State
Das ist kein Wunder: Louisiana, der „Creole State“, bietet eine wilde Mixtur der Ethnien und Kulturen. Etwa 7.000 Europäer wurden schon im 17. Jahrhundert in Louisiana angesiedelt, Menschen aus vielen verschiedenen Ländern. Dazu kamen Arbeitssklaven aus Afrika und der Karibik sowie die indianischen Ureinwohner. So entstand eine eigene Kultur der „Kreolen“, der in Louisiana Nachgeborenen, und dabei kam es zu vielerlei ethnischen Wechselwirkungen und Vermischungen. Die Kolonie war anfangs französisch, dann spanisch, dann wieder französisch. Als sie 1803 an die USA fiel, waren die eher puritanisch denkenden Amerikaner über die Zustände in Louisiana recht schockiert: Es gab dort freie Bürger dunkler Hautfarbe und sogar legale Voodoo-Praktiken! Als Erstes versuchte der amerikanische Gouverneur damals, die französische Sprache zu verbieten, konnte sich aber nicht durchsetzen. Noch um 1900 verstanden in New Orleans 75 % der Bevölkerung Französisch. Sprachforscher unterscheiden bis heute verschiedene regionale Ausprägungen: Louisiana French, Creole French, Cajun French.
Die kreolische Kultur von New Orleans wurde durch den frühen Jazz weltberühmt, in dem es etliche dunkelhäutige Musiker mit französischen Namen gab. Aber auch außerhalb von New Orleans blühte das Kreolentum. Wahrscheinlich haben schwarze Musiker in Louisiana das Akkordeon schon gespielt, bevor die Cajuns es für sich entdeckten. Verwandt mit der Cajun-Musik ist Zydeco (sprich: „Saideko“) – eine Weiterentwicklung der kreolischen Akkordeon-Tanzmusik durch Elemente des schwarzen Rhythm’n’Blues. Clifton Chenier, Boozoo Chavis und John Delafose gehören zu den Stammvätern des Genres. Manche sagen: Zydeco ist einfach die schwarze Variante von Cajun. Andere sagen: Zydeco gab es schon immer, Cajun ist sein Kind. Der Begriff „Zydeco“ selbst allerdings setzte sich erst um 1960 durch, angeblich abgeleitet von dem Songtitel „Les Haricots Sont Pas Salé“. Dieses kreolische Französisch klingt in unseren Ohren recht afrikanisch. Zum Beispiel heißt „Comment vont les affaires?“ (Wie stehen die Dinge?) im Louisiana-Kreolisch etwa: „Konmen lézafè?“.
Zwischen Acadia und Acadiana
Die Entdeckung der Cajun-Musik in den 1930er Jahren war erst der Anfang. Das Selbstbewusstsein der Akadier weltweit ist seitdem enorm gewachsen. Rund 1,5 Millionen Menschen verstehen sich als Nachfahren der Akadier, etwa 300.000 davon leben heute wieder in der kanadischen Provinz New Brunswick, vor allem auf der „akadischen Halbinsel“ bei Bathurst. 1960 wurde erstmals ein Akadier Präsident der Provinz und machte Französisch zur zweiten Landessprache in New Brunswick. 1979 erhielt die akadische Schriftstellerin Antoinine Maillet den französischen Prix Goncourt für „Pélagie-la-Charrette“ – einen Roman über die Deportation der Akadier und ihre Rückkehr nach Kanada. Das „Cajun Country“ in Louisiana ist seit den 1980er Jahren als „Acadiana“ bekannt. Die Akadier sind heute international organisiert, haben eine eigene Flagge und Hymne. Regelmäßige Festivals der Cajun- und Zydeco-Musik gibt es an vielen Orten der USA, Kanadas und Europas.
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© 2015, 2026 Hans-Jürgen Schaal
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