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Auf öffentlichen Plätzen in Katalonien kann man einen recht eigenwilligen Reigentanz erleben: die Sardana – Nationalsymbol und Touristenmagnet in einem. Die Musik dazu liefert die Cobla, ein Bläser-Ensemble ganz besonderer Art.

Zehn Bläser und ein Kontrabass
Die Cobla, Kataloniens Blasorchester
(2014)

Von Hans-Jürgen Schaal

Wenn im spanischen Fußball „El Clásico“ ansteht, dann geht es nicht nur um den Wettkampf zwischen den beiden berühmtesten Teams des Landes, zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona. Es geht auch um die Rivalität zwischen Kastilien und Katalonien, genauer gesagt: um die katalanische Selbstbehauptung. In der Region im Nordosten Spaniens, die von der Größe und Einwohnerzahl her fast mit Baden-Württemberg vergleichbar ist, fühlt man sich seit jeher als eigene Kulturnation. Die Katalanen sind stolz auf ihre Sprache, ihre Hymne, ihre Küche, ihre Bildung, ihre Wirtschaftskraft. Seit Jahren wünschen sich viele dort auch eine eigene katalanische Fußballliga. Eine Fußball-Nationalmannschaft haben sie schon – ihr Trainer ist der legendäre Johan Cruyff, ein Held in Katalonien seit seinen Erfolgen mit dem FC Barcelona. Angeblich befürwortet rund die Hälfte der Katalanen sogar die staatliche Autonomie, eine komplette Abspaltung ihres Landes von Spanien. Für Ende 2014, genauer gesagt: für den 9. November, den katalanischen Nationalfeiertag, ist ein Referendum über die politische Zukunft Kataloniens geplant.

Die kulturelle Selbstbehauptung hat in „Catalunya“ altehrwürdige Wurzeln. Schon im frühen Mittelalter war die Region um Barcelona westgotisch, später westfränkisch gefärbt. Doch man verteidigte seine Selbstständigkeit auch gegen den Einfluss aus dem Norden, wurde zum wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der „Krone Aragoniens“, behielt seine regionale Identität zwischen Spanien und Frankreich. Im 20. Jahrhundert jedoch, vor allem unter dem Diktator Franco, wurde der Nordosten Spaniens systematisch „entkatalanisiert“. Die katalanische Flagge, Hymne und Sprache wurden schon 1923 verboten. Desto stärker musste das katalanische Selbstbewusstsein zurückkehren, als die Diktatur endete und Katalonien 1982 zur „Autonomen Gemeinschaft“ wurde. Die Katalanen wollen in Europa ihren eigenen Weg gehen. 2012 haben sie als erste Festlands-Region Spaniens den Stierkampf abgeschafft.

Symbol der Freiheit: die Sardana

Die Sardana, der katalanische Nationaltanz, war während der Diktatur viele Jahre lang verboten. Heute ist dieser festliche Reigen fast überall in Katalonien wieder anzutreffen, übrigens auch im französischen Nordkatalonien rund um die Stadt Perpignan (Département Pyrénées-Orientales). Seit dem Ende der Diktatur in Spanien und der Legalisierung der Sardana verstehen die Katalanen ihren Tanz ganz allgemein als Ausdruck von Freiheit, Frieden und Gleichberechtigung. Man tanzt ihn nicht nur in traditioneller Bauerntracht oder im folkloristisch modifizierten Tanzdress, sondern häufig auch in Straßenkleidung auf öffentlichen Plätzen. Jeder und jede darf dabei mitmachen und mitten im Tanz zum Reigen hinzustoßen. Der berühmte katalanische Cellist Pau (spanisch: Pablo) Casals sagte über die Sardana: „Die Demokratie inspiriert ihre Regeln. Jeder ist willkommen, zu jedem Moment. Die Symbolkraft dieses Tanzes besteht darin, dass man sich in vollkommener Harmonie und Gleichheit die Hände reicht.“

Lange wollte man glauben, das Wort „Sardana“ weise auf eine Herkunft des Tanzes aus Sardinien hin, vielleicht sogar auf einen antiken Sternenkult aus dem östlichen Mittelmeer. Heute weiß man jedoch ziemlich sicher, dass der Name von der Cerdanya abgeleitet ist, einer gebirgigen Gegend im Norden Kataloniens. Noch im 16. Jahrhundert galt die Sardana als ein „unanständiger“, bäuerlicher Tanz, war jedoch schon im 17. Jahrhundert sogar am Hof in Madrid beliebt. Heute kann man die Sardana am Wochenende auf mehreren Kirchplätzen in Barcelona erleben und mittanzen. Die Tänzer und Tänzerinnen finden sich dabei in Kreisen zusammen und halten einander an den Händen, wobei sich immer ein Mann und eine Frau im Kreis abwechseln. Die kleinen gemeinsamen Tanzschritte sind exakt vorgegeben, die Schritt- und Hüpffolgen relativ kompliziert. Meist gibt daher ein „Cheftänzer“ die Anweisungen. Es ist ein langsames, konzentriertes Ritual – feierlich, ernsthaft, minimalistisch. Die Sardana wird bei vielen traditionellen Gelegenheiten in Katalonien getanzt und hat sogar ihre eigenen Festivals (Aplecs). Dort ist oft verbindlich festgelegt, wie viele Sardanes welcher Art aufeinander zu folgen haben. Bei der „Festa major“ in Montserrat vor der Klosterkirche zum Beispiel sind es immer 63 Sardanes. Eines der größten Sardana-Feste ist die „Diada de la Sardana“. Sie steigt immer Ende April, wobei jedes Jahr eine andere Gemeinde als „Ciutat Pubilla de la Sardana“ fungiert.

Die katalanische Elf: die Cobla

Mitte des 19. Jahrhunderts hat der Tänzer Miquel Pardàs i Roure ein verbindliches Regelwerk für den Tanz der Sardana geschaffen. Der Komponist Josep Maria Ventura i Casas, kurz: Pep Ventura (1817 bis 1875), reformierte gleichzeitig das Orchester, das traditionell zur Sardana aufspielt. Bis dahin hatte das Musikensemble der Sardana, die Cobla, meist nur vier Instrumente umfasst: das Flabiol (eine hohe Ein-Hand-Flöte), das Tamborí (eine winzige Ein-Hand-Trommel mit einem Schlägel), die Cornamusa (einen Dudelsack) und die Tarota (eine Hirtenschalmei). Drei, vier oder höchstens sechs Musiker bildeten die traditionelle Cobla. Doch die nach dem Jahr 1800 gewachsenen Dimensionen der Freiluft-Veranstaltungen verlangten nach einer größeren Band mit stärkeren Instrumenten. Die Fortschritte in der Instrumente-Herstellung, besonders die Erfindung der Ventile, machten es möglich. Pep Ventura schritt zur Tat.

Das Ensemble, das er schuf und das bis heute in der katalanischen Tradition weitgehend verbindlich ist, erinnert an eine Fußballmannschaft: Es sind zehn Bläser und ein Kontrabass. Die Bläser ordnete Ventura in zwei Fünfer-Linien hintereinander: vorne, sitzend, das Holz, der bewährte Klang – und hinten, stehend, das Blech, der neue Klang. Vorne ganz links sitzt der Flabiol- und Tamborí-Spieler, der nach Art mittelalterlicher Spielleute beide Instrumente gleichzeitig bedient. Neben ihm sind die vier Schalmeien platziert, die mit doppeltem Rohrblatt geblasen werden: in der Mitte zweimal das Tible, die Diskantschalmei, rechts davon zweimal die Tenora, die Tenorschalmei. Hinter ihnen stehen die fünf Blechbläser: links zwei Trompeten, in der Mitte eine Ventilposaune, rechts daneben zwei Bass-Flügelhörner (Fiscorn), die man selbst in Polka- oder Marschkapellen heute kaum noch zu hören bekommt. Der Kontrabassist steht ein wenig abseits, vom Betrachter aus rechts. Bei konzertant gespielten Sardanes kommen gelegentlich noch weitere Bläser dazu.

Flabiol, Tible, Tenora

Die Musik, die die Cobla zum Tanz der Sardana bläst, wirkt festlich und altertümlich. Das liegt nicht nur an dem etwas steifen 2/4-Takt, der hier überwiegt, sondern natürlich auch am prägenden Flöten- und Schalmeienklang, der uns an Mittelalter und Renaissance erinnert. Die in F-Dur gestimmte Einhandflöte geht im Ensembleklang etwas unter, gibt dafür aber immer wieder solistisch die Themen vor. Ihre Ein- und Überleitungen werden dabei zuweilen frei gestaltet. Auch das markante Tible, aus der Renaissance-Schalmei (Xeremia tible) entwickelt, ist in F-Dur gestimmt. Mit seinem heulend-grellen Diskantton und seinem glissandierenden Ansatz verleiht es der Musik einen etwas klagenden, dramatischen, auch orientalischen Charakter. Bis auf die Metallklappen wird das Tible noch immer ganz aus Holz hergestellt, und zwar aus dem Holz der Chinesischen Jujube (Rote Dattel, Azufaifa, Judendorn).

Als das Führungsinstrument der Cobla gilt hingegen die tiefere Schalmei, die Tenora. Sie hat einen Tonumfang von über drei Oktaven und klingt gedämpfter und weniger grell als das Tible. Ihr summender Ton ist sehr flexibel im Ausdruck. So schreibt der nordkatalanische (südfranzösische) Schalmeien-Virtuose und Sardana-Komponist Max Havart (1924 bis 2006), die Tenora klinge „nacheinander glänzend, lebhaft, majestätisch, stolz und hochmütig, witzig, klagend und leidenschaftlich“. Auch Pep Ventura, der historische Erfinder der Cobla-Elf, spielte die Tenora und sah sein Instrument im Zentrum des von ihm geschaffenen Ensembles. Auf Venturas Anweisung hin schuf der Instrumentemacher Andreu Turon i Vaquer 1849 die heute gebräuchliche Bauart. Sie hat 13 Klappen, ist stolze 85 Zentimeter lang und nicht gekrümmt. Wie das Tible ist sie aus dem Holz der Jujube gefertigt, besitzt aber eine metallene Stürze. Für den Sardana-Komponisten Juli Garreta i Arboix (1875 bis 1925) war die Tenora „das einzige Instrument, das einen Schrei des Glücks oder der Schmerzen mit menschlicher Stimme wiedergeben kann“.

Cobles überall

In der Region Barcelona mit ihren drei bis vier Millionen Einwohnern findet man heute die bekanntesten Cobla-Ensembles. Außerhalb der Metropolregion dürfte die Cobla „La Principal de la Bisbal“ die berühmteste sein, die 1888 im Ort La Bisbal d’Empordà gegründet wurde, nahe den Städten Girona und Figueres, die ebenfalls für ihre Sardana-Tradition legendär sind. Zur Verbreitung der katalanischen Kultur hat man vor rund 25 Jahren in Barcelona sogar einen „Aplec International“ ins Leben gerufen. Dieses Festival bringt Sardanes und Cobles jedes Jahr in eine andere europäische Stadt. In Deutschland fand der Aplec zuletzt 2007 in Frankfurt am Main statt. Den Anfang machte 1988 Amsterdam, wo auch die angeblich einzige Cobla außerhalb Kataloniens existiert: die Cobla La Principal d’Amsterdam.

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© 2014, 2026 Hans-Jürgen Schaal


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