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Longtrack

Zum Progrock gehören Tempowechsel, Klassik- und Jazzanklänge, umfangreiche Instrumentalteile und überraschende Instrumente. Weil das alles zusammen kaum in einen Drei-Minuten-Song passt, gibt es den Longtrack.

Änglagård, Jordrök (1992)

Von Adrian Teufelhart

Eine Handvoll junger Schweden hatte genug von den weichgespülten Pop-Melodien und säuselnden Synthesizern des „Neo-Prog“. Sie nannten ihn „kommerziellen Unsinn“. Stattdessen verehrten sie die alten Bands der frühen Siebziger, Formationen wie Yes und King Crimson – echte Instrumente, virtuoses Spiel. Die beiden Freunde Tord Lindman und Johan Högberg wollten mehr von diesem wahren Stoff und beschlossen, ihn selbst zu verfertigen. Sie hängten Poster auf in Plattenläden und schalteten Zeitungsanzeigen auf der Suche nach Gleichgesinnten. Es meldeten sich: Thomas Johnson und Jonas Engdegård, die ähnliche Pläne hegten. Das war im Sommer 1991. Die vier tauschten ihre Ideen aus und begannen zu arrangieren. Ende des Jahres kam Mattias Olsson dazu, gerade 17 Jahre alt, und wurde ihr Schlagzeuger. Im Frühjahr 1992 folgte die Flötistin Anna Holmgren. „Wir beschlossen: Wir machen das jetzt wirklich, wir machen das ultimative Symphonic-Rock-Album“, erzählt Olsson. Sie staunten wohl über ihren eigenen Mut. „Hybris“ nannten sie erstes Album.

An den Anfang setzten sie „Jordrök“ (= Erdrauch), ein elfminütiges Instrumentalstück – es ist die Nummer, mit der die Geschichte der Band beginnt. Thomas Johnson, der Keyboarder, hatte erste Ideen dazu schon 1989 entwickelt. Eine embryonale Fassung von „Jordrök“ hatte er auf einem Tape mit dabei, als die vier Kernmitglieder von Änglagård 1991 erstmals zusammentrafen. Damals erfanden sie ihre Strategie des gemeinsamen Erarbeitens: „Wir sehen uns Motive an, die wir aufgenommen oder über die wir gejammt haben. Einige Ideen werden akzeptiert, andere verworfen. Alle werden diskutiert, hin und her gewendet. Dann beginnen wir mit dem Arrangieren.“

So kann ein Stück entstehen wie „Jordrök“ – mit zahlreichen Themen, widerstreitenden Ansätzen, motivischen Überlagerungen und vielen Brüchen. Mit gegensätzlichen Stimmungen, verzinkten Figuren, komplexen Verschachtelungen und dynamischen Wechselbädern. Unvergesslich der Einstieg: eine einfache, aber mysteriös-kantige Klavierfigur. Die zweite berückende Stelle ist die Gitarrenmelodie mit Mellotronbegleitung (1:35), die nach zehn Takten wieder abbricht, in Schwebtöne mündet, dann wiederkehrt (2:34). E-Gitarre, Hammondorgel, Bass, Schlagzeug – der Sound ist kernig, die Textur komplex. Beim nächsten Bruch (3:23) meldet sich die akustische Gitarre, baut von Grund auf etwas Neues auf, melancholisch-romantisch, zwei Harmonien, die klassisch-folkige Querflöte darüber, dazu Glockenspiel und leises Schlagzeug. Drei Brüche später (8:46) scheinen sich viele der Entwicklungen zu versammeln im Finale.

Ganz klar: Das ist mehr Prog als Rock. Gewissermaßen angerockte elektrische Kammermusik. Kenner entdeckten darin Einflüsse von Steve Hackett und der Kultband SSF (Schicke, Führs & Fröhling). Die Fans nennen es den Beginn des „Retro-Prog“: „So etwas gab es seit den Siebzigern nicht. Einer der besten Songs in der großen, weiten Welt. Wenn eine Band das spielen kann, kann sie alles spielen.“

Erschienen in: Fidelity 50 (2020)
© 2020, 2023 Hans-Jürgen Schaal


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