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Es müssen gerechtigkeitsliebende Menschen sein, die das E-Mail-Zeichen für "at" - im Volksmund: "Affenschwanz" - ausgerechnet der Q-Taste zuordneten. Das Q ist der Paria unter den Buchstaben. Gäbe es nicht so viel Quark und Quatsch auf der Welt, dazu ein Versandhaus in Fürth, ein Fußball-Ratespiel auf SAT 1 und diverse Firmen von Quincy Jones, man könnte glatt vergessen, daß im Alphabet zwischen P und R ein weiteres Zeichen auf seine Verwendung wartet. Hand aufs Herz: Wieviele Jazzer-Namen mit Q wären Ihnen auf Anhieb eingefallen?

3 x Q
Gegen das Vergessen
(1998)

Von Hans-Jürgen Schaal

Natürlich feiern wir die Geburtstage von John Coltrane, Billie Holiday und Duke Ellington. Doch gäbe es ihre Großtaten ohne den Druck der Konkurrenz, ohne die Nachahmer, Pechvögel, vergessenen Stars, die die Kraft und Basis der Jazz-Tradition ausmachen? Stellvertretend für sie alle würdigen wir drei hervorragende Saxophonisten, die große Zeiten erlebten, deren Namen aber im Gedächtnis der Jazz-Welt fast verschüttet sind: Ike Quebec, Gene Quill, Paul Quinichette.

IKE QUEBEC (1918-1963)

Der Mann war ein Allround-Talent. Ursprünglich Tänzer und Pianist, später Bebop-Promoter, gilt er als Entdecker von Dexter Gordon und Leo Parker. Ike Quebec half in der 52. Straße aus, wenn ein Klavierspieler fehlte, arbeitete als A+R-Agent für Blue Note, empfahl dem Label Thelonious Monk und Bud Powell und wurde Alfred Lions rechte Hand. Zum Saxophon hatte Quebec erst mit 22 Jahren gefunden, doch schon drei Jahre später war er so gut, daß ihn Trompeten-König Roy Eldridge mit ins Plattenstudio nahm. Quebec machte Karriere als Swing-Tenorist: Im Sog von Coleman Hawkins' "Body and Soul" hatte er von 1944 bis 1946 einige echte Hits auf 78er Blue-Note-Scheiben. Zu dieser Zeit spielte er sein Tenorsaxophon für die Größten der Jazz-Welt - von Ella Fitzgerald über Benny Carter bis hin zum "Hi-De-Ho-Man" Cab Calloway, dem er sogar nach 1950 noch treublieb. Dann kam der Rückschlag: Drogenprobleme warfen den 35jährigen Quebec für sechs Jahre von der Szene.

Doch Alfred Lion ließ seinen Talentsucher nicht im Stich. Ab 1959 testete Blue Note die Chancen für Quebecs Comeback mit einem guten Dutzend Singles für die Jukebox. Quebecs rohgeschliffener, unwirscher, ins Fleisch der Musik schneidender Hawkins-Ton, durchsetzt mit Anleihen beim Rhythm & Blues und den modernen Hardbop-Sounds aus Hammondorgel und E-Gitarre, fand sofort sein Publikum. Seine Stärken waren der Blues und die Ballade, das Ausmelken der Melodie, der emotionale Tiefgang mit Phantasie und schwerem Ton. Zwischen November 1961 und November 1962 nahm er Material für mehr als ein halbes Dutzend LPs auf, begleitet von Blue-Note-Größen wie Grant Green, Kenny Burrell, Sonny Clark, Freddie Roach, Paul Chambers und Art Blakey. Doch die zweite Karriere - nun als Hardbopper - endete, bevor sie recht begann: Ike Quebec starb mit 44 Jahren an Lungenkrebs. Am 17. August würde er 80 Jahre alt.

GENE QUILL (1927-1989)

Er hatte irische Vorfahren, war ein Hitzkopf, ein guter Trinker, auch anderen Drogen nicht abgeneigt und immer für eine Schlägerei zu haben. Schon mit 13 war Gene Quill Profi, dann kam Charlie Parker, und dessen Sog konnte sich kein Altsaxophonist entziehen. Im vier Jahre jüngeren Phil Woods fand Quill - nach Parkers Tod - einen Geistesverwandten: Ihre Two-Alto-Band "Phil & Quill" bot flackernde Bebop-Phrasen, dynamisch sprunghafter als das große Vorbild und eingebettet in raffinierte Cool-Jazz-Arrangements. Auch auf Prestige-Platten wie "Pairing Off" (mit Donald Byrd und Kenny Dorham) und "Four Altos" kreuzten Phil und Quill die Klingen. Als Woods 1957 Parkers Witwe heiratete, war Quill der Trauzeuge. Fragte man Woods nach seinen Lieblings-Altisten, nannte er Charlie Parker, Jackie McLean und Gene Quill. Wenn sie gemeinsame Big-Band-Dates hatten, hörten sie hinterher selbst nicht mehr, wer von ihnen Lead und wer 2. Alt war: So ähnlich klangen sie einander.

Doch Quill bestand auch alleine: als unruhiger Bop-Altist mit Cry und Attacke oder auch als Klarinettist - dann eher kühl und klar. Er machte eine wunderbare Aufnahme mit drei Posaunen ("Three Bones And A Quill"), arbeitete sich durch die Big Bands von Buddy DeFranco, Quincy Jones und Gene Krupa und glänzte in den Arrangements der Cool-Experimentatoren wie Claude Thornhill, Manny Albam und Johnny Carisi. Jahrelang war er Satzführer in Gerry Mulligans gerühmter Concert Jazz Band und einer ihrer Hauptsolisten - neben Clark Terry, Bob Brookmeyer, Zoot Sims, Jim Hall und Mulligan selbst. Mit 38 Jahren gründete Quill seine eigene Band, doch da war die Zeit des Bebop erst einmal vorbei. Vielleicht wurden die Exzesse und die Schlägereien deshalb heftiger. Bei einer dieser Gelegenheiten erlitt er einige Jahre später eine Gehirnverletzung: Lähmungen zwangen ihn, das Spielen aufzugeben. Ein Jahrzehnt später starb er, mit 61 Jahren. Am 15. Dezember 1997 wäre er 70 geworden.

PAUL QUINICHETTE (1921-1983)

Er war der Mann, der Lester Young zur Verzweiflung trieb. "Er klingt mehr nach mir als ich selber", soll Pres gesagt haben. "Was soll ich da noch spielen? Soll ich ihn imitieren?" Dennoch nannte er Quinichette liebevoll "Lady Q", ansonsten hieß er der "Vice Pres". In der Tat: Quinichette war der Vize-Präsident jener "anderen" Art, Tenor zu spielen, die Lester Young erfunden hatte - weich, nonchalant, gesanglich, kühl. Viele Saxophonisten - wie Getz, Sims, Cohn, Eager - mischten Pres mit Bop, Quinichette aber liebte seinen Präsidenten pur: swingend und jumping. Schon als Kind hatte er Lester Young bewundert, er sah ihm sogar ähnlich. Auch Lesters Freunde akzeptierten "the kid from Denver": Bei Count Basie, in Lesters einstiger Band, schlug der Vice Pres zwei Jahre lang Tenor-Battles mit Eddie "Lockjaw" Davis, und als Billie Holiday 1956 wieder "God Bless The Child" und "Good Morning Heartache" aufnahm, war es kein anderer als Quinichette, der das Tenor blies.

Quinichette studierte Saxophon und Klarinette auf der Universität - ernsthaft, mit Abschluß. Auch sonst fehlte ihm für Albernheiten das Talent: Ein früher Job bei Jive-Master Louis Jordan war daher nur von kurzer Dauer. 1943 machte er seine erste Aufnahme als Sideman, 1951 als Leader, zwei Jahre später ernannte ihn Down Beat zum "New Tenor Sax Star". Quinichette glänzte bei Dinah Washington, Benny Goodman, Woody Herman. Doch die 60er Jahre wollten von Swing und Cool nichts mehr wissen. Lester starb 1959, sein Vize schlug sich mit anderen Jobs durch, vor allem als Elektrotechniker. In den 70ern griff er noch einmal zum Saxophon und hatte eine ziemlich unbekannte Band mit Buddy Tate, "Two Tenor Boogie". Nach einer anstrengenden Nacht soll er einmal, auf der Fahrt zu einem Gig nach Boston, noch im Halbschlaf einen Fernseher im Auto repariert haben. Das war 1975. Quinichette mußte vorzeitig das Spielen aufgeben und starb mit 62 Jahren. Der 25. Mai war sein 15. Todestag.


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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