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Apocalyptica Now!
Schwermetall von Cellosaiten
(1998)

Von Hans-Jürgen Schaal

Rockmusiker mögen Klassik. Die Band Deep Purple spielte einst mit dem Allegretto aus Beethovens Siebenter, Jethro Tull verarbeitete die Bourrée aus Bachs Lautensuite in e-moll. Andere bedienten sich bei Ravels Bolero, Khatchaturians Säbeltanz, Holsts Planeten, Prokofievs Leutnant Kijé oder Griegs Peer Gynt, und ein gewisser Keith Emerson trieb sich sogar bei Sibelius, Tschaikowsky, Bartók und Janacek herum. Natürlich spiegelt sich in dieser Vorliebe ein Stück Prestige-Neid, denn klassische Seriosität wird einem Rocker nie zuteil, auch wenn er in Ehren ergraut. Ebenso mag Vergangenheits-Bewältigung eine Rolle spielen: Welcher gute Keyboarder hätte nicht im Kindesalter klassische Etüden geklimpert? Doch auch das erklärt nicht alles.

Die Affinität zwischen Rock und Klassik reicht tiefer. Sie hat mit jener Fetischisierung des prägnanten Motivs und der "schönen Stelle" zu tun, die man beim klassischen Konzertpublikum vielfach findet - aber eben nicht nur dort. Je martialischer, je wuchtiger ein klassisches Thema daherkommt - quasi mit Pauken und Trompeten -, desto natürlicher läßt es sich auch zum harten Gitarren-Riff verwandeln. Der Kritiker Hans-H. Stuckenschmidt nannte die klassische abendländische Musik - unter globalem Aspekt - "rhythmisch unterentwickelt": eine Musik, die Perkussions-Instrumente nur zum aggressiven Lärmmachen benützt. Wie zum Beweis dafür mußte Beethoven die Gewaltorgien in "Clockwork Orange" begleiten, und Wagner trieb die Helikopter-Angriffe in "Apocalypse Now" voran. Heute findet die deutsche Heavy-Metal-Band Mekong Delta bei Mussorgsky und Ginastera das passende Material für ihre kruden Lärmschlachten.

Das Violoncello-Quartett Apocalyptica dreht nun den Spieß um - schlau und gekonnt. Mit ihren ehrwürdigen Instrumenten (darunter ein Guerzan von 1738 und ein Gulbrandt Enger von 1882) gehen diese vier jungen Männer aus Finnland ihrerseits auf Materialsuche im Heavy-Metal-Bereich. Ohne weitere Instrumente, aber mithilfe fortgeschrittener Studiotechnik schaffen sie einen Klangkörper, der ungeniert den aggressiven, kratzigen Sound härtester Rockbands nachahmt: schmucklose Streichermusik von barbarischer Motorik und minimalistischer Melodie. Zwischendurch - in den Balladen - gerät Heavy Metal auch zur Cello-Romanze, unsentimental und schlicht: eine raffinierte, doppelte Verfremdung, die Apokalypse aller Genre-Zuweisungen. Der Zeitgeist lächelt dazu, aber es ist ein diabolisches Lächeln.

© 1998, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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