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Porträt
Archie Shepp
(1995)

Von Hans-Jürgen Schaal

In den 60er Jahren wurde ihm von den Traditionalisten unterstellt, er könne keine Changes spielen. Als er sich populäreren Tönen widmete, weil ihm der Free Jazz zu elitär wurde, schimpften die Progressiven auf seine "Micky-Maus-Musik". Dann wandte er sich vermehrt Standards, Bop- und sogar Oldtime-Nummern zu und wurde prompt als bekehrter Neo-Traditionalist vereinnahmt. Alles falsch: Vom Mainstream-Esperanto der Jungstars aus der Retorte ist Shepp so weit entfernt wie ein Walgesang von einer Windharfe. Seine Gestaltung der Tradition mag wechselnde Akzente kennen, doch unverändert ist sein subjektiver, kritischer Zugang dazu. Schwarze Musikgeschichte war für Shepp immer ein lebendiges Erbe, keine heilige Kuh.

Unter den Pionieren des Free Jazz war er mit Abstand der unterhaltsamste. Archie Shepps Musik zielte immer schon über die Musik hinaus, auf den Hörer, auf die Gesellschaft. Während manche seiner Kollegen ihre ganze Energie in ihr künstlerisches Anliegen steckten (und sich darin aufzehrten), blieb Shepp noch die Kraft, dieses Anliegen zu reflektieren. Literarisch schlug sich das schon früh in sozialkritischen Aufsätzen, Dramen und Gedichten nieder, musikalisch in einer Dramaturgie der Bruchstellen. Bei Shepp war Free Jazz nicht nur Kakophonie und neutönerische Partitur, sondern offen für New-Orleans-Märsche, Ellington-Balladen, den Blues und selbst "The Girl From Ipanema". Eines kippte da unvermittelt ins andere um: Richtigstellung, Bloßstellung, Zur-Diskussion-Stellung. Gezielte Kritik schwang darin mit, auch Wut und viel Humor. Mehr Humor als bei Mingus jedenfalls.

Was musikalisch zerbrochen schien, ist in Archie Shepp selbst noch als ein Ganzes gewachsen. Der Mann ist mit dem Rhythm & Blues großgeworden, seine Familie kam aus dem Süden. Er selbst spielte die Südstaaten-Musik im Stil eines Arnett Cobb und Illinois Jacquet, blies Swing-Balladen wie Webster und Hawkins, geriet durch Cecil Taylor 1960 in die New Yorker Avantgarde-Szene, tat sich mit Tchicai und Cherry zusammen und wurde - wie die meisten - zum Verehrer Coltranes. Die Platten "Fire Music" und "Mama Too Tight" sind Shepps Meisterwerke geblieben: Dokumente eines sich selbst befreienden Jazz, eines visionären Komponierens von Botschaften.

Damals war Archie Shepp der zornige junge Mann um die dreißig, der studiert hatte und soziale Mißstände anprangerte. "Jazz handelt von deiner Umwelt", sagte er damals, und: "Der Jazzmusiker ist wie ein Reporter". Inzwischen ist Archie Shepp dreißig Jahre älter, die Zeiten haben sich geändert, die großen, avantgardistischen Visionen sind verflogen. "Unsere Symbole - auch das Saxophon - sind in den Augen des schwarzen Ghettos Symbole der Mittelschicht", sagte er kürzlich in einem Interview. "Amerika ist ein rückständiges Land. In der Universitätsklasse, in der ich die Geschichte der schwarzen Musik unterrichte, sind gerade mal zwei Schwarze. Schwarze Kinder können sich doch nicht einmal mehr ein Instrument leisten."

Gescheitert ist der musikalische und politische Aufbruch der 60er Jahre. Geblieben ist ein großartiger Improvisator und sein noch immer einzigartiger Sound. Was Shepp in den Jahren des Free Jazz so geistreich auskomponierte, hat sich in diesem Sound bewahrt: die Dramaturgie der Bruchstellen im historisch-stilistischen Kontinuum, das Aufeinandertreffen von süß, rauh und free, und neuerdings auch das Echo von Rap und HipHop. In jedem Ton von Shepp hört man noch immer die ganze Story, wenn man will.

Schon 1965 beschrieb Amiri Baraka das emotionale Register des jungen Saxophonisten also so vielfältig, "daß er fähig ist, an jedermanns Stil zu erinnern, obwohl die Ideen und Bilder, durch die sein Spiel so schön wird, letztlich seine eigenen sind". Inzwischen erinnert uns Archie Shepps Spiel immer zuerst an Archie Shepp. Keiner verschleift so wie er die Phrasen, macht den Ton heiser und kreischend oder hohl und dumpf, erzeugt aus der technischen Zurückhaltung so viel Intensität. Während jeder Newcomer darauf brennt, an den Achtelnotenflügen des Bebop seine Technik zu demonstrieren, nimmt sich Shepp die Freiheit, Töne eines Themas zu verändern, wegzulassen, aufzurauhen oder zu verschmieren. In jeder seiner Phrasen tobt die Energie schwarzer Tradition, aber der Zusammenhang folgt nicht der musikalischen Alltagslogik.

Der Zusammenhang in Shepps Spiel heißt schlicht Archie Shepp. Seine persönliche Geschichte ist längst zu einem eigenen Kapitel Musikgeschichte geworden: Der Mann ist die lebendige Tradition seiner selbst. Und mehr denn je - mit einzigartigen klanglichen Mitteln - ein sardonischer Reporter seiner Zeit.

© 1995, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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