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Benny Goodman hat weder die Big Band noch den Swing erfunden. Dennoch war er es, der 1935 über Nacht das Swing-Fieber auslöste, und er blieb fast 10 Jahre lang der unumstrittene "King of Swing". Sein Geheimnis: die raffiniertesten Arrangeure, die jazzigsten Solisten, der drängendste Rhythmus und höchste Disziplin. Nicht zu vergessen: die brillanteste Jazz-Klarinette aller Zeiten. Am 30. Mai 1999 wäre Benny Goodman 90 Jahre alt geworden.

BENNY GOODMAN
Ein König mit 27 Jahren
(1999)

Von Hans-Jürgen Schaal

Benny Goodman kam im jüdischen Ghetto von Chicago zur Welt, das 1909 noch einem Elendsviertel glich. Der Vater stammte aus Polen, die Mutter aus Litauen, Benny war das neunte Kind. Als der Vater auf die Idee kam, seine Söhne Musikinstrumente erlernen zu lassen, mußte der Älteste (Harry) die Tuba schleppen, während Benny - als der Kleinste - die Klarinette bekam. In Chicago fand der Youngster einen der besten Klarinettenlehrer Amerikas, den legendären Franz Schoepp, durch dessen "deutsche" Schule auch schwarze Jazzmusiker wie Buster Bailey und Jimmie Noone gingen. Alle drei - Bailey, Noone und Goodman - standen in den 20er Jahren für einen tiefgreifenden Wandel der Jazz-Klarinette: weg vom hellen, leichtfüßig ausschmückenden Dixieland-Instrument kreolischen Stils, hin zur starken, klaren solistischen Stimme.

Benny Goodman, das Wunderkind: Mit 10 bekam er sein Instrument, mit 11 spielte er es angeblich "konzertreif", mit 12 gab er sein Debüt, mit 13 war er bereits Profi-Musiker und mußte die Schule sausen lassen. Und in diesem Tempo ging es weiter: Mit 16 trat er Amerikas führender weißer Jazzband bei, dem Orchester von Ben Pollack, mit 17 nahm er dort sein erstes Solo auf, mit 18 waren seine "Jazz Breaks" bereits als Notenheft erhältlich, mit 19 war er der unumstrittene Star der Band. Dann kam der Aufstieg zum Gipfel: Mit 20 Studiomusiker in New York, mit 25 Bandleader, mit 27 der "King of Swing", mit 28 der Eroberer der Carnegie Hall.

Welche Steigerung sollte da noch kommen? Also veröffentlicht Benny Goodman mit stolzen 30 Jahren bereits seine Autobiographie, er fühlt sich ausgelaugt und gesundheitlich angeschlagen. Vom 33jährigen heißt es, er habe "den Abstieg angetreten", vom 37jährigen, er danke ab. In den restlichen 40 Jahren seines Lebens stellte Goodman nur noch zu bestimmten Anlässen und Tourneen eine Band zusammen, und die PR rund um das Ereignis schien ihm wichtiger zu sein als die Musik. Er machte Platten, Filme, Fernsehshows, er ließ sich feiern als amerikanische Idolfigur und nahm vier Jahrzehnte lang seinen ruhmvollen Abschied vom Ruhm.

Ein seltsamer Mensch, dieser Benny Goodman. Die Wunderkind-Karriere war ihm offenbar früh zu Kopf gestiegen, und seine Arroganz wurde sprichwörtlich. Das Gros der Musiker, die für ihn arbeiteten, kam daher nur schwer mit ihm aus: Bandleader Goodman galt als launisch, jähzornig und geizig. Er kritisierte gern und lobte nie, verlangte eiserne Disziplin und gute Manieren, schnorrte bei seinen Angestellten die Zigaretten und die Klarinettenblättchen, verstand keinen Spaß und verbreitete schlechte Laune. Er konnte sich viele Namen und Gesichter in der Band nie merken, setzte Stücke vom Programm, wenn ein Solist ihm die Schau zu stehlen drohte, und schickte beim Konzert am liebsten strafende Blicke in die Runde. Ein Job bei Goodman versprach viel Geld und wenig Freude an der Arbeit. Als Zoot Sims einmal nach seinen Erlebnissen mit Goodman in Rußland gefragt wurde, sagte er nur: Jeder Auftritt mit Benny ist wie Rußland.

Weil er schon als Jüngling überall aneckte, flog Goodman nicht nur bei Pollack, sondern auch bei Red Nichols aus der Band, mit dem er immerhin zwei Gershwin-Premieren am Broadway begleitet hatte. Zu seinem großen Glück geriet er damals an John Hammond (1910-1987), den legendären Kritiker und Produzenten, der auch die Karrieren vieler schwarzer Musiker gefördert hat - von Count Basie bis Aretha Franklin. Hammond sah in Goodman den armen, benachteiligten Ghetto-Jungen, nahm sich seiner an und führte ihn mit anderen seiner Protegés zusammen - mit Teddy Wilson, Fletcher Henderson, Billie Holiday. Zwischen 1929 und 1934 brachte es Goodman in New York als freier Studiomusiker auf mehr als 500 Platten-Produktionen.

Als seine persönlichen Probleme auch die freie Studioarbeit zu behindern begannen, half nur noch eine eigene Band. Die Eröffnung eines neuen Clubs bot die Chance, ein Haus-Orchester aufzubauen, dann folgte die Radioshow "Let's Dance", die noch eine Hot-Band brauchte. Als beide Engagements zu Ende waren, ging das Goodman-Orchester eher aus Verlegenheit auf Tournee. Die Band spielte in miesen Lokalen und für schlechte Gagen und stand mehr als einmal vor der Auflösung. Im August 1935 erreichte man Los Angeles und beschloß: Wenn schon untergehen, dann wenigstens mit Spaß dabei! Also warf man alle süßlichen Tanznummern aus dem Programm, hottete los - und hatte einen Riesen-Erfolg. Das Engagement im Palomar Ballroom wurde auf zwei Monate verlängert und brachte über Nacht den Siegeszug des Swing.

Benny Goodman war in eine Marktlücke getappt. Während die großen Bands der 20er Jahre als altmodisch galten und jüngere Bands noch organisatorische Probleme hatten, besaß er im richtigen Augenblick das Rezept zum Erfolg. Fletcher Henderson hatte 1934 sein Orchester aufgegeben, stand ihm als Arrangeur voll zur Verfügung und schuf zusammen mit Jimmy Mundy und Spud Murphy die dichtesten Big-Band-Miniaturen der Zeit, voller raffinierter Details und ineinandergreifender Aktionen. Goodman setzte auf sexy Sängerinnen (zunächst Helen Ward, später Peggy Lee), auf echte Jazz-Solisten als Satzführer und einen drängenden, heißen Swing: Schlagzeuger Gene Krupa war der zweite Star der Band. Goodman trainierte unermüdlich die Intonation seiner Musiker, die Dynamik, die saubere Satzarbeit und die Atmung. Was da entstand, war im Jazz ohne Beispiel: eine perfekte Hochleistungs-Maschinerie aus Professionalismus und Disziplin. Den Rest besorgte Hammonds Promotion.

Der Swing wurde als die Wiederkehr des Jazz gefeiert. Der Swing hatte seine eigene Mode, seine Sprache, seine Tänze, war Protest-Ausdruck der Jugend - und Benny Goodman war sein König. Beim nächsten Engagement im Palomar Ballroom erhielt die Band die dreifache Gage, 1937 eroberte sie das Paramount Theater in New York, 1938 brachte sie erstmals Jazz in die Carnegie Hall: Benny Goodman war der Megastar der Popmusik. Man bedenke: 1939 machte der Swing 85 % aller Plattenverkäufe in Amerika aus. Goodmans Ruhm blieb bis heute unverwüstlich, aber mit seinem Big-Band-Erfolg ging es schnell wieder bergab. Die Musiker kamen und gingen, der Bandleader wurde immer ungeduldiger, er flirtete halbherzig mit dem Bebop und ausgedehnter mit dem Alkohol. Er zog sich zurück, stand aber immer bereit, wenn es galt, sich feiern zu lassen.

Unschätzbar ist Benny Goodmans Verdienst um die praktische Aufhebung der Rassentrennung. John Hammond, ein dezidierter Freund der Schwarzen, hatte schon früh angeregt, daß Goodman mit gemischten Bands auftrat und aufnahm - um 1930 noch ein beispielloses Unternehmen. Später war es Goodman selbst, der seinen Ruf und Erfolg für diese Idee in die Waagschale warf und schwarze Musiker wie Charlie Shavers, Trummy Young, Cootie Williams oder Charlie Christian in die Band holte. Goodman wehrte sich ausnahmslos gegen die kleinen rassistischen Schikanen von Hoteliers und Veranstaltern und drohte ihnen gewöhnlich damit, seine Auftritte platzen zu lassen. Er schuf politische Präzedenzfälle.

Das schönste musikalische Resultat dieser antirassistischen Haltung waren Goodmans Small Groups, in denen er gerade auch mit schwarzen Musikern die Feinheiten der hohen Jazz-Kunst erkundete. Das Trio mit Teddy Wilson und Gene Krupa und das Quartett mit Lionel Hampton nahmen zwischen 1935 und 1939 fast fünfzig Titel auf und schufen ein wichtiges Fundament für eine moderne, "kühle" Combo-Ästhetik. Dem späteren Sextett bzw. Septett gehörten mit Charlie Christian oder Cootie Williams wieder schwarze Musiker an, die über alle stilistischen Grenzen und Epochen hinweg große Instrumentalkunst verkörpern. Im Gegensatz zur ungebrochenen Profi-Maschinerie der Big Band waren Goodmans Combos ein Ort für Nuancen, melancholische Gefühle und solistischen Tiefgang. Hier hat der Klarinettist Goodman sein Bestes gegeben.

Ebenfalls auf John Hammond ging Goodmans eher unglücklicher Flirt mit der klassischen Musik zurück. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms, 1938, dem Jahr des Carnegie-Hall-Konzerts, sollte mit Mozarts Klarinettenquintett Benny Goodmans Sonderstellung unterstrichen werden. Als Goodman erkannte, daß die PR-Aktion ihn zu überrumpeln drohte, begann er zusätzliche Studien bei klassischen Klarinettisten wie Simeon Bellison und Reginald Kell. Mit Werken von Mozart, Brahms, Weber und Copland bestritt er die meisten seiner klassischen Konzerte, daneben spielte er auch Poulenc, Debussy, Händel, Bernstein oder Stravinsky. Die starke Persönlichkeit jedoch, die er als Improvisator besaß, konnte er als Interpret klassischer Werke nie beweisen: Sein Spiel blieb da seltsam uninspiriert und mechanisch. Immerhin bereicherte sein Klassik-Spleen die Klarinettenliteratur: Copland, Hindemith, Bartók, Milhaud und andere komponierten in Goodmans Auftrag. An seinem Todestag lag Brahms' Opus 120 auf dem Notenpult.

© 1999, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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