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Als Kind hieß er "Dictionary", "Professor" oder "Sissy" (Weichling). Der kleine, von Rachitis gezeichnete Junge mit dem runden Brillengesicht lebte mehr in der Bibliothek als auf der Straße. Sein Traum war es, klassischer Pianist oder Komponist zu werden, doch das verbot seine Hautfarbe. Also spielte er Bar-Piano, schrieb Tanzband-Arrangements und hoffte auf die große Chance. Und die kam.

Billy Strayhorn
Wunderkind und Dandy
(1997)

Von Hans-Jürgen Schaal

Der 2. Dezember 1938 war das wichtigste Datum im Leben von Billy Strayhorn. An diesem Tag durfte der 23jährige dem berühmten Duke Ellington vorspielen, direkt nach der Matinee-Show des Ellington-Orchesters im Stanley Theatre von Pittsburgh. Billy kopierte auf dem Klavier einige Nummern des Auftritts, Ton für Ton wie gerade gehört, packte sie dann in neue Harmonien, baute sie von Grund auf um und lieferte als Zugabe ein paar eigene Songs. Um sicherzugehen, daß er nicht träumte, rief der Duke seine Vertrauten zu sich: Harry Carney, Johnny Hodges, die Sängerin Ivie Anderson. Die bestätigten ihm, was er hörte, und Ellington nutzte die Woche gut: Strayhorn mußte ihm als weitere Talentproben die Lyrics für einen Instrumental liefern und die Vokalnummer "Two Sleepy People" orchestrieren. Das Arrangement hatte am letzten Tag des Gastspiels seine Feuertaufe in der Show, ungeprobt. Dann reiste das Ellington-Orchester wieder ab.

Zwanzig Dollar gab ihm der Duke - und das Versprechen, über eine Zusammenarbeit nachzudenken. Doch schon nach einem Monat verlor Billy Strayhorn die Geduld, fuhr nach New York und suchte Ellington. Der hatte ihm für alle Fälle den Weg beschrieben, "Take the A-Train", und Billy brachte ihm als Gastgeschenk ein Stück mit diesem Namen mit. Er wurde willkommen geheißen und in die Familie aufgenommen - ohne Vertrag, ohne klar definierte Aufgaben. Ein lebenslanger, sicherer Job.

Die Zusammenarbeit von Ellington und Strayhorn erfüllte beiden Musikern einen Traum. Ellington, der vielbeschäftigte Bandleader, fand in Strayhorn den Mann, der seine Entwürfe zu Ende bringen konnte, wenn ihm selbst die Zeit fehlte. "Es ist wunderbar, auf der Bühne den Applaus für eine Strayhorn-Orchestrierung entgegenzunehmen", sagte er launig. "Das gehört zu den Dingen, die ich am besten kann." Strayhorn wiederum ermöglichte die Bindung an Ellington jenes Leben, das er sich schon als 17jähriger in seinem Song "Lush Life" gewünscht hatte: ein Existenz als Ästhet und Dandy, elegant, urban, ausschweifend. Während Ellington den Tournee-Streß hatte, las "Sweet Pea" gute Bücher, besuchte Museen, verkehrte in Bars (sogar ein Drink wurde nach ihm benannt) und bekannte sich zu seiner Homosexualität. Letzteres wäre nicht möglich gewesen, hätte er unter eigenem Namen Karriere machen wollen. Nicht als Schwarzer. Nicht in den 40er Jahren.

Erst nach einem Monat bei Ellington erhielt er seinen ersten Auftrag. Er sollte über Nacht zwei Stücke für eine kleine Besetzung arrangieren, die am nächsten Tag unter der Leitung von Johnny Hodges ins Aufnahmestudio ging. Ellington änderte keine Note an den Arrangements, und Johnny Hodges war ab sofort der Strayhorn-Interpret Nummer eins. Keiner hat so wie der etwas rätselhafte Altsaxophonist die süß-traurigen Intervalle von Strayhorns Melodien interpretiert, Themen voller Raffinesse und Sehnsucht: "Lotus Blossom", "Passion Flower", "Day Dream", "After All", "Star-Crossed Lovers", "Wounded Love", "Isfahan", "Your Love Has Faded", "A Flower Is A Lovesome Thing" und, nach Strayhorns Tod, "Blood Count".

Wie groß Strayhorns Anteil an Ellingtons Musik ist, wird sich bei vielen Kompositionen nie ganz klären lassen. Wäre nicht Ende 1940 die amerikanische Autoren-Organisation ASCAP bei den Radios in Ungnade gefallen, hätte sich Strayhorns eigenständiges Talent vielleicht sogar nie richtig profiliert. Doch von einem Tag zum anderen war das Ellington-Orchester aus den Radioprogrammen verbannt und brauchte ganz schnell ein neues Repertoire, das nicht von einem ASCAP-Mitglied (wie Ellington) geschrieben war. In einem kreativen Kraftakt schufen Strayhorn und sein interner Konkurrent, Ellingtons Sohn Mercer, in kürzester Zeit ein komplettes neues Bandbook. Darunter waren exquisite Strayhorn-Meisterwerke wie "Chelsea Bridge", "Johnny Come Lately", "Rain Check" oder "Passion Flower". Und natürlich die ausgearbeitete Version des "A-Train", ab sofort die Erkennungsmelodie der Band.

Dieser Strayhorn-Schub machte Eindruck und prägte eine ganze Generation von Jazz-Arrangeuren wie Gil Evans, John Lewis, Gerry Mulligan, Dizzy Gillespie, Ralph Burns oder Slide Hampton. Aber auch den Duke selbst: Der präsentierte 1943 sein Großwerk "Black Brown & Beige", deutlich beflügelt von Strayhorns harmonisch gewagten Höhenflügen. Billys eigene Handschrift erkennt man in späteren Suiten wie "Perfume Suite", "Such Sweet Thunder", "Suite Thursday", "Far East Suite", "The Queen's Suite", "Liberian Suite" oder "Nutcracker Suite". Nach vorsichtigen Schätzungen schrieb er während der 30 Jahre bei Ellington 1500 Kompositionen, wovon viele nie aufgeführt wurden. Acht dieser unbekannten Meisterwerke erlebten 1995 durch das Dutch Jazz Orchestra ihre Premiere.

© 1997, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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