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Manchmal wird er für Wyntons jüngeren Bruder gehalten, worüber er sich ziemlich aufregen kann. Deshalb sei es klipp und klar gesagt: Branford ist der Älteste der sechs Marsalis-Brüder. Der, der sich seinen Weg erkämpfen musste und von dessen Kampf die Jüngeren profitierten. Im Rampenlicht stand meist ein anderer, Wynton, der Trompeten-Engel, das gefeierte Wunderkind. Das war schon zu Anfang der 80er Jahre so, als die beiden Brüder Art Blakeys Jazz Messengers aufmöbelten. Wynton war die Sensation und wurde daraufhin von Herbie Hancock engagiert. Branford musste dagegen vorerst mit Jazz-Großvätern wie Lionel Hampton und Clark Terry vorlieb nehmen.

Branford Marsalis
Der Modernist
(1999)

Von Hans-Jürgen Schaal

Das Verhältnis zu Wynton ist gespannt. Der Jüngere hat sich zum scheinheiligen Traditionshüter entwickelt, zum lebenden Klassiker und politischen Spokesman und Wächter des Wahren und Guten. Klar, auch Branford hat sich daraufhin mal in Klassik versucht. Aber was sind die schönsten impressionistischen Romanzen, fürs Sopransaxophon transkribiert, gegen die gestandenen Trompetenkonzerte von Haydn und Hummel? Vielleicht ist es gerade Wyntons Klassizismus, der Branford immer stärker in die Rolle des Modernisten treibt - und umgekehrt. Wynton wettert gegen Pop und Rap, Branford sucht die Nähe zu Pop und Rap und gerät damit in die Schusslinie des Bruders. "Das ist schon ein Stachel, wenn dein eigener Bruder eine ganz andere Philosophie vertritt als du selbst", gibt Branford zu. "Bei all der Scheiße, die du von außen abbekommst, erhoffst du dir wenigstens von der eigenen Familie etwas Verständnis und Respekt. Aber Wynton ist der felsenfesten Überzeugung, dass er einen ständigen Krieg führen muss, um seine Art von Musik zu propagieren - und da macht er auch vor mir nicht Halt." Und jetzt: Keine weiteren Fragen zu Wynton, bitte!

Die sind auch nicht nötig: Branford ist ohnehin der musikalisch Interessantere der beiden. Auf dem Tenorsaxophon (und dem Sopran) hat kein anderer Musiker seiner Generation so vital und ernsthaft "Modern Jazz" gelebt - mit allem Mut auch zur Härte, Strenge und Zerrissenheit. Vor zehn Jahren schon holte ihn der große Sonny Rollins als Gast ins Studio und designierte ihn zum Nachfolger auf den Tenor-Thron. Wenn Branford nur schlicht den Blues bläst, dann scheint ein Gigant aus den 50er Jahren wieder aufzuerstehen - so wie beim diesjährigen Münchner Klaviersommer. Doch der Blues der Vergangenheit ist einem Branford Marsalis natürlich nicht genug: Er sucht die Brechung der Gegenwart, die Dekonstruktion und Verwandlung. Berührungsängste gegenüber der Avantgarde kennt er nicht.

Seine Popularität in Amerika verdankt er weniger der nüchternen Konsequenz des Jazzmusikers als seiner Offenheit für musikalische Parallelwelten. Als Mitstreiter bei Sting, Bruce Hornsby oder Grateful Dead grub sich Branfords Saxophonton schon vor Jahren in die Ohren eines Millionenpublikums. Mit DJ Premiere, Gangstarr oder Guru erkundete er die Berührungsfelder zwischen Jazz und HipHop, und der Hit "Jazz Thing" gab sogar einem deutschen Jazz-Magazin den Namen. Seine musikalische Mitwirkung bei Filmen wie "Mo' Better Blues", "Sneakers", "Do the Right Thing", "Eve's Bayou" oder "The Russia House" tat ein übriges, und neuerdings klingt in Branfords Sopranspiel sogar die große Weltmusik-Synthese an. Seine umfassende Liebe zu allen Formen schwarzer Musik - Jazz, Blues, Rap, Soul - mündete 1994 schließlich im Band-Projekt "Buckshot LeFonque", das zunächst als bloßer Freizeitspaß gedacht war, sich dann aber zum kommerziellen Knaller entwickelte - Wynton zum Trotz.

Wie der jüngere Bruder ist Branford Marsalis in den USA so etwas wie ein Star geworden - glücklicherweise ohne Wyntons diktatorische Allüren. Seit seinem Debütalbum "Scenes in the City" (1984) hat Branford mehr als ein Dutzend Leader-Platten auf dem amerikanischen Vorzeige-Label Columbia veröffentlicht. Vor zwei Jahren wurde er von Columbia sogar zu einer Art künstlerischem Berater in Sachen Jazz ernannt und produziert und protegiert nun dort seine Kollegen und Freunde wie David Sanchez und Jeff Watts. Seit 1992 macht er eine eigene Radiosendung auf WBGO, einige Jahre lang arbeitete er auch als musikalischer Leiter der populären "Tonight Show" (mit Jay Leno) auf NBC-TV. Es gab jede Menge Grammys und Grammy-Nominierungen für ihn, Ehrungen und Lehraufträge. Und das Beste kommt noch: Branfords Beweglichkeit und Neugierde versprechen für die Zukunft immer neue Überraschungen.

© 1999, 2003 Hans-Jürgen Schaal


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