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JAZZ FICTION Teil 6.

Er arbeitete für die UNESCO, besuchte Kuba und Nicaragua und unterstützte die chilenische Opposition. In seinen Büchern träumte er von einer anderen Version der Wirklichkeit, von einer Welt skurriler Fantasie, in der die gewohnte Ordnung der Dinge aufgehoben ist. Eine Ahnung davon hörte Julio Cortázar in der Musik von Louis Armstrong und Thelonious Monk.

Julio Cortázar
Sternklumpen aus Sirup
(2002)

Von Hans-Jürgen Schaal

Die Esperanzen (weiblich) sind häuslich und ein bisschen dumm und tragen immer einen Flötenfisch bei sich. Die Famen (männlich) haben den Überblick, planen mit Verstand, räumen ihre stillen Häuser und Erinnerungen auf, besitzen Fabriken, geben Bankette, wirken in Wohltätigkeitsvereinen und kleben ihre Briefmarken mit Sorgfalt. Und schließlich sind da noch die Cronopien, nassgrüne, borstige Dinger, die das Leben lässig und leicht nehmen, viel Lärm produzieren, die Nachbarn ärgern, Denkmäler schmücken und im Vorübergehen Geniales erfinden – zum Beispiel den Cynara-scolymus-Chronometer. Allerdings: Wenn sie ihre Lieblingslieder singen, sind sie unberechenbar und vergessen alles um sich herum.

Solche seltsamen Fabelwesen sind nicht etwa das Personal des nächsten Harry-Potter-Bandes, sondern eine Erfindung des argentinischen Schriftstellers und Amateur-Jazztrompeters Julio Cortázar. Des Autors Sympathie gehörte zweifellos den Cronopien, diesen unberechenbaren, anarchistischen Kobolden, die die gewohnten Perspektiven und sicheren Werte immer wieder durcheinander bringen. Erraten: Es sind echte Jazz-Geister, diese Cronopien, und der chronologisch erste von ihnen war kein anderer als Louis Armstrong, dessen Konzert Cortázar 1952 im Champs-Elysées-Theater in Paris erlebte. Hätte nicht Gott, sondern das "ganz enorme", das "ungeheure Cronopium Louis" die Welt erschaffen (so schrieb Cortázar damals), "wäre der Mensch viel besser geraten": In einer cronopischen Welt "würde Louis stundenlang blasen und vom Himmel dicke Sternklumpen aus Sirup und Himbeeren herabfallen lassen, damit die Kinder und die Hunde zu essen hätten." Louis hätte eine andere Version der Welt zum Master Take gemacht.

In den Texten von Julio Cortázar ist der Jazz ein notwendiges (fantastisches, absurdes) Korrektiv der Realität. Es ist der Jazz, der vorübergehend die bestehende Ordnung der Dinge aufzuheben vermag. Der ein Thema "bekämpft und verwandelt und schillern lässt". Der die Menschen daran erinnert, "dass es vielleicht andere Wege gibt und dass derjenige, den sie eingeschlagen haben, nicht der einzige und nicht der beste ist." Jazz: eine Rettung ins Offene. Eine Einübung in die Freiheit.

Das 17. Kapitel in Cortázars 600-Seiten-Schmöker "Rayuela", einem der erfolgreichsten Romane Lateinamerikas, enthält die vielleicht schönste Eloge, die dem Jazz je gewidmet wurde. Sie feiert ihn als eine universelle Botschaft, die "die Menschen besser und schneller einander näher brachte als Esperanto, die UNESCO oder die Fluglinien", eine menschliche Musik, die Antlitz und Bewusstsein besitzt, die Stile und Haltungen, Dogmen und Schismen schuf, die ein Teil und ein Spiegel ist der humanen Geistesgeschichte. "Rayuela" – der spanische Name für das Himmel-und-Hölle-Spiel – ist ein verspäteter Beat-Roman, gefärbt von Pariser Existenzialismus, argentinischer Bildungswut und Cortázars Lust am Absurden. Seinen Lesern rät der Autor, nach den 56 Kapiteln des ersten Teils mit Kapitel 73 fortzufahren, um dann noch einmal Kapitel 1 und 2 zu lesen und dann weiter in dieser Reihenfolge: 116–3–84–4–71... Die Liste endet mit: 131–58–131.

In "Rayuela" geht es auch um Plattenaufnahmen von Bix Beiderbecke, Coleman Hawkins, Duke Ellington. Um Konzerte von Louis Armstrong und Thelonious Monk geht es hingegen in der Textsammlung "Reise um den Tag in 80 Welten" ("La vuelta al día en ochenta mundos"). Für die Freiheit, Jules Vernes Buchtitel so ins Surreale zu verkehren, dankte Cortázar dem Beispiel des Jazz, namentlich Lester Young. Seine größte Hommage an einen Jazzmusiker galt Charlie Parker, über den er kurze Zeit nach dessen Tod eine ganze Novelle schrieb. "El perseguidor" ("Der Verfolger") ist das literarische Porträt eines Altsaxofonisten namens Johnny Carter, erzählt aus der Perspektive eines Jazzkritikers. Johnny Carter ist ein wahrer Mensch unter falschen Engeln. Einer, der im Jazz den Alternate Take der Welt sucht, von dem er selbst ein Stück in sich trägt. Und der am Ende glaubt, dass auch der Jazz nur ein Teil der falschen Wirklichkeit ist, eine täuschende Sackgasse, die nirgendwohin führt. Johnny Carters Suche war auch die Suche des philosophischen Fantasten Julio Cortázar.

"Wenn ein Cronopium singt, eilen die Esperanzen und Famen herbei und hören ihm zu, obgleich sie für seinen Überschwang nicht viel Verständnis haben und sich im Allgemeinen leicht schockiert zeigen."

+++

JULIO CORTÁZAR

1914 Geboren in Brüssel
1919 Seine Familie geht mit ihm nach Argentinien zurück
1935 Abschluss der Ausbildung zum Gymnasiallehrer
1938 Erste Veröffentlichung (eine Sonettsammlung)
1945 Beginnt als Literatur-Übersetzer zu arbeiten
1951 Erster Erfolg mit dem Erzählband "Bestiario"
1951 Siedelt aus Protest gegen Perón nach Frankreich über
1958 Der Erzählband "Las armas secretas" enthält die Novelle "Der Verfolger"
1963 Veröffentlicht seinen zweiten Roman, "Rayuela"
1974 Wird in die Jury des Russell-Tribunals gewählt
1979 "La vuelta al día en ochenta mundos" erscheint
1984 Stirbt in Paris

© 2002, 2005 Hans-Jürgen Schaal


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