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Smokin' Smooth
Über Frank Sinatra (1915-1998)
(1998)

Von Hans-Jürgen Schaal

Es gibt Leute, die halten die amerikanische Kultur für demokratisch und elementar. Ihre Argumente: Comics, Hollywood und Sinatra. Es gibt Leute, die halten die amerikanische Kultur für oberflächlich und naiv. Ihre Argumente: Comics, Hollywood und Sinatra. Nicht nur Jazzer haben mit Sinatra ein Problem: Seine Erscheinung schillert. Er war Sänger, Kinostar, TV-Entertainer, Großunternehmer. Er galt als Verfechter der amerikanischen Integration und zugleich als Mann der Mafia. Er war das erste Pop-Idol der Geschichte, aber sein Weg war gezeichnet von privaten Skandalen, politischen Affären und unsäglichen Schnulzen. Engel und Ekel: amerikanischer Traum und amerikanischer Alptraum.

Gerade das Widersprüchliche machte ihn als Sänger groß. Sinatra sang von der kalten Schulter des modernen Lebens, und er tat das schlicht und raffiniert zugleich: Frankie Boy von nebenan war gleichzeitig philosophische Kunstfigur. Hinter diesem Vexierbild lauerten die schwarz-weißen Widersprüche und Synthesen der amerikanischen Musik: Der Blues inspirierte Gershwin & Co., deren Broadway-Songs inspirierten den Jazz, und dieser inspirierte Sinatra. Für Sinatra waren Swing und Tin Pan Alley ein und derselbe Nährboden: das Seelenfutter Amerikas. Der erfolgreiche und bisweilen alberne Entertainer der Massen konnte zugleich der Lieblingssänger von Duke Ellington und Miles Davis werden, der beste Big-Band-Vokalist von 1940 (Billboard), der beste Jazz-Sänger von 1957 (Down Beat), der Star des Newport Jazz Festivals von 1965, wo er mit Count Basies Big Band auftrat.

Als Vokalist bei Harry James und Tommy Dorsey fand Sinatra schon früh den Schlüssel zum außerordentlichen Erfolg. Zum Beispiel Atemtechnik: Dorsey zeigte ihm, wie er beim Posaunenspiel heimlich durch die Mundwinkel Luft holte. Der Sänger tat es ihm nach, trainierte seine Lungen durch Tauchen und Laufen, übte Dorseys Legati und Glissandi, lernte die Töne zu dehnen, gegen den Beat zu phrasieren, die ganze Synkopierung des Jazz. Am Ende erzählte er die Geschichten seiner Songs so überzeugend, als würde er plaudern. Amerikas singende Posaune.

Er war der erste, bei dem die Ladys und Teenies reihenweise ausflippten, wenn er nur die Bühne betrat: ein damals ganz neues Pop-Phänomen. Das "magere Kerlchen mit den abstehenden Ohren" (so Dorsey) repräsentierte männliche Sensibilität, Macho-Romantik, rauhe Schale, weichen Kern. Mit einem Wort: Anti-Glamour, Hemdsärmeligkeit. Der Eindruck vertiefte sich in den 50ern: Da stand diese einsame, schmale Figur mit eingedrücktem Hut, gelockerter Krawatte, abgebrannter Zigarette und ramponiertem Ich, sang vom Verlust der Illusionen, von der Ohnmacht der Liebe, von Lebensdurst und Lebensfrust: "I've Got You Under My Skin". Das war wie eine manisch-depressive Variation des Blues. Eine kühle Stilisierung der Tin-Pan-Alley-Ballade. Ein Bing Crosby, der der beklemmenden Dunkelheit Billie Holidays verfallen war.

© 1998, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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