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Er ist einer der größten Poeten Amerikas, aber seine Texte stehen in keiner Bibliothek. Jon Hendricks' dichterisches Talent geht andere Wege: Es manifestiert sich in Hunderten von Songlyrics, betexteten Jazz-Improvisationen und Wörter-Partituren nach Big-Band-Scores. Der Philosoph des Vocalese dichtet in Minutenschnelle, aber mit Ewigkeitswert. "I've always been good in words" - die Untertreibung des Jahrhunderts.

Jon Hendricks
Good in Words
(1995)

Von Hans-Jürgen Schaal

Sein Hausstab hält dem inzwischen 74jährigen viele Anfragen und Belastungen vom Leibe. Doch beim dritten Kontaktversuch habe ich Erfolg: "This is Jon", meldet sich endlich die aus alten Vinylrillen vertraute Stimme am Telefon. Also nenne ich ihn schlicht "Jon" - und erfahre am nächsten Tag, daß einer wie Wynton Marsalis ihn nur mit "Sir" und "Mister Hendricks" anredet.

Wir treffen uns beim Pförtner des Hauses, wo er sein New Yorker Apartment hat. Es ist eine erste Adresse mitten in der Hochfinanz: Battery Park City, zwischen Dow Jones und American Express, mit Blick auf den Hudson und die Upper Bay. Hier sitzt die Geldmacht Amerikas, eineinhalb Millionen Menschen arbeiten täglich im Areal des World Financial Center. Jon Hendricks schätzt sein Domizil, weil die Gegend am Wochenende wie ausgestorben ist. Außerdem genießt er es sichtlich, daß er zur Welt der Erfolgreichen doch irgendwie dazugehört - obwohl er eine Juristenkarriere opferte, um Jazzsänger zu werden. Die Verlagseinnahmen durch seine Songlyrics sichern ihm heute immerhin sechsstellige Vorschüsse von EMI.

Das wundert nicht, wenn man sich die Größe seines Oeuvres vergegenwärtigt. Benny Golson, Randy Weston, Dizzy Gillespie, John Coltrane, Charlie Parker, Duke Ellington, Sonny Rollins, Count Basie, Miles Davis, Lester Young, Cannonball Adderley, Herbie Hancock, Frank Foster, J.J. Johnson...: Die Liste der Musiker, deren Stücke und Improvisationen er betextet, gesungen und aufgenommen hat, ist fast unüberschaubar. Auch etwa 10 Monk-Nummern sind darunter: "Hendricks", hatte ihn der Pianist einmal angebrummt, "ich will, daß du Motherfucker die Worte zu meinen Songs schreibst." Jon Hendricks verbeugte sich höflich und sagte: "Thank you very much, Mr. Monk." Er lacht: "Monk war ein seltsamer Kerl." Und er hat noch andere seltsame Anekdoten parat, arbeitet er doch gerade an seiner Autobiographie: Erlebnisse mit Annie Ross und Stan Getz, mit Roland Kirk und George Shearing. Philosophische Reflexionen über Junkies und Blinde werden gleich mitgeliefert. Auch Erinnerungen an den legendären King Pleasure, der Hendricks ins Vocalese initiierte und später verrückt wurde.

Das Interview findet beim Lunch statt, drei Stunden lang in einem Nobel-Restaurant der Börsianer. Man kennt ihn hier, "Good to see you, Mr. Hendricks", man begrüßt ihn mit Respekt und Freude, und er zelebriert seine Replik: "Good to be seen!" Beim Betreten des Lokals wurde sogar die übliche Seifen-Muzak durch astreinen Bebop ersetzt. Zuletzt war er mit Chaka Khan hier, vertraut er mir an, und es war sehr lustig und ein wenig peinlich. Im vollbesetzten Restaurant erregte sich Chaka lautstark über die Edelküche, verlangte stattdessen Mashed Potatoes - und bekam sie auch. "Chaka plant ein Jazz-Album und bat mich, die Stücke auszusuchen und etwas für sie zu schreiben. Wahrscheinlich singen wir ein Duett zusammen, irgendwas von Miles und Trane."

Ich frage nach weiteren Projekten. Für seine neue Band "Jon Hendricks Explosion", die 1996 auch eine Europatour plant, vokalisiert Hendricks mehrere Stücke aus den Platten von Miles mit Gil Evans, darunter "The Maids Of Cadiz". Mit Kevin Mahogany plant er ein gemeinsames Projekt ("Er ist der beste Sänger weit und breit"), und auch bei der Solo-Platte von Manhattan-Transfer-Chef Tim Hauser soll er aktiv mitwirken. Dann die Autobiographie. Eine komplette Diskographie ist in Vorbereitung. Und eine Buchausgabe der gesammelten Songlyrics. Die kann man sich dann neben denen von Ira Gershwin und Lorenz Hart ins Klassiker-Regal stellen.

Es bewegt Hendricks, daß jemand jahrelang seine Lyrics studiert hat und nach New York fliegt, um ihn zu interviewen. Geduldig kramt er in seinem Gedächtnis. Wann entstand der Text zu "Round Midnight"? Wo erschien die "Night In Tunisia"-Aufnahme von Lambert Hendricks & Ross? Wieviele Stücke schrieb er für Louis Jordan? Wer ist Jesse Cavanaugh? Und die wichtigste Frage: Mit welcher Arbeitstechnik bekommt man ein Big-Band-Arrangement lyrisch in den Griff? Werden da Partituren studiert, Silben ausgezählt? Von wegen! Jon Hendricks' Erfolgsgeheimnis lautet: Er kann nicht Noten lesen. "Mit 14 Jahren habe ich bei Art Tatum singen gelernt. Er konnte keine Noten lesen, denn er war blind. Er hat mir beigebracht zu hören. Was ich höre, singe ich nach. Wenn ich komponiere, singe ich es meinem Pianisten vor. Erst die Melodie, dann die Akkorde."

Die Stimme ist seit Tatums Lektionen 60 Jahre älter geworden, aber noch immer zu vitaler Akrobatik fähig. "Boppin' At The Blue Note", Hendricks' jüngste CD, präsentiert den Sänger jedoch mehr von der aufgeknöpften Seite: live und locker. Die vokalen Ensembleparts gerieten im Konzert etwas wacklig, was der Grund dafür sein dürfte, daß Hendricks' neue Vocalese-Version von Ellingtons "Mood Indigo" (Jon singt mir Shorty Bakers Solo vor) nicht auf der CD erschien.

Nach dem ersten Abend des Engagements im Blue Note, so berichtet Hendricks, war der damals 72jährige Clark Terry erkrankt und mußte den restlichen Gig absagen. Es war Mittwochmorgen, am Donnerstagabend sollte der CD-Mitschnitt sein. Ein Trompeter mußte her. "Ich rief bei Jon Faddis an, aber er war auf Tournee. Ich rief bei Lew Soloff an, aber er war in Japan und kam erst am Ende der Woche zurück. Schließlich rief ich Wynton Marsalis an und fragte, wen er mir noch empfehlen könnte. Er sagte: Ich übernehme den Job. Ich sagte: Moment mal, ich suche jemanden für die ganze Woche. Er sagte: Mr. Hendricks, ich würde es mit Freude machen. Ich sagte: Sehr schön, Wynton, herzlichen Dank, aber das Budget ist abgeschlossen. Ich kann dir nur bezahlen, was ich Clark bezahlt hätte. Er sagte: Sprechen Sie nie mit mir über Geld. Es ist eine Ehre für mich, mit Ihnen auf der Bühne zu stehen. - Kurz vor dem Auftritt sagte ich dann zu ihm: Meine Tochter Michelle, Clark Terry und ich singen immer diese Scat-Nummer, 'Everybody's Boppin''. Das mußt du auch übernehmen. Er: No no no. Ich: Du kannst das, Wynton. Trompeter sind geborene Scatsänger. Er: No! - Doch beim Auftritt kündigte ich sein Scat-Debüt an, und er mußte einfach ran. Er knurrte mich an: Warum müssen Sie mir das antun? - Er war großartig als Scatter, stellte mich völlig in den Schatten. Hinterher sagte ich zu ihm: Du mußt das in deine Show einbauen. Der Scat ist Teil unserer Kultur und eine sterbende Kunstform. Du bist so vielen jungen Musikern ein Vorbild. Wenn du ihn singst, wird der Scat überleben."

© 1995, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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