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Er ist die unbeugsame Instanz im deutschen Jazz. 1956 machte Heinz Sauer als Amateurjazzer auf sich aufmerksam, seit 1960 gehört er dem Jazzensemble des Hessischen Rundfunks an, fast zwanzig Jahre lang hielt er in Albert Mangelsdorffs Band das Gegengewicht zum Posaunisten, danach setzte er seine gewissenhafte Arbeit mit der eigenen Formation "Voices" fort. Mangelsdorff nannte ihn einmal einen der für ihn wichtigsten Musiker, die Jüngeren sprechen den Namen Heinz Sauer mit fast heiliger Ehrfurcht aus. Matthias Schubert, den mit Sauer die unbedingte Expressivität im Tenorspiel verbindet, hält den Frankfurter Saxophonisten für ein Vorbild an Konsequenz, Disziplin und Ernsthaftigkeit.

Heinz Sauer
Alchemist des Sounds
(1995)

Von Hans-Jürgen Schaal

Tatsächlich hat es Heinz Sauer sich und dem Publikum nie leicht gemacht. Als Anti-Doldinger der deutschen Jazzgeschichte ging er stets den schwersten Weg, den unpopulärsten, den unzugänglichsten. Seine Intensität, die vom Jazz der sechziger Jahre entzündet wurde, scheint eher ins Land der Illinois Jacquets und Archie Shepps zu deuten als an den gemütlichen Main oder nach Merseburg, wo er 1932 geboren wurde. Wann hätte dieser Saxophonist je Zugeständnisse an die wechselnde Mode der Zeit gemacht? Wann wäre er je von der Richtung abgewichen, die ihm seine innere Stimme ein für allemal wies? Mit seiner extrem individuellen Kunst bleibt Heinz Sauer in einer auf Zeitgeist getrimmten Jazz-Szene der schwer verständliche, höchst faszinierende Außenseiter, der Einzelgänger und Grübler, der geheimnisvolle Alchemist aus der Stadt der Zaubersprüche: "bên zi bêna, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sôse gelîmida sîn".

Was einen auf Anhieb erschüttert, das ist die Intensität seines Sounds, der aus den tiefsten Tiefen einer schwarzen Jazz-Seele zu strömen scheint. Der Heinz-Sauer-Sound kennt nichts Gleichgültiges, nichts Verbindliches; er ist Ben-Webster-zart oder Eddie-Davis-hart, er flüstert oder kreischt. "Die Töne werden herausgestoßen oder fließen breiig weg wie glühende Lava", schrieb Ulrich Olshausen, Kenner der Frankfurter Szene, "sie glitzern eben noch und sind im nächsten Moment fahl, sie sind weich und schön oder werden mit Überblasfarben bis zur Doppeldeutigkeit verändert".

Da ist nichts Effekthascherisches in Sauers Spiel, kein schräger Witz, keine satirische Absicht. Es scheint, als spräche sein Saxophon ausschließlich vom eigentlich Unsagbaren, vom Unheil der Welt, der Unmöglichkeit der Liebe, der Unausweichlichkeit der Gegenwart. Sauer löst die Regeln der Jazz-Phrasierung von innen her auf, seine Linien zerreißen in bizarre Flächen und Punkte, da wird gegen den Jazz angespielt - mit Jazz. Oft vergißt man, daß diese verzerrten Klangflächen, diese brachen Felder und schiefen Türme von Sound einem normalen Saxophon entströmen: So farbenbreit und obertonreich kommen sie daher, als entsprängen sie unmittelbar den Visionen des Musikers, ohne Rücksicht auf das Instrument. Erst wenn sein Sopran wie eine zerbrochene afrikanische Flöte tönt oder er im Alchemisten-Labor am Synthesizer experimentiert, ahnt man, daß es da noch andere Klangvisionen gibt. Daß auch Sauers Tenorsaxophon natürliche Grenzen hat.

Gibt es zu dieser musikalischen Intensität noch eine Steigerung? Ja, es gibt sie, gab sie immer wieder. Dann nämlich, wenn Heinz Sauer auf Geistesverwandte traf, meist Saxophonisten wie er, die ihr Horn nur des äußersten Ausdrucks für würdig halten. George Adams, der den Aufschrei der Südstaaten in die Musik von Mingus hineintrug, war einer von ihnen. Oder Archie Shepp, der die Logik des Jazz in heisere Eruptionen zerbrach. Bennie Wallace, der Rollins' Erdigkeit mit Dolphys Intervallik verbindet. Arthur Blythe, der das Altsaxophon zum Glühen und Schmettern bringt. Nicht zu vergessen: Günter Kronberg und Christof Lauer, Sauers Frankfurter Weggefährten und ehemalige Mitspieler in der "Voices"-Band.

In Frankfurt wissen sie, was sie an ihrem Heinz haben. Musiker wie Bob Degen, Ralf Hübner, Christof Lauer, Günter Lenz, Stephan Schmolck, Albert Mangelsdorff, Jürgen Wuchner oder John Schröder gehören zu Sauers häufigsten Partnern und haben gelernt, seine rätselhafte Intensität einzuschätzen, zu nützen, vielleicht auch zu steuern. Ich weiß nicht, ob sie ihn "unseren deutschen Archie Shepp" nennen. Es wäre auch für Shepp ein Kompliment.

© 1995, 2003 Hans-Jürgen Schaal


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