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JAZZ FICTION Teil 1.

Er war der Dichter der Harlem Renaissance. Mit seinem ersten veröffentlichten Poem "The Negro Speaks Of Rivers" gab Langston Hughes 1921 das Signal für ein neues, starkes Selbstbewusstsein der amerikanischen Schwarzen. Immer wieder suchte Hughes den Anschluss an die gerade aufblühende schwarze Musik, schrieb in Blues-Strophen und Boogie-Rhythmen. Umgekehrt finden Jazz und Broadway bis heute Inspiration in seinen Texten.

Langston Hughes
Shakespeare in Harlem
(2001)

Von Hans-Jürgen Schaal

Kurt Weill, der Komponist der "Dreigroschenoper", war 1935 in die USA emigriert und fest entschlossen, auch als Musiker ein ganzer Amerikaner zu werden. Unter veränderten Vorzeichen - denen des US-Showbiz - revolutionierte er noch einmal das Musiktheater: Sein amerikanisches Pendant zur "Dreigroschenoper" hieß "Johnny Johnson", sein amerikanischer "Jasager" war die Laienoper "Down In The Valley". 1946 fühlte sich Weill reif, sein zweites "Mahagonny" zu komponieren: eine Broadway-Oper. Den Stoff dafür lieferte das Theaterstück "Street Scene" von Elmer Rice, das Weill bereits 1930 in Berlin gesehen hatte und das in einem New Yorker Mietshaus spielt. Als Texter für die Songs der einfachen Leute wünschten sich Weill und Rice keinen anderen als Langston Hughes, der ein beliebtes Opfer des McCarthy-Komitees war.

Hughes schrieb nicht nur die Songtexte, er gab auch wichtige musikalische Anregungen. Eine Zeitlang schleppte er Kurt Weill in Musiklokale in Harlem und spielte ihm etliche Blues-Platten vor: Aus denselben Quellen schöpfte gewöhnlich seine eigene dichterische Fantasie. Nicht umsonst hatte Hughes schon seinen ersten Gedichtband 1926 nach dem Jazz-Klassiker "The Weary Blues" (1915) benannt. In "The Cat And The Saxophone (2 a.m.)", eines der bekanntesten Gedichte dieses Bands, montierte er einen damaligen Gassenhauer, den Standard "Everybody Loves My Baby" (1924). Auch die Entwicklung zum modernen Jazz spiegelte sich in seinen Versen: Das verraten Gedichtüberschriften wie "Be-Bop Boys", "Flatted Fifths" oder "Trumpet Player: 52nd Street". Die Scat- und Nonsense-Poesie eines Louis Armstrong und Dizzy Gillespie fand in Hughes' Versen ein surrealistisches Echo: "Oop-pop-a-da! / Skee! Daddle-de-do! / Be-bop! // Salt' peanuts! // De-dop!"

"I Got A Marble And A Star" (Musik: Weill, Text: Hughes), der Song des einzigen Schwarzen in der Oper "Street Scene", ist ein so echter Blues geworden, dass Hughes den deutschen Komponisten flugs zum Ehrenneger ernannte. Für das "Children's Game" im 2. Akt hat das ungleiche Paar stundenlang New Yorker Kinder beim Spielen beobachtet und dann die eigene Fantasie walten lassen: Es entstand, so berichtet Hughes, "ein so wirklichkeitsnahes Spiel, dass viele Leute es für ein echtes Kinderspiel hielten - und obendrein hielten sie es für ur-amerikanisch." Der schönste Song aus der Oper, "Lonely House", erzählt von der vielfachen Einsamkeit in einem Haus voller Nachbarn. Abbey Lincoln machte das Stück 1959 im Jazz bekannt und nahm zwei Jahre später auch ein damals neues Gedicht von Langston Hughes auf, vertont von Randy Weston: "African Lady".

Für Langston Hughes wurde "Street Scene", das als zweites "Porgy And Bess" gefeiert wurde, zur Eintrittskarte in die Welt der Musicals. In einem berühmten Gedicht hatte er einst dem Broadway vorgeworfen, die schwarze Musik auszubeuten: "You've taken my blues and gone." Nun versuchte er in einer ganzen Reihe von Bühnenwerken - von "Troubled Island" (1949) bis "Jerico-Jim Crow" (1964) -, die kommerziellen Theater durch ein Black Musical "zurückzuerobern". Erfolgreicher war Hughes durch seine konzentrierte Poesie, die die Nöte und Träume der Afro-Amerikaner auf einen fasslichen, universellen Nenner brachte. Blues-Sänger wie Josh White und Taj Mahal, aber auch Komponisten wie W. C. Handy und Duke Ellington griffen Hughes' Verse auf. Berühmte Zeilen wie "I've known rivers" oder "What happened to a dream deferred?" geistern bis heute durch die Stücktitel des modernen Jazz. Auf die klassische Konzertbühne kam sein Gedicht "I, Too, Am America" in einer raffinierten Song-Adaption Leonard Bernsteins. Weills Vorbild verpflichtet schließlich.

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LANGSTON HUGHES

1902
Geboren in Joplin, Missouri
1921
Sein Gedicht "The Negro Speaks Of Rivers" erscheint in Crisis
1922-1924
Reisen nach Westafrika, Frankreich, Italien
1926
Erster Gedichtband: "The Weary Blues"
1929
Gescheitertes Theaterprojekt mit Zora Hurston ("Mule Bone")
1930
Erster Roman: "Not Without Laughter"
1940
Erinnerungen an die Harlem Renaissance: "The Big Sea"
1946/47
Arbeitet mit Kurt Weill und Elmer Rice an der Oper "Street Scene"
1951
Gedichtband "Montage Of A Dream Deferred"
1955
Kinderbuch "The First Book Of Jazz"
1967
Stirbt in New York

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Hörtipps

Weary Blues (MGM-Verve 1959)
Jazz-and-Poetry mit Langston Hughes und Musik von Leonard Feather und Charles Mingus

Abbey Lincoln: Abbey Is Blue (Riverside-OJC 1959) / Straight Ahead (Candid 1961)
Enthalten die Songs "Lonely House" und "African Lady"

Street Scene (Decca 1990)
Erstaufnahme der Kurt-Weill-Oper unter der Leitung von John Mauceri

Mule Bone (Gramavision 1991)
Musik von Taj Mahal nach Blues-Gedichten von Langston Hughes

© 2001, 2004 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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