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Er war der heimliche Star des Ellington-Orchesters. Mit nicht einmal 22 Jahren wurde er vom Duke engagiert, und er blieb bei ihm, bis der Tod sie schied. Hodges' elegante Phrasierung und sein warmer Seelenton prägten Ellingtons Orchester und trieben dem Band-Chef auch nach vielen Jahren noch die Tränen in die Augen.

Das Jazz-Portrait
Johnny Hodges
(1997)

Von Hans-Jürgen Schaal

Vier Jahrzehnte lang (bis auf eine kurze Unterbrechung in den fünfziger Jahren) war Johnny Hodges' Altsaxophon das verläßlichste Erkennungssignal der Ellington-Band. Er bekam die meisten Soli, und er nützte sie weidlich: Wenn Hodges' Saxophon sang, war der Jubel des Publikums garantiert. Beide - der Solist und sein Arbeitgeber - wußten, wie wichtig er für die Band war, und wenn sie sich stritten, dann nur um eines: die Höhe der Gage. Zum Bruch zwischen ihnen kam es nie, denn sie waren einander stets einen Kompromiß wert.

Von Sidney Bechet angeregt und gefördert, von Charlie Parker und John Coltrane bewundert, ist Johnny Hodges eine Schlüsselfigur in der Geschichte des Saxophonspiels. Er wußte sich auf die wesentlichen Gesten zu beschränken, und das rettete ihn vor dem Absinken in Sentimentalität. Sein Vibrato bewegt den Hörer, als wäre es das erste Vibrato der Musikgeschichte. Sein Glissando (oder richtiger: Portamento) erscheint uns nicht als stupende Technik, sondern als reine Emotion. Mit absolutem Gehör ausgestattet, bog und knetete Hodges seinen Ton und spielte dabei auf der ganzen Skala menschlicher Gefühle. Er liebte die großen und die ganz kleinen Intervalle, die dynamischen Sprünge und die zarten, fast verstummenden Töne. Sein Spiel war nichts als Effekt und dabei doch ganz naiv.

Die Mitspieler wurden selten schlau aus ihm. Hodges, Sohn einer mexikanischen Indio-Frau, trug gern die starre Maske der Azteken und übte sich in stolzer Zurückhaltung. Er galt als schüchtern und wortkarg, aber er konnte, ohne eine Miene zu verziehen, mit einer humorigen Bemerkung Situationen retten. Wie in seinem Spiel beschränkte er sich auch verbal aufs Allernötigste, und das saß. Seine Kollegen nannten ihn liebevoll "Jeep" (nach einer Figur aus den Popeye-Geschichten) oder "Rabbit" (wegen seiner Vorliebe für Sandwiches mit Salat). Der Mensch Johnny Hodges mochte rätselhaft sein, bedrohlich war er nicht.

Schwierigkeiten hatte er beim Notenlesen. Da half es ihm, auf das Spiel der Satzkollegen wie Norris Turney zu hören, die umgekehrt ihren Ton und ihren Stil an ihm schulten. Denn Hodges' großes Talent lag im Improvisieren und Gestalten von Melodien: Für Tony Bennett war er "der beste Sänger der Welt". Hatte Hodges einmal ein Balladenthema gespielt, gehörte es ihm so sehr, daß man bei jedem späteren Interpreten diesen schmerzlich-süßen Ausdruck vermißte, diesen morbid kreatürlichen Ton. Johnny Hodges komponierte auch, aber am erfolgreichsten komponierte er, indem er durch sein Instrument Duke Ellington und Billy Strayhorn inspirierte. Viele Glanznummern wie "Jeep's Blues", "The Jeep Is Jumpin'", "Warm Valley", "Wanderlust" oder "I'm Beginning To See The Light" erarbeitete er auf diese Weise zusammen mit dem Duke.

Als Ellington 1938 Billy Strayhorn engagierte, verlangte er von dem 23jährigen als erstes eine Feature-Nummer für seinen bewährtesten Solisten. Ellingtons Gespür behielt recht: Die Kombination Strayhorn/Hodges brachte dreißig Jahre lang einige der bewegendsten Balladen-Interpretationen der Jazzgeschichte hervor. "Lotus Blossom" und "Passion Flower", "Day Dream" und "Isfahan", "After All", "Star-Crossed Lovers" und "A Flower Is A Lovesome Thing": Hodges spielte sie so, daß man die Stücke nie mehr vergaß. Er spielte sie mit diesem weichen, aber zehrenden Ton, mit diesem strengen, aber hochemotionalen Ausdruck - intensiv, intellektuell, von undefinierbarer Traurigkeit. Auch Strayhorns letzte Komposition spielte er so, drei Monate nach dem Tod des Komponisten, die hoffnungsloseste Ballade des Jazz, das tödlich schöne "Blood Count".

Die Ausdrucksstärke von Hodges' Horn kommt aus dem Blues: Sein Altsaxophon war eine der ganz großen und charakteristischen Blues-Stimmen der Jazzgeschichte. Hodges' Blues war nie rauh und aggressiv, sondern wie ein stiller, sprachloser Klagelaut. Mit sparsamen Mitteln, hohen, langgezogenen Tönen, lapidaren Phrasen, blies er den Rhythm & Blues und den Jump. Neben all den rauchigen Paarungen von Tenorsax und Orgel, die in den 60er Jahren den Klubbesuchern einheizten, klang seine Zusammenarbeit mit dem Organisten Wild Bill Davis eher kultiviert. Selbst wenn es "rockte", behielt das Altsaxophon jenen mildweichen Ton, den der Erfinder des Instruments einst gesucht hatte. Für Ben Webster, den zärtlichen Balladen-Interpreten, war Johnny Hodges das größte Vorbild.

Johnny Hodges kam 1919 zum Saxophon, als das Instrument im Jazz noch heimatlos war: Jede Phrase war da Pionierarbeit und von stilbildender Bedeutung. Der 13jährige begann auf dem Sopransaxophon, spielte später bei Sidney Bechet, Chick Webb, King Oliver, bevor er zu Ellington ging. Nach 1940 rührte er das Sopran, das zu eng mit dem New-Orleans-Jazz verbunden war, kaum mehr an. Erst dreißig Jahre später - nach Coltrane - bat ihn der Duke, sein Sopransax aus der Mottenkiste zu holen. Doch dazu kam es nicht mehr: Ellingtons "New Orleans Suite" war halb vollendet, als Hodges starb. Der einleitende "Blues For New Orleans", begleitet von Wild Bill Davis, war Johnny Hodges' letzter Blues. Als die Band die "Afro-Eurasian Eclipse" und die "Togo Brava Suite" aufnahm, spielte ein anderes Ellington-Orchester. Ein Orchester ohne Johnny Hodges.

© 1997, 2003 Hans-Jürgen Schaal


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