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Du wirfst eine Flasche ins Wasser und jemand holt sie heraus.
Iannis Xenakis

Er zählt zu den Schlüsselfiguren der Bostoner Szene. Pandelis Karayorgis, 40-jähriger Grieche, liebt Schönberg und Webern und spielt ein Jazzklavier von radikaler, sensibel kalkulierter Art. Seine sparsamen Läufe öffnen Räume der Melodie und Dynamik, von denen man vorher kaum wusste. Musik der ruhenden Kraft.

Pandelis Karayorgis
Tiefe Wasser
(2002)

Von Hans-Jürgen Schaal

Swingt er oder swingt er nicht? Beim Pianisten Pandelis Karayorgis und seinem Trio hält sich da zuweilen ein hartnäckiges, prickelndes Fragezeichen. Diese mit Bedacht gezirkelten, weiträumigen, hin und wieder monkisch dissonierenden Klavierlinien haben so viel Jazz in sich aufgesogen, dass man den Vierviertelbeat mit Händen fassen möchte – und ihn dann doch nicht findet. Ist der swingende Takt aber mal da, dann spinnt sich Karayorgis gerne in eine Meta-Jazzwelt davon, in der das ewige Echo sämtlicher Jazzpianisten dieses Planeten in wenigen sachlichen Tönen eingefroren scheint. "Ich empfinde es so", sagt der 40-Jährige über sein Trio, "dass unsere Musik sehr eng mit dem Swing-Feeling verbunden ist. Das exakte Timing ist für mein Gefühl fast immer da. Oder zumindest eine gewisse Anmutung davon. Deshalb bevorzuge ich den Begriff ‚Jazz’, um unsere Musik zu beschreiben."

Wenn die US-Kritiker dieses Klavier-Phänomen entdecken, lautet ihr häufigstes Attribut: "original". Ein englischer Kollege meint, Karayorgis’ Spiel klinge nach "improvisiertem Webern". Ein kanadischer Journalist hörte ein "wundervoll wahnsinniges Klavier". Und ein universell denkender Franzose raunt: "Diese Musik nimmt unsere Fragen über die Welt nüchtern an." Wahnsinnig und nüchtern: Diese Kombination beschreibt nicht schlecht Karayorgis’ sperrige, zurückgenommene Originalität. So wie sein Swing zuweilen mehr gefühlt als gespielt wird, versteckt sich in seiner Musik eine Coolness neuer Art. Lockere Exaktheit. Kontrolliertes Extrem. Tristanoitis post Free.

Karayorgis selbst begegnet dem Begriff "Cool" eher mit Misstrauen. "Die harmonische Freiheit und Eleganz, mit der die Tristano-Musiker schlichte Standard-Changes umformten, war bahnbrechend", sagt er. "Diese Musiker werden selbst heute noch sehr missverstanden, was ihre Ausdrucksbreite betrifft, wie man an dem unglücklichen Begriff ‚cool’ erkennt. Das gewollte Understatement in der Musik von Tristano, Konitz, Marsh und ihren Mitstreitern ist extrem expressiv. Ich persönlich möchte meine Musik nicht ‚cool-free’ oder ‚cool-anything’ nennen. Ich möchte einfach ein größeres Spektrum an dynamischen Möglichkeiten und Ausdrucksmitteln erforschen. Man darf auch schnell, laut und frenetisch spielen, aber das ist oft nur eine leichte Lösung. Sie kann zu oberflächlich sein. Und sie verdirbt dem Publikum den Appetit auf Subtiles und Nuanciertes."

Der subtile Freidenker aus Athen geriet mit neun Jahren ans Klavier und dank einheimischem Radio und Jazzclub, dem Festival "Praxis" und dem Magazin "Jazz" bald in den Sog der improvisierten Musik. In den frühen achtziger Jahren studierte er tagsüber Wirtschaftswissenschaften an der Universität Piräus, abends saß er im Jazzclub am Piano. Schließlich wechselte er das Studienfach, ging 1985 nach Boston und schrieb sich am New England Conservatory ein. Unter seinen Lehrern waren so eigenwillig kühle Köpfe wie Jimmy Giuffre, George Russell, Joe Maneri. Zu seinen Klavier-Dozenten zählten Ran Blake, Paul Bley, Geri Allen. Sein Weg in tiefe, stille Wasser war da schon abzusehen.

Karayorgis ist sich der musikalischen Ahnen sehr bewusst. Eine Zeit lang hatte er eine eigene Band, die sich nur Thelonious Monks Kompositionen widmete. Mit dem Saxofonisten Eric Pakula veröffentlichte er 1995 einen Tribut an die Tristano-Schule, "Lines". Als Begleiter des Saxofonisten Guillermo Gregorio erforschte er die Grenzbereiche zwischen Cool und Free. Und auf seinen Trio-Platten schickt er Reverenzen an Eric Dolphy, an Duke Ellington, an Billy Strayhorn. Dennoch nennen ihn die Kritiker zuvorderst "original". Denn Karayorgis’ Musik ist nicht Kopie, Auswahl oder Summe, sie ist Essenz. Wundersame Metamorphose. Verwandelte Substanz. Ein präziser Balance-Akt zwischen frei spurender Fantasie und vertrauter Jazz-Piste.

Der Grieche, der heute in der Nähe von Boston wohnt, sieht die sture Traditions-Pflege der Jazz-Konservatoren entsprechend kritisch. "Mainstream-Jazz ist zu einer Form von traditioneller oder Volks-Musik geworden. Es geht darin nur noch um bestimmte Aspekte der Jazz-Tradition – Repertoire, Techniken, Stil –, aber nicht mehr um für den Jazz so wesentliche Aspekte wie Innovation und Erweiterung. Als Volksmusik kann Mainstream-Jazz so gut oder so schlecht sein wie jede Aufführung von Dixieland, Klezmer, türkischen Taksim, indischen Ragas." Karayorgis’ Musik berührt solche offensichtlichen Stilistiken nie. Seine Kunst bleibt hintergründig, abstrakt, unaufdringlich – und entwickelt dabei nicht selten einen Sog von packender Gewalt.

Seit mehr als zehn Jahren spielt Karayorgis mit dem Bassisten Nate McBride und dem Drummer Randy Peterson zusammen – zunächst in getrennten Kontexten, seit einiger Zeit im Trio. Was man da hört, kann man zuweilen kaum glauben: Zwischen Swing und Nicht-Swing, zwischen Form und Nicht-Form traumwandeln die drei wie mit einem einzigen Atem durch einen dunklen Tunnel bis ans andere Ende des Stücks. Karayorgis setzt seine Läufe ruhig, bedachtsam, mit kaltem Mut. Das Trio modelliert Klangwelten, als gelte es, die Oberfläche des Musik-Planeten von Grund auf neu zu imaginieren. Diese Musik spricht wie aus dem Schlaf zu dir. Große Freiheit, sanfte Ballade, alles eins.

Welcher höhere Zauber ist da im Spiel? Wenn man Karayorgis glauben will: keiner. "Wir hören intensiv aufeinander und lassen ein Dreiergespräch zu", sagt der Athener aus Massachusetts. "Solo-Teile sind nicht so wichtig wie die gesamte Form und Entwicklung. Gewöhnlich arbeiten wir mit normalen Notenvorlagen – einige sind mit Akkordsymbolen, einige ohne – und die meisten Stücke werden einfach nach dem Muster Thema-Soli-Thema behandelt. Diese formale Einfachheit eröffnet mehr Möglichkeiten, die Gestalt eines Stücks zu entwickeln."

Das jüngste Album des Trios, "Blood Ballad", taucht noch mehr als sein Vorgänger "Heart And Sack" unter die Wasseroberfläche ab – ins unsagbar Klare, mysteriös Profunde, dynamisch Nuancierte. Im Titelstück und darüber hinaus echot Strayhorns "Blood Count", eine der gewaltigen, verstörenden Balladen der Jazz-Geschichte. Eine, die so gar nichts mit dem Standard-Thema der Jazz-Ballade zu tun hat, dem 32-taktigen "I love you", es sei denn, man verstünde "Blood Count" als letzten, endgültigen Flirt mit dem Tod. Billy Strayhorn schrieb das Stück über sein schon hoffnungsloses Blutbild auf dem Sterbebett. Man ahnt: Auch in Pandelis Karayorgis’ Musik finden letzte Fragen zu plastischer Gestalt.

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Legende. Irgendwo im weiten Land des Jazz steht eine Pyramide, die trägt – eingekratzt im Stein – verschiedene Namenszüge, nicht sehr viele. Am deutlichsten liest man: Ellington, Monk, Weston, Hill. Vor einiger Zeit öffnete sich eine verborgene Pforte dieses Bauwerks und ein weißer Lichtstrahl trat heraus und traf einen Pianisten namens Pandelis Karayorgis. Der spielt nun eckige, großintervallige Single-Note-Linien, einem sperrigen Saxofonisten ähnlich, er setzt schwebende Marksteine in die Luft, die irgendwie in eine rhythmische Ordnung kippen. Das ist die Weisheit der Pyramide: Ellington, Monk, ins Äußerste, Reduzierteste getrieben. Große Avantgarde.

© 2002, 2004 Hans-Jürgen Schaal


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