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Krottenthal in Oberbayern. Ein paar Häuser im Grünen, zwischen Wiesen und Wald. Hier residiert der Oreos-Verlag, und es wundert niemanden, daß in dieser idyllischen Gegend einige der schönsten Bavarica-Bücher gemacht werden, Fotobände über das Tegernseer Tal, den Schlierseer Winkl und andere Juwelen bayerischer Landschaft. Schöne heile Welt...

Doch der Verlag hat - wie Jazzfreunde wissen - auch ein anderes Gesicht. Neben den Bildern vom Land stehen die Klänge der Großstadt, geboren in den Nachtklubs, großgeworden mit Drogen und Tragödien: der Jazz. "Die besten Jazzbücher erscheinen nach wie vor im Oreos-Verlag", urteilt die Presse. Inzwischen sind es 23 Titel, und jedes Jahr kommen zwei neue hinzu.

Collection Jazz
10 Jahre Oreos-Verlag
(1993)

Von Hans-Jürgen Schaal

Gereift ist die Idee der "Collection Jazz" in einem Schallplattenladen in München. Dort trafen sich zwei Jazzfans - Verkäufer der eine, Kunde der andere - und fachsimpelten und planten. Daher der Aufhänger der Reihe: die Schallplatte. Eine ausführlich kommentierte Diskographie, die praktisch die zweite Buchhälfte füllt, ist zur Qualitätsgarantie der "Collection Jazz" geworden.

Möglich wurde das Unternehmen durch den verlegerischen Mut Walter Lachenmanns. Der Sproß einer evangelischen Pfarrersfamilie begegnete dem Jazz schon in den fünfziger Jahren. Doch seinen Bruder Helmut packte die Musik ungleich gewaltiger: Der ist heute einer der wichtigsten E-Komponisten in Deutschland. Walter dagegen ging in den Buchhandel, ins Verlagswesen, übernahm dort Produktionsbetreuung und Programmgestaltung. Dann kam der Moment, sich selbständig zu machen. Das war vor 10 Jahren.

Mitbegründer der Reihe "Collection Jazz" war Gerd Filtgen, der in den ersten Jahren beratend tätig wurde und als Ko-Autor der Bände über John Coltrane und Charles Mingus die Richtung vorgab. Seitdem entwickelt sich das Programm in sicherer Balance zwischen Tradition und Moderne: Ellington und Ella auf der einen Seite, Miles Davis und Keith Jarrett auf der anderen.

Mit Geschick konnte Lachenmann die besten Jazz-Autoren Deutschlands für sich gewinnen. Wer seine Bücher besonders kompetent rezensierte, mehr Sachlichkeit und kritische Einstellung forderte, erhielt von Lachenmann das Angebot, es besser zu machen. Nicht Fan-Gestammel, sondern Fachwissen sollte die Reihe vermitteln, nicht lobrednerisch, sondern informativ sein.

Seinen wichtigsten Fang machte der Verleger 1987, als er den Hamburger Musikologen Peter Niklas Wilson für den Verlag verpflichtete. Wilson hat nicht nur das Lektorat übernommen und zwei Bücher für Oreos übersetzt, sondern selbst auch bereits vier Saxophonisten in Buchform gewürdigt: Charlie Parker (zusammen mit Ulfert Goeman), Ornette Coleman, Sonny Rollins und - neu erschienen - Anthony Braxton. Wie Wilson Anschaulichkeit und Sachwissen verbindet, das ist in der deutschen Jazzschreibe ohne Beispiel. "Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können", sagt Walter Lachenmann.

Eine zweite wichtige Neuerung fiel in das Jahr 1991. Da beschloß man, das Erscheinungsbild der Reihe zu ändern, vom Paperback aufs Hardcover umzusteigen. Die Bücher wurden haltbarer und repräsentativer. Obwohl auch der Preis stieg, haben die Jazzfans diese Umstellung honoriert - und der Verleger sieht seine Produktionskosten schneller gedeckt.

Für die neue Gestaltung der Buchumschläge gewann Lachenmann den Schweizer Grafiker und Jazz-Veranstalter Niklaus Troxler, der sich mit einem eigenen Bildband einführte: einer Auswahl der von ihm über die Jahre hinweg entworfenen Jazzplakate. Sechs neue, raffiniert dichte "Troxler" zieren inzwischen die Bucheinbände der "Collection Jazz".

Auch inhaltlich hat sich etwas verändert. Das ursprüngliche Konzept - Biographie, Musik, Schallplatten - ist flexibler geworden, und neben den reinen Musiker-Monographien tauchen Titel auf wie "Jazzgitarristen" und "Jazz – Musik unserer Zeit". Doch die Diskographie ist und bleibt das Erkennungszeichen der Reihe.

Das hat sich inzwischen auch als ein Problem erwiesen. Durch die Umstellung des Plattenmarkts auf die CD sind die Diskographien der frühen Bände hoffnungslos veraltet. Auch mancher biographische Teil verlangt nach "updating". Doch eine Neuauflage käme einer völligen Umgestaltung gleich. Wenn die ersten Bände vergriffen sind, werden sie wohl für immer aus den Sortimenten verschwinden. Der Sammlerwert steigt.

Das zehnjährige Jubiläum beging der Verlag betont modernistisch: mit Wilsons anspruchsvollem Buch über den "schwierigen Avantgardisten" Anthony Braxton und mit einem Geburtstagsgruß an "unseren" Albert Mangelsdorff, der seinen 65. feierte. Bruno Paulot hat dafür unermüdlich den Posaunen-Meister und seine Weggefährten interviewt und ihre Statements sinnvoll montiert. Die Jazz-Szene stellt sich selbst dar.

Wie es weitergeht? Musiker, die eine Monographie verdient hätten, gibt es genügend. Louis Armstrong, Stan Getz, Bix Beiderbecke und Chick Corea sind für die nächsten Jahre geplant. Coleman Hawkins, Lester Young, Benny Goodman und Billie Holiday stehen in Warteposition. Zum 20jährigen Bestehen wird die "Collection Jazz" wohl eine ganze Buchregalreihe füllen.

© 1993, 2004 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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