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Er galt als Gerry Mulligans "heißer" Gegenspieler: Pepper Adams machte das ungelenke Baritonsaxophon zu einer eloquenten, virtuosen, nuancierten Stimme des modernen Jazz. Ähnlich wie sein Vorbild Coleman Hawkins verband er aggressiven Sound mit intelligenter Phrasierung und klang dabei oft schwärzer als viele seiner dunkelhäutigen Kollegen.

Jazz-Portrait
Pepper Adams
(1997)

Die traditionelle Aufgabe der Baritonsaxophonisten war ebenso eindeutig wie undankbar: Sie lieferten - anstelle von Tuba und Baß - den tiefen Kontrapunkt oder - im Saxophonsatz - den harmonischen Grundton. Noch heute werden Bariton-Solisten in der Regel in Big Bands groß und haben dort ihre dauerhaftesten Jobs. So auch Pepper Adams: Sein großes Horn hörte man bei Stan Kenton, Maynard Ferguson, Benny Goodman, Lionel Hampton, in den Town-Hall-Konzerten von Monk und Mingus und - rund 20 Jahre lang - in der Big Band von Thad Jones und Mel Lewis bzw. im Mel Lewis Orchester.

Der Aufstieg des Baritonsaxophons zum Solisten-Instrument begann erst mit den kleinen Besetzungen des Bebop. Leo Parker, ein Weggefährte Dizzys, Fats Navarros und Dexter Gordons, verschmolz den neuen Stil mit dem rauchigen, raunzigen Sound des Rhythm'n'Blues, der dem schweren Bariton mehr entgegenkam. Serge Chaloff, einer der Four Brothers in Woody Hermans Second Herd, spielte das träg ansprechende Instrument bereits überraschend leicht und mit virtuoser Beweglichkeit. Bob Gordon kultivierte darauf einen verbindlich-kühlen Stil und galt als die große Hoffnung des Westcoast-Jazz. Keiner der drei konnte das Baritonspiel nachhaltig prägen, denn ihre Botschaften verstummten zu rasch. Parker starb mit 36, Chaloff mit 33, Gordon mit 27.

Dann betrat Gerry Mulligan die Szene: der erste Musiker, der eine spezifische und bleibende Konzeption modernen Baritonspiels schuf. Obwohl er auch energisch swingen und boppen konnte, wenn's drauf ankam, war Mulligan ein Meister des Understatements: immer elegant und reflektiert, relaxt und mit kontrolliertem Ton. Dieser Weg schien der richtige zu sein, um das große Wildtier "Bari" zu einem berechenbaren Tonerzeuger zu zähmen. Und er schien der einzig mögliche Weg - bis Pepper Adams kam.

1947, als Teenager, zog Adams in die Industriestadt Detroit mit ihrer vitalen Swing- und Bop-Szene. Zu den vielen wichtigen Musikern, die damals in der Stadt lebten oder wirkten, gehörten die Saxophonisten Lucky Thompson, Sonny Stitt, Frank Foster, Joe Henderson, Yusef Lateef, Charles McPherson, Sonny Red und Billy Mitchell; die Trompeter Thad Jones und Donald Byrd; der Posaunist Curtis Fuller; die Pianisten Barry Harris, Tommy Flanagan, Roland Hanna und Hank Jones; der Vibraphonist Milt Jackson; Gitarrist Kenny Burrell; die Bassisten Doug Watkins, Paul Chambers und Ron Carter; die Schlagzeuger Louis Hayes, Kenny Clarke, Elvin Jones und Roy Brooks.

"In den meisten Fällen war ich der einzige weiße Musiker in der Band", erinnerte sich Pepper Adams später, und das mag erklären, warum sein Spiel jenen druckvollen, aggressiven Charakter annahm, den man gewöhnlich mit schwarzen Bläsern verbindet. Anders als Chaloff und Mulligan verfügte Adams über einen trockenen, beißenden, fast zynischen Sound. Ein brüllender Löwe, ein berstender Vulkan. Am meisten bewunderte er den vollen, sonoren Ton des Ellington-Baritonisten Harry Carney und die schiere Energie des Tenorsaxophonisten Coleman Hawkins. Kein Wunder, daß seine weißen Kollegen in der Kenton-Band ihn "The Knife" tauften. Und daß viele Hörer Pepper Adams für einen rauhen, kräftigen Schwarzen hielten, bis sie ein Foto von ihm sahen.

Adams war nämlich das genaue Gegenteil: sehr blaß im Gesicht, schmal von Statur, ein stiller Zeitgenosse mit guten Manieren, Hornbrille und literarischen Interessen. Seine Freundlichkeit als Mensch und sein wildes, rauhes Saxophonspiel empfahlen ihn jedoch in besonderer Weise als Sideman für schwarze Bandleader. Bereits 1947 spielte er neben Tommy Flanagan bei Lucky Thompson. Von 1953 an gehörte er zur Hausband im Detroiter Klub "Bluebird" und begleitete die namhaften Tourneegäste aus New York. 1956 stellte Kenny Clarke die Detroiter Szene auf einer Schallplatte vor und wählte dafür als einzigen Bläser Pepper Adams. Für die Kritiker war Pepper die eigentliche Überraschung der Platte, und im Folgejahr gewann er den New Star Award von Down Beat.

Von da an ging es Schlag auf Schlag. Als John Coltrane für seine Platte "Dakar" zwei Baritonsaxophonisten brauchte, war Pepper einer von ihnen und brachte zwei eigene Stücke mit. Als Lee Morgan sein Album "The Cooker" aufnahm, fand er in Pepper Adams den dafür notwendigen "kochenden" Baritonisten. Als Charles Mingus' Platte "Blues and Roots" entstand, war Pepper die einzig mögliche Wahl für den Bariton-Part: einer, der der eruptiven Kraft eines Jackie McLean und Booker Ervin gewachsen war. Auch Gene Ammons, Freddie Hubbard, Lou Donaldson oder Sonny Red sicherten sich Peppers Dienste. Seine lyrische und ensembledienliche Seite bewies er auf verschiedenen Platten Chet Bakers.

Als Bandleader sorgte er schon Ende der 50er Jahre im New Yorker Jazzclub "Five Spot" für Aufsehen. Seine Bebop-Platte mit dem Euphonium-Spieler Bernard McKinney (alias Kiane Zawadi) demonstrierte 1957 mit fast provozierender Leichtigkeit die endgültige Emanzipation der tiefen Bläserstimmen. Von 1958 bis 1962 leitete Adams zusammen mit dem Trompeter Donald Byrd ein erstklassiges Hardbop-Quintett, dem so legendäre Pianisten angehörten wie Bobby Timmons, Duke Pearson und der junge Herbie Hancock.

Ähnlich wie bei seinem Vorbild Coleman Hawkins verband sich in Peppers Spiel ein voller, aggressiver Sound mit intelligenter, harmonisch durchdachter Phrasierung. Und ähnlich wie Hawkins erhielt sich Pepper diese Fähigkeit bis zum Schluß. In den letzten Jahren seines Lebens erhielt er mehrere Grammy-Nominierungen und wurde von den Down-Beat-Kritikern wiederholt zum besten Baritonisten gewählt. Eine seiner letzten Aufnahmen entstand im Februar 1986 in Montreal, wo er wieder einmal als Solist vor einer Big Band stand. Pepper, 55 Jahre alt und kahlköpfig, hatte eine Chemotherapie gegen Lungenkrebs begonnen, war todkrank und spielte unter Schmerzen. Sein empfindsames, abschiedsschweres Solo über den bittersüßen Rodgers-Hart-Song "My Funny Valentine" trieb den Musikern der Denny Christianson Big Band die Tränen in die Augen. Nur wenige Monate später war Pepper Adams tot.

© 1997, 2003 Hans-Jürgen Schaal


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