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Traditionalist oder Modernist? Im Fall des Pianisten Ray Bryant ist das schwer zu sagen. Der große Tastenmann spielte mit Chuck Berry ebenso wie mit Miles Davis, mit Big Joe Turner wie mit Sonny Rollins, und trotz großer Soul-Jazz-Erfolge läßt er sich noch immer auf Boogie-Festivals hören. Wahrscheinlich liegt's nicht nur an seiner pianistischen Vielseitigkeit: Der Mann mit den warmen Augen und dem gemütlichen Schnauzer ist einfach jedermanns Freund.

Ray Bryant
Zehn goldene Finger
(1998)

Von Hans-Jürgen Schaal

Samstagabend im Quartier Latin. Es riecht nach Frühling, junger Liebe und Gegrilltem, das Leben drängt sich durch die Gassen und lautstark hinein in Kneipen, Cafés und Second-Hand-Läden. Ein paar Meter weiter in "La Villa" spielt heute abend Craig Handy, im "Bilboquet" feiert Claude Tissendier den großen Benny Goodman, und im Jazzkeller des Hôtel Alliance gibt Ray Bryant sein Abschiedskonzert. Drei Kellner wedeln mit ihren Gästelisten, das Publikum staut sich geduldig in der Hotellobby, und wer nicht reserviert hat, kann gleich wieder gehen. 150 Francs pro Person kostet der Set (etwa 45 Mark), Studenten bleiben deshalb fern: Es sind Pariser Wohlstandsbürger, die heute abend mit Kennermiene gepflegte Klaviertöne schlürfen und dabei an ihren großen, bunten Cocktails nippen. Zum Valentinstag empfiehlt die Geschäftsleitung den werten Gästen ein Fläschchen Champagner für 370 Francs.

Daß Ray Bryant Paris nicht sonderlich mag, könnte an diesem Publikum liegen. In jeder Hand ein volles Glas, bleibt er möglichst lange an unserem Tisch sitzen - beim englischen Manager, der singenden Kollegin und dem deutschen Journalisten. Schließlich eröffnet er den Set mit ein paar Sicherheitsnummern - „Broadway“, „Satin Doll“, „Lil’ Darlin’“: Paris sitzt im Cocktail-Sesselchen und lächelt zufrieden über den Gläserrand hinweg. Plötzlich aber kommt er zur Sache, rast durch ein hyperschnelles „Rhythm-a-ning“, spielt Strayhorns „A-Train“ als Halsbrecher-Boogie und erfindet in Gillespies „Con Alma“ das afro-kubanische Stride-Piano. Ich habe Mühe, in diesen hellwachen Inventionen den 66jährigen Veteranen wiederzuerkennen, der am Nachmittag für mich sein Schläfchen unterbrach und mühsam die Treppe in den leeren Klub hinunterstieg zum Interview im Schummerlicht...

Q: Einer Ihrer frühesten musikalischen Einflüsse muß die Gospelmusik gewesen sein.

A: Meine Mutter war in der Tat Gospel-Predigerin und spielte außerdem Klavier. Das hat mich sicherlich geprägt, auch wenn ich bestimmt kein Gospel-Pianist bin. Mit fünf Jahren habe ich dann einfach nachgespielt, was meine Mutter spielte. Da dachte sie sich: Das Kerlchen muß doch ein bißchen Talent haben. Also schickte sie mich zur Klavierlehrerin, und die brachte mir erst einmal klassische Musik bei.

Q: Wissen Sie noch, welche klassischen Stücke Sie lernten?

A: Mit 8 oder 9 spielte ich die Pathétique, die Mondscheinsonate oder auch Clair de Lune. O ja, ich kann das alles! Ich verspürte dann einen natürlichen Hang zum Jazz, aber ich bin froh über meine klassische Ausbildung, die mir gute Voraussetzungen dafür schuf. Jazz ist eine komplette Musik, in der sich alle diese Einflüsse unterbringen lassen.

Q: Sie kamen schon sehr früh mit dem Bebop in Berührung, wurden aber nie ein reiner Bebopper.

A: Bevor der Bebop aufkam, waren Art Tatum und Teddy Wilson meine Klavier-Helden - auch nicht die Schlechtesten, was? Ich hatte also immer schon die richtige Musik gehört und besaß bereits so etwas wie einen eigenen Stil. Der Einfluß von Bud Powell kam dann nur noch dazu.

Q: Wann haben Sie angefangen, Boogie zu spielen? War das auch schon vor dem Bebop?

A: Ich schätze schon. Ich habe zwar nie ernstlich Boogie-Pianisten studiert, aber ich hörte Duke Ellington und Count Basie, und da blieb einfach einiges hängen. Sicherlich kannte ich Boogie und Blues, bevor ich Bud Powell hörte. Mit 9 oder 10 Jahren spielte ich schon „After Hours“, den „Basie Boogie“ oder den „C-Jam Blues“. Als dann der Bebop kam, sagte ich mir: Hey, das gefällt mir aber auch!

Q: In einer früheren Aufnahme von „Moanin’“ spielen Sie diesen wunderbaren Boogie-Bass...

A: Ja, in der Bridge. Ich habe das nie gelernt, ich mache es nur so nach Gehör. Aus Deutschland fragen oft die Boogie-Pianisten an, ob ich mit ihnen zusammen auftrete. Ich sage dann: Ich bin kein geborener Boogie-Woogie-Spieler, ich verwende Boogie-Techniken nur in ein paar Stücken, zum Beispiel in „In De Back Room“. Sie sagen: Spiel nur diese zwei oder drei Songs mit uns! Das ist alles, was wir wollen.

Q: Wir hatten jetzt Gospel, Klassik, Swing, Bebop, Blues und Boogie. Sind Sie derjenige, der alles kann, gleichgültig welche Stilrichtung?

A: Das hat man oft von mir behauptet. In meiner ersten Zeit in New York spielte ich nachmittags in den Swing-Bands von Coleman Hawkins und Roy Eldridge und abends downtown mit der sogenannten Avantgarde jener Zeit, Leuten wie Benny Golson und Curtis Fuller. Ich hatte nirgendwo ein Problem, mich anzupassen. Ein C-Dur-Akkord ist ein C-Dur-Akkord - in welchem Stil auch immer.

Q: Entsprechend sieht der Katalog Ihrer Schallplatten-Aufnahmen aus. Er reicht von Blues und Rhythm & Blues über Swing bis hin zu einigen Meilensteinen des modernen Jazz: Platten von Miles Davis, Dizzy Gillespie, Sonny Rollins, Art Blakey, Max Roach. Gibt es irgendeine Aufnahme, von der Sie sagen würden: Das bin ich wirklich!?

A: Von ein paar meiner Platten glaube ich auch heute noch, daß sie okay sind: zum Beispiel das Album „Little Susie“ oder meine erste unbegleitete Solo-Platte, „Alone With The Blues“. Ich würde sie heute anders machen, aber sie zeigen genau, wie ich damals empfand.

Q: „Little Susie“ war um 1960 Ihr großer Hit, und die Leute nannten das damals „Funk“ und „Soul Music“. War es für Sie einfach nur Blues?

A: Genau! „Little Susie“: Das sind drei oder vier verschiedene Arrangements der Blues-Harmonien. Auch mein Stück „Blues Changes“, das Miles Davis als erster aufnahm, steckte da wieder drin. Die Tatsache, daß die Leute „Little Susie“ mochten, heißt nicht, daß es musikalisch anspruchslos war. Das Publikum mag es übrigens heute noch, es ist mein Theme Song. Auch ein Avantgardist wie Miles Davis liebte das Stück. Er kam oft vorbei und sagte: Play that thing!

Q: Ich denke, Sonny Rollins' „On Impulse“ war die Platte, auf der Sie sich am meisten der Avantgarde der 60er Jahre näherten?

A: Ich empfand das nicht so. Ich spielte dieselben Akkorde wie 15 Jahre vorher, und ich legte mir damals nicht Rechenschaft darüber ab, was wir da eigentlich trieben.

Q: Wie dachten Sie über den Free Jazz?

A: Ich sagte mir: Laß sie machen, bis sie genug davon haben. Ich tat nicht mit.

Q: Wie denken Sie heute darüber?

A: Ich denke möglichst gar nicht daran. Vielleicht hat der Free Jazz ein paar Spuren hinterlassen, aber hoffentlich nicht bei mir.

Q: Ihre neue CD „Tribute To Jazz Piano Friends“ ist eine Widmung an 11 Piano-Kollegen - von Count Basie bis Kenny Barron -, die Sie alle persönlich kennengelernt haben. Gibt es noch Kontakte?

A: Klar! Erst vor zwei Monaten sah ich Horace Silver, wir trafen uns zufällig in New York, und ich erzählte ihm, daß ich sein „Doodlin’“ wieder aufnehme. Randy Weston traf ich bei einer Piano Night in Montreux. Auch Kenny Barron sehe ich ziemlich oft. Alle zwei Jahre machen wir zusammen diese Piano-Tournee durch Japan, bei der 10 Pianisten spielen: „100 Golden Fingers“ nennen sie's. Die Zusammensetzung wechselt immer ein wenig, aber Kenny und ich waren jedes Mal dabei.

Q: Es heißt, die Auswahl der 11 Pianisten für das „Tribute“-Album sei Ihnen schwergefallen. War es leichter, die Stücke auszuwählen?

A: Ich habe einfach versucht, von jedem Pianisten jeweils das bekannteste Stück zu nehmen. Joe Zawinul? Natürlich: „Birdland“. Bobby Timmons? „Moanin’“. Das Ganze war übrigens nicht meine Idee, sondern ein Vorschlag des Produzenten, Larry Hathaway. Er rief mich eines Tages an und sagte: Wie wär's, wenn wir ein Album zusammen machen? Ich sagte: Es gibt doch schon so viele Platten von mir! Ich arbeite gut mit Emarcy zusammen, und die älteren Sachen sind inzwischen auch auf CD zu haben. Das Letzte, was ich brauche, ist ein neues Album. Aber er ließ nicht locker.

Q: Haben Sie alle 11 Stücke früher schon einmal gespielt?

A: „Birdland“ hatte ich nie zuvor versucht. Ich mußte mir erst die Platte kaufen und dann ein Klavier-Arrangement erarbeiten.

Q: Dave Brubecks „The Duke“ klingt bei Ihnen erstaunlich swingend und elegant, immerhin ein Stück mit ziemlich ausgefuchsten Changes...

A: „The Duke“ gehört zu den Stücken, die man kann oder nicht kann: Da läßt sich nichts vortäuschen. Ich war mir nicht ganz sicher mit der Bridge, deshalb besorgte ich mir die Noten. Ich mochte immer Teddy Wilsons Aufnahme: Sie hat mein Interesse für das Stück geweckt.

Q: Jetzt könnte jemand sagen: Ramsey Lewis, Bobby Timmons, Horace Silver und Joe Zawinul sind „funky“ Pianisten und natürlich erste Wahl für Ray Bryant... keine Überraschung also...

A: Richtig, das werden viele sagen. Was immer ich auch tue: Manche Leute hören immer nur den Blues. Ich spiele ja nun wirklich auch andere Dinge. Aber jeder sagt nur: Oh, er ist ein großer Blues-Pianist!

© 1998, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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