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Saxophone auf Rezept?
Ein Gespräch mit Jazz-Fan Andrea Fischer
(1999)

Von Hans-Jürgen Schaal

Dementis und Richtigstellungen sind das A und O der Tagespolitik. Es ist richtig, daß Hans-Jürgen Schaal in der Spätphase der Bonner Republik den Deutschen Bundestag am Rhein besuchte. Es ist ebenfalls richtig, daß es dort zu einer Unterredung mit Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer kam. Nicht richtig ist, daß es dabei um den Einsatz von Baritonsaxophonen in der kostengedämpften Gesundheitsvorsorge ging. Falsch sind auch Berichte, wonach eine spontane Jam Session am Rande des Plenums stattfand und Bodo Hombach den Reportern zurief: "Das ist ja nicht auszuhalten! Da gehe ich doch lieber gleich auf den Balkan!" Richtig ist, daß Bodo Hombach an diesem Tag von seinem Posten als Kanzleramtsminister zurücktrat. Falsch ist die Annahme, es gäbe auf dem Balkan keine Saxophone.

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Q: Ihre Leidenschaft fürs Saxophonspielen...
A:
Eine späte Leidenschaft, ich mache das jetzt seit drei Jahren. Ich dachte: Ich brauche etwas, das völlig anders ist als meine üblichen Freizeitvergnügungen.

Q: Nehmen Sie Unterricht?
A:
Mein Lehrer macht sehr viel im klassischen Bereich. Und er hat Verständnis dafür, daß ich nie übe. Für mich ist das Musikmachen im Moment einfach nur Entspannung. Wenn ich mal nicht mehr Ministerin bin, dann lege ich erst richtig los.

Q: Entspannung - oder auch Abreaktion?
A:
Beides. Als ich noch einfache Abgeordnete war, bin ich schon auch mal vor einer schwierigen Rede morgens früh ins Büro gegangen und habe erst einmal eine halbe Stunde gespielt. Dann ging's mir besser.

Q: Stimmt es, daß Gerry Mulligans Musik Sie zum Saxophon gebracht hat?
A:
Ich bin irgendwann auf Gerry Mulligan gestoßen und dachte: Der Ton! Das ist es! Oder eher: Die Tonlage! Dann, letzten Sommer, sehe ich im Schaufenster vom Saxophon-Shop in Berlin so ein Bariton. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Ein Selmer Mark VI von 1963. Ein wunderbares Teil, ein Bariton ohne tiefes A. Die vom Shop sagten mir dann: So ein B-Bariton hat übrigens auch Gerry Mulligan gespielt.

Q: Jazz ist also eine relativ neue Entdeckung für Sie.
A:
Ja, aber eine neue Liebe ist auch immer etwas heißblütiger. Ich finde das ganz reizvoll, wenn man immer noch was Neues entdecken kann. Was wahrscheinlich eine dauerhafte Liebe sein wird: Es gibt eine Platte von Thelonious Monk und Gerry Mulligan zusammen, eine grandiose Kombination. Auch Monks Solo-Aufnahmen finde ich hinreißend. Genauso gern höre ich Erik Satie. Ich hatte früher einen eher... sehr konventionellen Musikgeschmack. Genaueres darüber, sagt meine beste Freundin, soll ich nicht sagen. Doch seit ich mich damit beschäftige, wie man Töne und Klänge erzeugt, höre ich Musik anders als früher.

Q: Wie erkunden Sie die Welt des Jazz?
A: In dieser Hinsicht hat Jazz thing mir richtig was Gutes getan. Ich wußte nämlich vor Ihrer Interview-Anfrage nicht, daß es diese Zeitung gibt. Jetzt lese ich sie, um mitzukriegen, was es Neues gibt.

Q: Hören Sie auch Oldtime-Jazz oder Free Jazz, Bebop...?
A:
Bebop, ja. Aber ich mach das ja nicht systematisch. Wenn Sie mich in ein paar Jahren fragen, werde ich etwas informierter klingen. Aber dann wollen Sie nicht mehr mit mir sprechen, weil ich nicht mehr Ministerin bin, sondern in Italien sitze und den ganzen Tag Saxophon übe. Das wäre im Moment mein großer Traum.

Q: Waren Sie schon mal in einem New Yorker Jazzclub?
A:
Ja. Ich habe mal Hamiet Bluiett gehört, irgendwo im Village. Es war sehr schrill. Ich finde es auch anstrengend, ihn beim Spielen zu beobachten. Seine letzte Platte war eine Heimsuchung.

Q: Sollte in deutschen Jazzclubs ein generelles Rauchverbot gelten?
A:
Äh, nö. Aber ich glaube, das wäre nicht "pc", wenn ich als Gesundheitsministerin sagen würde: Es ist erst richtig gemütlich in einem Jazzclub, wenn dort geraucht wird.

Q: Hat denn Jazz auch so etwas wie eine politische Haltung?
A: Ich würde meinen Musikgeschmack niemals politisch überhöhen. Ich habe Vergnügen daran, durch mehr Kenntnis von Musik Musik anders zu hören. Ich habe mir da neue Horizonte aufgetan. Wenn ich an Ostern eine Woche Musik gemacht habe, dann bin ich richtig hungrig auf mehr. Letztes Jahr haben wir zum Schluß unseres Kurses fast im Originaltempo "A Night In Tunisia" gespielt - zwei Alt, ein Tenor (das war ich) und ein Bariton.

Q: Sie mußten das Riff spielen? Dadi-dadi-dadi?
A: Ja, genau! Ich mußte immer auf "1 und" einsetzen. Das hat drei Tage gedauert, in denen sich einer meiner Mitspieler die Hände wundgeklatscht hat: Das muß doch möglich sein, daß Sie's nochmal lernen! Und dann war irgendwann der Knoten durch, dann stimmte jeder Einsatz, ganz verblüffend. Das fand ich eine starke Erfahrung. Da habe ich richtig bemerkt, wie ich noch mal so eine Grenze überschreite.

Q: Nach der politischen Karriere kommt die CD von Andrea Fischer?
A:
Nein, keine Sorge. Ich kann alle beruhigen, die befürchten, sie würden damit behelligt. Aber ich würde mir drei Leute in Berlin suchen, mit denen ich regelmäßig im Saxophon-Quartett spielen kann.

Q: Wie wär's mit einer Jam-Session mit Bill Clinton?
A:
Nein. Ich habe mich lange gesträubt, mit dem Saxophon überhaupt aufzutreten - bis ich dann für diese Wahlkampf-Veranstaltung letzten Sommer überredet wurde. Ich habe natürlich nicht im Traum daran gedacht, ich würde drei Monate später Ministerin.

Q: Und dann hieß es: Grüne Saxophonistin wird Ministerin.
A:
So ungefähr. Was ich an Anfragen habe, ob ich nicht mal öffentlich auftreten könnte, das ist abenteuerlich!

Q: Wovon verstehen Sie mehr: Von Musik oder von Medizin?
A:
Das ist ja wirklich eine freche Frage. Von Musik.

Q: Ist das Regierungs-Kabinett musikalisch?
A:
Ich staune immer wieder, wie harmonisch es ist. Nur bei den Sparbeschlüssen gab es Dissonanzen, die über das für das gemeine Ohr Verträgliche hinausgingen. Ich muß gestehen, ich kenne die privaten Vorlieben meiner Kollegen nicht besonders. Der Fischer steht auf Oper. Als seine Frau ihn verlassen hat, hat er angefangen, Opern zu hören. Wie das so mit frisch Bekehrten ist, mußten wir uns eine Zeitlang immer mit anhören, was er jetzt wieder für eine Mozartoper hört...

Q: Was macht mehr Spaß - Politik oder Jazz?
A: Jazz natürlich. Von Spaß kann hier keine Rede sein.

© 1999, 2002 Hans-Jürgen Schaal

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Zur Person:
Andrea Fischer

1960 geboren in Arnsberg (Sauerland)
1978 Abitur. Eintritt in die IG Druck und Papier
1978-81 Lehre als Offsetdruckerin
1981-85 Druckerin und Korrektorin
1985 Beitritt zu den Grünen
1985-90 Studium der Volkswirtschaftslehre
1990 Diplomarbeit über soziale Grundsicherung in Europa. Preis des Vereins Berliner Kaufleute für Europaforschung
1990-91 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Europa-Parlament
1991 Eintritt in die ÖTV
1991-93 Arbeit am Wissenschaftszentrum Berlin
1993-94 BfA, Schwerpunkt Rentenversicherung
1994 Abgeordnete des Deutschen Bundestags, sozialpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion
1998 Spitzenkandidatin der Grünen-Landesliste Berlin
1998-2000 Bundesgesundheitsministerin
Oktober 2002 Übernimmt eine TV-Talkshow

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