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JAZZ FICTION Teil 7.

Mit 16 Jahren entdeckte er den Jazz, im Jahr darauf wurde diese Musik von den deutschen Besatzern verboten. Seitdem ist Jazz für Josef Skvorecky der Ausdruck von Freiheit und Lebenswillen. "Das Beste, was ich geschrieben habe, sagen wir: das am wenigsten Schlechte, das Passable, war über Jazz."

Josef Skvorecky
Süßes Gift der Jugend
(2002)

Von Hans-Jürgen Schaal

Danny lebt in einer tschechischen Kleinstadt und hat zwei Interessen: Jazz und Mädchen. Eigentlich ist das fast dasselbe, denn wie beeindruckt man ein Mädchen mehr als mit einem Tenorsaxofon in der Hand? Wie Danny als Saxofonist von "Dinah" zu "Sweet Georgia Brown" und weiter zu "Sweet Sue, Just You" wechselt, so bemüht er sich mal um Irena, mal um Marie, mal um Dagmar und mal um Mizzi. Und wie er über ein bestimmtes Stück immer und immer wieder improvisiert, so übt er sich auch täglich in seiner Flirt-Strategie. Als er eines Tages überraschend ein gewaltiges, mythisches Bass-Saxofon anfassen darf, ist ihm ganz so zumute, als würde er eine Frau umarmen. Jazz spielen und mit Mädchen rummachen: Das ist das süße Gift ewiger Pubertät, ein zweckfreier Garten Eden, reine Lebensenergie, sinnloses Glück. "Ich hätte für nichts sein können, was gegen den Jazz war." Oder gegen die Liebe.

Im Mai 1945 gerät Dannys bewegtes Seelenleben in die Mühlen der Weltgeschichte. Zwischen den abziehenden Deutschen und den anrückenden Russen, zwischen Tätern und Opfern, Kollaboration und Widerstand wollen die Bewohner des Städtchens Kostelec ihr Heldentum beweisen. Doch der Roman, den Josef Skvorecky 1948/49 darüber schrieb, trägt den Titel "Feiglinge". Als er 1958 endlich erscheinen durfte, diente er den Stalinisten als abschreckendes Argument gegen das politische Tauwetter. Der Autor verlor seinen Job und erhielt Publikationsverbot. 1969 emigrierte er nach Kanada, doch sein scheinbar naiv realistischer Roman machte ihn zu Hause berühmt. "Die ‚Feiglinge’ werden mich überleben – so wie die orthopädischen Schuhe meines Vaters den Meisterschuhmacher Zahálka aus Kostelec überlebt haben."

Natürlich erzählte Skvorecky in diesem Buch (fast) seine eigene Geschichte. Und er erzählte sie immer wieder: in "Eine prima Saison", "Eine kleine Jazzmusik", "Geschichte des Tenorsaxofonisten", "Das Basssaxofon", "Das Mirakel". Es ist die Geschichte, wie er mit 16 vom Swing-Fieber gepackt wurde, wie im Jahr darauf die Nazis kamen und den Swing verboten und wie das ihn und seine Freunde erst recht anspornte, Jazz zu hören und zu spielen. Wie sie vergiftet waren vom vierstimmigen Honigklang von Jimmie Luncefords Saxofonsatz, von der jungen Stimme Ella Fitzgeralds auf einer Chick-Webb-Platte, von Louis Armstrongs "St. James Infirmary Blues" und von den Radio-Sendungen aus Schweden. Wie die Deutschen den Jazz durch Vorschriften ausradieren wollten, keinen Blues, kein Hot-Tempo erlaubten, nur ein arisch diszipliniertes Allegro, keine Breaks und Scats zulassen wollten und nicht mehr als zehn Prozent Synkopierung, wie sie Dur-Tonarten und den gestrichenen Bass verlangten und Streicher statt Saxofone. Und wie die gewitzten Teenager die Verbote unterliefen aus purer Lust am Leben, wie sie selbst beim Gottesdienst auf der Orgel Jazz-Melodien spielten, wie sie Saxofone als "Sachs-Klanghörner" tarnten und den "Riverside Blues" als "In der Schwimmanstalt" ansagten. Und wie sie auch später unter den Kommunisten Jazzkonzerte durchsetzten, indem sie sie als anti-amerikanische Propaganda-Veranstaltungen ausgaben. Eigentlich saukomisch, hätte es nicht immer wieder tragisch geendet.

1958 erschien die Erzählung "Eine kleine Jazzmusik" in einem tschechischen Jazz-Jahrbuch und half mit, dass dieses umgehend konfisziert wurde. Denn was Skvorecky darin über die Jazz-Politik der Nazis geschrieben hatte, ähnelte zu offensichtlich der Jazz-Politik der herrschenden Kommunisten. In den 60er-Jahren wollte Milos Forman Skvoreckys Erzählung in Prag verfilmen. Die Vorbereitungen dazu entwickelten sich zu einem akrobatischen Slalomlauf entlang der sich schlängelnden Parteilinie. "Nach einem Jahr der Kommentare und Vorschläge gab es in dem Drehbuch keine Swingband mehr und statt einer Komödie war es eine Tragödie über Anti-Nazi-Sabotage von Arbeitern in einer Waffenfabrik." Von solchen Dummheiten leben Skvoreckys Bücher in ihrem tödlichen Humor, ihrer allwissenden Ignoranz und ihrer Schwejkschen Unschuld.

Bis zum August 1968, so fasste Skvorecky später zusammen, durfte er in Tschechien "alle existierenden politischen Systeme Europas des 20. Jahrhunderts" am eigenen Leib erleben. Skvorecky zählte deren sieben, die wenigsten davon duldeten den Jazz. Diktaturen vertragen keine Musik, die der Seele zu nahe kommt. Danny, der jazzende Schwerenöter aus dem Städtchen Kostelec, ist schließlich Professor in Toronto geworden. Nicht nur im Roman "Der Seeleningenieur".

"Für mich heißt Literatur: immerzu Jazz blasen, von der Jugend singen, wenn die Jugend für immer verloren ist."

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JOSEF SKVORECKY

1924 Geboren im böhmischen Náchod (Tschechoslowakei)
1943 Zwangs-Hilfsarbeiter bei Messerschmitt
1945 Beginnt Medizinstudium in Prag
1949 Beendet seinen ersten Roman "Feiglinge"
1951 Promotion in englischer Literatur in Prag. Arbeitet danach als Lehrer und Übersetzer
1956 Wird Herausgeber eines Literatur-Magazins
1958 "Feiglinge" und die Erzählung "Eine kleine Jazzmusik" erscheinen und werden umgehend konfisziert
1967 Schreibt die Novelle "Das Bass-Saxofon"
1969 Emigriert mit seiner Ehefrau nach Kanada
1971 Gründet mit ihr den Verlag Sixty-Eight Publishers für Exil- und Dissidenten-Literatur. Professorenstelle an der Universität Toronto
1982 Nominierung für den Nobelpreis
1990 Roman "Dvorák in Love" (1983) erscheint auf Englisch
1999 Staatspreis der Republik Tschechien

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© 2002, 2004 Hans-Jürgen Schaal


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