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Einzelgänger mit Humor
Der Tenorsaxofonist Sonny Rollins wird 70
(2000)

Von Hans-Jürgen Schaal

Seine erste Auszeit nahm Sonny Rollins mit 24 Jahren. Charlie Parker hatte ihn eindringlich ermahnt, vom Heroin loszukommen (was Parker selbst nicht mehr gelang), und der um zehn Jahre Jüngere nahm sich's zu Herzen. Als er im Frühjahr 1955 von seiner Entziehungskur in Lexington, Kentucky, auf die Jazz-Szene zurückkehrte, war Parker tot. Rollins aber war clean und der heißeste Anwärter auf den verwaisten Thron des führenden Jazz-Saxofonisten. In nur eineinhalb Jahren - von Dezember 1955 bis Juni 1957 - nahm er daraufhin zehn Studio-LPs unter eigenem Namen auf: Deutlicher konnte er seinen Anspruch auf Platz 1 kaum unterstreichen. Eine dieser LPs war "Saxophone Colossus", bis heute die von Kritikern am lautesten gefeierte Rollins-Platte überhaupt. Saxofon-Koloss Rollins behauptete sich in dieser Zeit nicht nur als der "neue Bird", sondern legte die Grundlagen für ein beispielloses Renommee unter Mitmusikern. Den "größten Tenorsaxofonisten aller Zeiten" nannte ihn Miles Davis einmal und Tenor-Kollege Joe Henderson sprach vom "Inbegriff eines Genies".

Noch mehr Aufsehen erregte Rollins' zweite Auszeit von 1959 bis 1961: Da entzog sich ein junger Jazz-Star aus geheimnisvollen Gründen der Öffentlichkeit, war nicht einmal telefonisch mehr zu erreichen, tauchte quasi unter in die Anonymität. Schließlich entdeckte ihn ein Journalist mit seinem Saxofon auf der Williamsburg Bridge, der nördlichsten der drei Brücken, die Downtown-Manhattan mit dem Festland verbinden. Bei Tag und Nacht stand Rollins häufig dort oben über dem East River und blies gegen den zischenden Wind in sein Horn. "Man ist über der ganzen Welt und kann alles überblicken, die Skyline, das Wasser, den Hafen", so Rollins. "Man kann so laut spielen, wie man will, und man fängt an nachzudenken." Als er die Szene wieder betrat, nannte er seine erste Platte "The Bridge" und zeigte ganz neue stilistische Facetten. Mit seiner "Freedom Suite" (1958) hatte Rollins den Free Jazz nur dem Namen nach angekündigt. Nun überwand er auch musikalisch die 50er Jahre und öffnete sich den neuen Freiheiten - zunächst im melancholisch-interaktiven Quartett mit Jim Hall, dann auch im Schulterschluss mit Free-Jazz-Pionieren wie Don Cherry, Paul Bley und Elvin Jones.

Diese Auszeiten verraten manches über Rollins. Er war nie jemand, der mit Kollegen einen neuen Stil entwickeln, eine neue Idee etablieren würde. Rollins ist ein Einzelgänger - kein Bannerträger, kein Mitläufer, kein Kollektivist. Nach Phasen höchster Aktivität benötigt er die Distanz, um sich psychisch und physisch zu erholen und sich selbst und seine Kunst zu überdenken. In dieser Distanz hat er seine Abhängigkeiten bekämpft (neben dem Heroin gab es Alkohol, Nikotin, Amphetamine), hat er seinen spirituellen Neigungen nachgegeben (Rosenkreuzer-Orden, Yoga, Zen-Buddhismus), hat er musikalische Studien betrieben und das Ausdrucksspektrum seines Saxofonspiels erweitert. "Das Saxofon ist so ein einmaliges Instrument", sagte er 1985. "Es hat diese konische Form, die sehr mystisch ist, und es erzeugt Obertöne, die sehr schwer wissenschaftlich zu erfassen sind." 20 Jahre früher schon bekannte Steve Lacy: "Ich habe noch nie jemanden erlebt, der das Tenorsaxofon so liebt wie Sonny... er weiß alles darüber." Rollins gehörte übrigens zu den Pionieren der "Multiphonics", der Mehrklang-Erzeugung auf dem Saxofon. Beim Improvisieren liebt er es, mit seinem Instrument umherzugehen und dem sich ändernden Raumklang nachzuforschen. Mehr als einmal ist er dabei bei Konzerten von der Bühne gestürzt.

Sonny Rollins wuchs in Harlem auf, dem Zentrum der schwarzen Bop-Bewegung, und jammte dort schon als Schüler mit anderen späteren Jazz-Größen wie Jackie McLean, Kenny Drew oder Art Taylor. Mit 17 Jahren wirkte er erstmals bei einer Plattenaufnahme mit, zur gleichen Zeit lernte er - dem Beispiel der Bop-Pioniere folgend - das Heroin kennen. Von 1949 bis 1957 gehörte der junge Tenorsaxofonist einer erstaunlichen Serie von wegweisenden Studio- und Live-Formationen an, war Sideman auf wichtigen Platten von J.J. Johnson, Bud Powell, Miles Davis, Thelonious Monk, Max Roach oder Dizzy Gillespie. Die ersten Aufnahmen als Leader machte Rollins 1951, die erste ganze LP 1954 ("Moving Out"). Seine berühmtesten Kompositionen - "Airegin", "Oleo", "Doxy", "Pent-Up House", "Valse Hot", "St. Thomas", allesamt schlichte Konzentrate elementarer rhythmisch-melodischer Ideen - entstanden bis 1956. In diesem Jahr galt Rollins bereits als der überragende Saxofonist der Stunde: Bei einer Umfrage des Journalisten Ira Gitler war da kaum mehr ein Tenor-Kollege - weder Alt-Bopper Dexter Gordon noch Newcomer John Coltrane -, der den damals 25-jährigen Rollins nicht als einen prägenden Einfluss empfunden hätte.

Was macht die Faszination von Sonny Rollins' Saxofonspiel aus? Da ist zunächst natürlich der Sound - laut, schwer, sonor, körperlich, überwältigend. Es ist der Sound seines Inspirators Coleman Hawkins, der Sound, der Rollins mit 15 Jahren fürs Tenorsaxofon begeisterte. Aber nicht das Klangvolumen allein ist entscheidend, sondern die Artikulation jedes einzelnen Tons, den Rollins spielt: wie er ihn anbläst, aushält, abbricht oder verklingen lässt, wie er ihn haucht, presst, verdreht oder schreit. Rollins' höchst variable Tonbildung ist die eines Sprechenden, eines lakonischen Kabarettisten, eines, der trockene Witze erzählt. Davon untrennbar: seine Phrasierung, diese unorthodoxen, jähen Motivkürzel, die sardonische Knappheit, das vitale, perkussive Detail, die scheinbare Missachtung des Beats, das Spiel mit der Lücke. Rollins' Phrasen sind unberechenbar und anarchisch und besitzen oft eine ironische Pointe. Wo John Coltrane einen epischen Schwall von Tönen zwischen zwei Taktstriche stopft, bläst Rollins burleske Anekdoten.

Das Spontane und Ungebundene in Rollins' Spiel geht mit einer besonderen Improvisations-Strategie einher, die oft diskutiert wurde. In einem Aufsatz von 1958 hat Gunther Schuller an einem Solo über das Stück "Blue Seven" zu zeigen versucht, dass Rollins seine Improvisationen themenbezogen entwickle - nicht primär an der Akkordfortschreitung orientiert, sondern an der Melodie und Fragmenten davon. Freilich ist das nur die halbe Wahrheit: Rollins beschränkt sich keineswegs auf die Melodie des Songs, den er gerade spielt, sondern springt auch unvermittelt zu irgendeinem anderen (spontanen oder zitierten) Motiv über. Mit diesem jedoch (oder nur einem markanten Intervall) verfährt er dann ebenso: Er wendet das Motiv hin und her, variiert und verfremdet es vielfältig und lässt es plötzlich wieder fallen. Dieses mutwillige rhythmisch-melodische Treiben geschieht wohlgemerkt innerhalb des harmonisch-formalen Schemas eines herkömmlichen Jazz-Stücks und in ständiger Spannung dazu - was Rollins' besondere Vorliebe für klavierlose Besetzungen erklärt. Improvisation als Kunst des Umgangs mit der Gleichzeitigkeit verschiedener Abläufe.

Das Phänomen Sonny Rollins besitzt also verschiedene Komponenten: den kräftigen Sound, die facettenreiche Artikulation, die lakonische Phrasierung, das anarchische Jonglieren mit Motiven. Alles zusammengenommen, ergibt sich der Eindruck eines souveränen, schwer durchschaubaren und komplizierten Humors. Auch dass Rollins zuweilen ganz abwegiges Material heranzieht - schnulzige Cowboysongs oder klassische Zitate oder schlichte Calypso-Melodien -, um sie auf seine unnachahmliche Art zu zerpflücken und zu kommentieren, scheint eine ironische Grundhaltung zu bestätigen. Der Saxofonist, der seine Zeitgenossen gelegentlich mit glattrasiertem Schädel, Irokesen-Haarschnitt oder Wild-West-Kluft überraschte, galt schon in der Schule als großer Spaßmacher, und bis heute ist der Humor ein Antrieb seines Musizierens geblieben. Schon 1958 verriet Rollins: "Monk machte mir bewusst, wie wichtig es ist, einen Sinn für Humor in dem zu haben, was man spielt." Vermutlich hat Monks Beispiel auch zu Rollins' motivisch orientierter Improvisations-Lust beigetragen.

Obwohl der Tenorsaxofonist als treibende Kraft des Hardbop galt, bildete seine unberechenbare, ungezähmte, lakonische Spielweise einen deutlichen Kontrast zu den oft klischeehaften Soul- und Funk-Rezepten der 50er Jahre. Der ironische, lockere Umgang mit vorgegebenem Material eröffnete Rollins andererseits einen echten, wenn auch eigenwilligen Zugang zum freien Jazz des folgenden Jahrzehnts. Doch schon damals wurde deutlich: Einer wie er ist schwer einzubinden, sein starkes musikalisches Konzept macht ihn in beinahe jedem Zusammenhang zur dominierenden Stimme. Seit Beginn der 70er Jahre steht Sonny Rollins vollends als unnahbarer Gigant in der Jazz-Landschaft. Auf den Platten der letzten 30 Jahre hat er Fusion- und Pop-Sounds reflektiert, mit Sopransax und Lyricon geflirtet, Kalypso-Diatonik strapaziert (seine Mutter stammte aus der Karibik) und sich in modalen Improvisationen ausgetobt. Doch wie auch immer das musikalische Umfeld ausgestattet war: Es wirkte relativ beliebig und belanglos. Nur einer macht diese Platten hörenswert: Sonny Rollins, der Saxofon-Koloss. Sein gewaltiger Sound, seine lakonischen Phrasen. Ein einsamer Monolith in der Wüste.

© 2000, 2003 Hans-Jürgen Schaal


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