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Auf Festivals sorgt Willem Breukers Truppe regelmäßig für gut gelauntes Publikum. Theatralische Einlagen, instrumentale Zirkusnummern und unberechenbare Partituren machen das "Kollektief" seit 25 Jahren zu Hollands fröhlichstem und frechstem Musik-Export. Weniger deutlich sieht man, was das Ganze am Laufen hält: Disziplin, Arbeitswut und ein Anflug von Genialität.

Willem Breuker
Workaholic und Spaßmacher
(2000)

Von Hans-Jürgen Schaal

Willem Breuker gibt sich gerne volkstümlich. "Ich möchte die Leute so einfach wie möglich ansprechen: Das sind wir, wir sind nicht kompliziert, wir spielen einfach das, was wir im Kopf haben. Wenn man die Musik zu kompliziert macht, geht sie an den Leuten vorbei. Ich möchte immer wieder für ein ganz großes und unspezifisches Publikum spielen. Man muss kein Jazzkenner sein oder eine klassische Ausbildung haben, um unsere Musik zu verstehen."

Eine gute Schalks-Portion spricht aus diesen Worten - wie aus Breukers Musik selbst. Denn ganz so schlichten Gemüts ist sie wahrlich nicht, diese Mischung aus Marschrhythmen und freien Improvisationen, aus Chorälen und Chansons, ironisierter Sentimentalität, nostalgischem Swing, spätromantischem Klischee, strapazierter Zirkusnummer, parodiertem Pathos, Tango und Polka. All das und mehr dreht Breuker ja seit vielen Jahren durch den musikalischen Fleischwolf, verwurstet und verwertet die Reste in bis zu 30-minütigen Suiten, spielt mit plötzlichen Brüchen und falschen Modulationen und halbem Plagiat, verbreitet Spaß auf mehreren kognitiven Ebenen und eckt natürlich auch immer wieder an. Die heiligen Säulen des kulturellen Überbaus sind nach 25 Aktivisten-Jahren des Willem Breuker Kollektiefs abbruchreif - nicht nur in Amsterdam. Man könnte über Breukers Musik also auch ganz anders sprechen als ihr Urheber. Etwa so:

Das ist Musik, die den abgenutzten, verschabten Hausrat der Bürgerstube auf den Kinderspielplatz schleift. Musik, aus Dreiklängen und falschen Tönen zusammengestoppelt, mit den guten Taktteilen alter Music-Hall-Songs festgehämmert (die gar nicht gekannt, sondern als Erbgut erinnert werden), mit dem Leim aufgeweichter Opernpotpourris geleimt. Diese Musik aus Trümmern der vergangenen Musik ist gänzlich gegenwärtig. Ihr Surrealismus ist von aller neuen Sachlichkeit und Klassizität radikal verschieden. Ihre Montage des Toten macht dieses als tot und scheinhaft evident und zieht aus dem Schrecken, der davon ausgeht, die Kraft zum Manifest. Dieser Kraft entspringt ihr improvisatorischer, wandernder, obdachloser Elan.

So etwa. Nur: Das schrieb - fast wörtlich - Theodor W. Adorno vor genau 70 Jahren über Kurt Weill. Auch der Komponist der Dreigroschenoper war ein volkstümlicher Bürgerschreck, der die Parodie des Operettenpathos mit der Kraft von Bänkelliedern und Jazz-Songs verband. Die Weillsche Gestik ist bei Willem Breuker unüberhörbar. Wie Weill schreibt er für Sprech- und Tanztheater, für Mini-Opern, Musicals und Filme und hat auch mehrfach Brecht-Inszenierungen mit Noten versorgt ("Trommeln in der Nacht", "Baal", "Arturo Ui"). Weill-Raritäten wie die "Öl-Musik" (vom Weill-Forscher David Drew 1975 ediert) und "Marie Galante" wurden vom Kollektiv dokumentiert, auch späte Nummern aus Weills amerikanischer Karriere. "Fühlst du dich Weill oder Eisler näher?" frage ich Breuker am Telefon. "Ooh...!" Er lacht und muss einen Augenblick nachdenken. "Von der Musik her: Kurt Weill. Vom Denken: Hanns Eisler."

Breuker kommt aus der freien Musik der 60er Jahre: "Das war eine Experimentierphase, in der man alles ausprobierte." Die freie Improvisation hat in seiner Musik bis heute ihr Asylrecht - eine oft provokante, zirzensische, auch destruktive Komponente. In den Partituren erinnert Breukers "Jazz" jedoch mehr an Weill: Gerne bedient er sich beim Tonfall des frühen Jazz, adaptiert amerikanische Schlager der 20er Jahre, jongliert mit der Nostalgie von Chanson und Kabarettsong. "Wir spielen eine europäische Variante von Jazzmusik. Das amerikanische Publikum zum Beispiel fragt nie, ob das Jazz oder kein Jazz ist, es ist ihnen egal. Da geht es nur um Musik, ums Improvisieren, um eine Mentalität und eine Art von Stimmung. Aber ich finde es schon in Ordnung, wenn man mich einen Jazzmusiker nennt. Dann werden wir wenigstens weiterhin auf Jazz-Festivals eingeladen."

Seit einem Vierteljahrhundert ist das Kollektief unterwegs, und das Unterwegssein darf man wörtlich nehmen: Rund 100 Konzerte spielt die Truppe jährlich, oft sitzt man tagelang im Bandbus, im Oktober gab man 18 US-Konzerte in 20 Tagen. Fünf der Gründungsmitglieder von 1974 sind heute noch dabei: Boy Raaymakers (Trompete), Bernard Hunnekink (Posaune), Arjen Gorter (Bass), Rob Verdurmen (Schlagzeug) und natürlich Willem Breuker (Saxophone & Klarinetten).

Wie alles anfing? "Von 1967 bis 1973 arbeitete ich mit Han Bennink und Misha Mengelberg im Instant Composer Pool. Aber mir passierte da zu wenig. Die ICP-Leute wollten keine Politik in der Musik haben und keine Theater-Produktionen machen. Fürs Theater muss man eben einen Monat lang proben und 30 bis 40 Vorstellungen geben, damit es sich lohnt. Dazu hatten die keine Lust, die wollten nur frei spielen - was ja auch etwas Fantastisches ist. Aber ich hatte nun einmal bestimmte Ideen, ich schrieb die ganze Zeit Noten, und die konnte ich nicht mit drei oder vier Leuten spielen. Ich finde es immer schön, mit mehr Leuten Musik zu machen, so dass es nach etwas klingt und etwas über die Bühne kommt."

Weil die Veranstalter nach ihm fragten, beschloss er, eine Band unter seinem eigenen Namen zu gründen, "ein ganz demokratisches, eigentlich sozialistisches Orchester": das Willem Breuker Kollektief. "Wichtig ist, dass wir immer alle dasselbe verdienen. Wir sind keine Konkurrenten. Es gibt keine Hierarchie. Aber natürlich ist es ein Widerspruch in sich: ein Kollektiv, das nach einem der Mitglieder heißt." Binnen kurzem wurde aus Europas ernsthaftestem Spaß-Orchester eine mobile Musik-Aktionstruppe, universell einsetzbar bei Demonstrationen, auf Straßenfesten, in Jazzclubs, auf Festival-Bühnen, in Bürgersälen, Kindertheatern, Philharmonien...

Die Veränderungen in der politischen Landschaft gingen allerdings auch am Kollektief nicht vorbei. "Es gibt keine großen Demonstrationen mehr wie damals", resümiert Breuker, "und wenn man heute mit einem Orchester einfach auf die Straße geht, gilt man als verrückt." Darum ist neben dem fröhlichen Happening die konzentrierte Ensemblekunst immer wichtiger geworden. Breukers Output als Notenschreiber erreicht längst Dimensionen, die an monomanische Workaholics wie Zappa und Zorn denken lassen. Sammelt Breuker (wie Zorn) minutiös jeden Einfall, um ihn bei Gelegenheit in die Partitur zu komponieren? "Nein-nein, nur sitzen, denken und schreiben! Ich habe nicht eine Reihe von Ideen, die ich dann aneinander klebe. Die Brüche in meiner Musik kommen von selbst. Da entsteht eine bestimmte Form, und die funktioniert dann oder nicht. Beim Proben ist der Papierkorb sehr wichtig. Wenn etwas nicht klappt, darf man nicht darüber nachdenken und daran herumdoktern. Man muss es gleich wegschmeißen." So kann nur einer reden, der Noten lastwagenweise produziert.

Doch selbst diese Mengen sind Breuker nicht genug. Im Lauf der Jahre hat er zusätzlich eine ansehnliche Zahl origineller Arrangements von Konzertmusik eingespielt, ganz seriös und allenfalls ein bisschen überzeichnend - darunter Werke von Haydn, Rossini, Mussorgsky, Grieg, Prokofieff, Satie, Hugo Wolf, Rachmaninoff, Gershwin, Grofé, Antheil und Morricone. Nicht zu vergessen: Kurt Weill. Auf der CD "Heibel" spielt das Kollektief die köstlichste aller "Bolero"-Parodien, für "Sensemayá" arrangierte ein Bandmitglied sogar Mahlers "Urlicht" - zwei Jahre vor Uri Caine. Je tiefer man gräbt, desto vielgesichtiger und verwirrender wird die musikalische Welt des angeblich so volkstümlichen Spaßvogels Breuker. Natürlich ist er außerdem ein hervorragender Saxofonist und Klarinettist. Natürlich schreibt er nebenbei Streichquartette, Banda-Musik, sogar geistliche Werke...

Und dann - man übersieht es wirklich leicht - leitet Willem Breuker ja auch noch eine Plattenfirma, BV Haast. (Auf Deutsch etwa: Tempo GmbH.) "Ich habe 1966 meine erste eigene Platte gemacht. Es hat ein Jahr gedauert, bis sie endlich erschien, dann wurde keine Promotion gemacht, ich war so enttäuscht. Es war ja meine erste Platte! Also besann ich mich auf das, was mich meine Eltern lehrten: Mach alles selber! Warte nicht, bis das Telefon klingelt, ruf selber an! Das bedeutet 'Haast' für mich: Nicht zu lange über etwas reden! Wenn man eine Idee hat, muss man sie sofort realisieren. Wir machen heute 15 Platten im Jahr. Und wir machen nur, was mir gefällt." Das aber - man ahnt es - umfasst eine ziemliche Bandbreite: von Saxophon-Ensembles, Klezmer-Bands und Filmmusik bis hin zu klassischen Einspielungen von Beethoven, Debussy, Strawinsky, Poulenc, Xenakis. Allen Musikern zu antworten, die Breuker Demo-Tapes schicken, wäre allein schon ein Fulltime-Job: "Es gibt so viele Dinge, die an der Musik dran hängen und einen doch von der Musik abhalten - von dem, worum es eigentlich geht." Man muss es Willem Breuker glauben, wenn er sagt: "Ich mache nie Urlaub."

© 2000, 2002 Hans-Jürgen Schaal


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