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Die Download-Anarchisten bejubeln hämisch den Niedergang der großen Plattenfirmen. Bringt das Ende der „Majors“ automatisch einen Zugewinn an kultureller Musik-Vielfalt? Skepsis ist angebracht, meint unser Autor.

Nur eine Vision?
Musikindustrie in der Krise
(2004)

Von Hans-Jürgen Schaal

Grosskonzerne und Downloaders haben dieselbe Philosophie

Die Diagnose des „Niedergangs“ oder gar „Abgangs“ der Plattenkonzerne kommt verfrüht. Vor 20 Jahren hat die Musikbranche eine ähnlich schwere Krise erlebt, aus der die Majors schließlich gestärkt und mit geballter Label-Macht hervorgingen. In den ersten Jahren der Compact Disc – 1985 bis 1995 – formierten sich jene fünf Konzerne, die bis heute rund 90 Prozent der Charts kontrollieren. Damals gingen Labels wie Island, Geffen, MCA oder Motown an Polygram, RCA wurde Teil von BMG, Virgin und Chrysalis wurden von EMI geschluckt. Was wir heute erleben, ist eine noch weiter gehende Konzentration und Ballung – ein Prozess, an dessen Ende vielleicht nur noch drei oder zwei Riesenkonzerne stehen werden, die dann aber souverän die Internet-Download-Charts kontrollieren könnten. Das wäre kein entscheidender Umbruch.

Die Konzentration an Charts-Macht in den Neunzigern hat die Funktionsweise der großen Konzerne grundsätzlich verändert. Um es überspitzt zu sagen: Die Majors sind längst keine Musikfirmen mehr, sondern reine Management-Apparate für Marketing, Promotion und Sales. Sie arbeiten mit einer Verwaltungs- und Funktionsstruktur, die einem internationalen Automobil- oder Pharmakonzern angemessen wäre, aber angesichts der Umsatzzahlen und Gewinnmargen der Musikbranche pure Hybris sind. Schon 1997 – bevor das Internet zuschlug – machten sämtliche Plattenfirmen weltweit, groß und klein, zusammen gerade mal halb so viel Umsatz wie der Pharma-Familienkonzern Merck. An Gewinnen blieb etwa ein Zehntel von dem, was Marlboro-Philip Morris an Gewinnen einstrich. Unmengen an Geld (einschließlich überhöhter Produktionskosten und Manager-Gehälter) verwenden die Plattenkonzerne darauf, ein triviales Stück Musik in die Charts zu drücken, um dadurch ein kleines bisschen mehr Geld zurückzubekommen. Und sobald die Umsätze abstürzen, ist die Krise eben da.

Was die Major-Firmen in den letzten 20 Jahren vergessen haben, ist das, was sie einst groß machte und was sie einmal „A&R“ (Artist & Repertoire) tauften. Gemeint ist damit: Pflege des Katalogs, das geduldige Aufbauen eines Künstlers, die kontinuierliche Arbeit mit ihm, die gemeinsame Vision, das Gespür für Trends, die Liebe zur Musik. Das alles wurde Zug um Zug den Independents, den kleinen Plattenfirmen, überlassen. Die Majors sind dagegen vollauf damit beschäftigt, Produkte zu vermarkten, die den Geschmack möglichst vieler Menschen treffen. Dasselbe tut McDonald’s. Das typische Charts-Produkt ist Ohren-Fast-Food für ein Millionenpublikum, das nicht weiß, wie gutes Essen schmeckt. Hier geht es um Massengüter, nicht um die Liebe zur Kunst. Die Musik selbst besitzt in diesem System keinen Eigenwert mehr, ist nur noch abstrakte Stückzahl oder Image-Transportmittel für Werbung, Film und Lifestyle.

Aufgrund ihres Apparats, ihrer Management-Struktur, ihrer strikten Finanzkontrollen und kurzfristigen Erfolgsvorgaben können die großen Firmen gar nicht mehr anders arbeiten. Ein langfristiges und diversifiziertes Engagement in sich langsam entwickelnden Nischenmärkten verbietet sich. Denn Nischen lassen sich nicht gleichschalten, nicht auf Mainstream frisieren: Das nähme ihnen den Lebensnerv, wie man an der Kommerzialisierung des HipHop sieht. Den heute populären ethnischen Einströmungen aus Marokko oder Mali, Indien oder Argentinien kann man zwar den Deckelbegriff „Weltmusik“ überstülpen, aber man kann sie dadurch nicht zum Massenprodukt zurichten: Die Quintessenz dieser Szene ist die Vielfalt. Auch die Feinheiten der elektronischen DJ- und Remix-Szene mit ihren fast monatlich wechselnden Trends sind für die Majors nicht in den Griff zu bekommen. Allenfalls können sie mit DJ-Kollektiven auf Auftragsbasis zusammenarbeiten.

Und noch ein Beispiel. Ende der achtziger Jahre begannen die großen Firmen im Aufwind des CD-Geschäfts und der Yuppie-Kultur den Jazz zu entdecken. Aber anstatt mit bescheidenem Budget 50 Jazzkünstler in ihrer redlichen Arbeit zu unterstützen, baute jede Major-Firma jedes Jahr mit großem Getöse wieder eine Hand voll neuer Jazz-Superstars auf. Wie viele solcher Medien-Hypes verträgt eine Nische, die gerade mal rund 1 Prozent des CD-Umsatzes ausmacht? Weil die Großfirmen den Mainstream-Jazz als eine Art „Manager-Pop“ zu Tode vermarktet haben, hat das Jazzpublikum in Europa mittlerweile fast jegliches Interesse am Supperclub-Jazz aus New York verloren. Die Major-Firmen ziehen sich heute im Eiltempo aus dem Jazz-Segment zurück, während das Angebot hoch spezialisierter Jazz-Independents – gerade in den USA – nahezu explodiert.

Die großen Plattenkonzerne produzieren nicht für den Musikliebhaber, sondern für den Alltagskonsumenten. Das private CD-Kopieren und illegale Downloaden in großem Stil zieht nur die logische Konsequenz aus dem, was die Majors uns gelehrt haben: Musik ist billige Wegwerfware. Natürlich wollen die Kids sie dann auch so günstig haben wie möglich: Der billigste Supermarkt ist der beste. Natürlich beschweren sie sich, dass CDs zu teuer seien. (In Nischenmärkten hört man solche Beschwerden nicht.) Natürlich halten sie die Urheberrechts-Klagen der Industrie für Bigotterie: Beweisen etwa die großen Firmen besonderen Respekt für die Würde und Rechte der Künstler? Ironie des Schicksals: Die Großkonzerne – allen voran Sony und Polygram-Philips – haben mit der Einführung der CD die Digitalisierung des Klangs eingeleitet; nun schwirren die Musikdaten trägerlos durch den Cyberspace und drehen den Vertriebs- und Marketing-Strukturen der Majors eine lange Nase. Die Downloader sind die besten Schüler der Konzerne – und vielleicht ihre Totengräber.

Angesichts der Krise der „ausbeuterischen“ Großfirmen erwachen allenthalben antikapitalistische Hoffnungen. Stellt euch vor, die Menschen wären nicht mehr im Griff der totalen Charts-Diktatur und könnten endlich die weite Welt wahrer Musik entdecken! Aber so weit ist es noch lange nicht: Bis jetzt wollen die Downloader nichts anderes, als was die Industrie ihnen verspricht – nur eben möglichst umsonst. Für die Nischenmärkte – nicht nur Klassik, Jazz, Weltmusik, auch deutscher Schlager, volkstümliche Musik, Indie-Punk, Hardcore-Metal, was immer – kommt die große Chance erst, wenn sie die Krise überlebt haben. Es ist keine Krise der musikalischen Randbereiche, sondern die Krise des großen Marktes. Die Konzentration der Musikmacht hat sich ja in den neunziger Jahren in die Handelsstrukturen hinein fortgesetzt. Filialen der Handelsketten wucherten geschwürartig in unseren Fußgängerzonen und drehten den kleinen Fachgeschäften die Luft ab. Nun, da der Pop-Umsatz einbricht, stehen die CD-Ketten am Abgrund. Immer mehr Filialen werden geschlossen oder verkleinert, das CD-Angebot durch Film-DVDs und Computerspiele ersetzt. Doch damit verlieren auch die kleinen, unabhängigen Plattenfirmen ihre Vertriebswege. Sie brechen ihnen einfach weg.

Für das Überleben der kleinen Plattenfirmen müsste man das Rad der Geschichte zurückdrehen in die fünfziger Jahre, als es in der Bundesrepublik noch Tausende spezialisierter Plattenhändler gab. Vorerst wird das Internet die einzige Alternative sein, um Musik zum Hörer zu bringen – ein Medium, das gerade den kleinen Firmen zwei entscheidende Vorteile bietet. Erstens: Es erlaubt Promotion und Vertrieb auf grenzüberschreitender, globaler Ebene. Zweitens: Es verkürzt den Weg vom Produzenten zum Kunden und wird auf Dauer die CD-Preise senken. Zu optimistisch sollte man aber nicht sein, was die Zukunft der Nischenmusik angeht. Die Majors haben das Internet zwar verschlafen, aber sie holen mächtig auf und die Kids sind ihnen noch immer hörig. Die Vision einer ganz neuen Musikwelt, einer Welt ohne Konzerne, einer Welt kreativer Netzwerke, kooperativer Musiker-Labels, einer multikulturellen musikalischen Basis-Kultur, bleibt vielleicht nur eine Vision.

© 2004, 2007 Hans-Jürgen Schaal


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