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Von intellektueller Redlichkeit
Erinnerungen an Peter Niklas Wilson (1957-2003)
(2003)

Von Hans-Jürgen Schaal

Als ich seine Bücher über Ornette Coleman und Sonny Rollins las, war mir klar: Besser kann man es nicht machen. Da gab es also einen Autor in Deutschland, der Jazz ernst nahm, wissenschaftlich ernst, der sich nicht mit Selbstaussagen der Musiker und tollen Sprüchen der Liner Notes zufrieden gab, sondern das zu benennen versuchte, was uns Hörer faszinierte, ohne dabei das Komplexe zu vereinfachen. Peter Niklas Wilson löste ein, was Journalisten und Forscher aus dem Heimatland des Jazz so oft vermissen lassen: Er strengte das Wort an, bis es dem Besonderen gerecht wurde. Wer einen Anstoß brauchte, um eigene Gedanken über die Musik zu entwickeln, fand ihn bei ihm. Sein Aufsatz über das „Monkische“ löste bei mir Lawinen aus.

Und doch fand ich kürzlich den Hinweis, ich selbst hätte im gleichen Jahr wie Wilson (1987) schon auf gewisse Aspekte bei Monk hingewiesen. Vielleicht gab es da eine Verwandtschaft des Denkens, die auch Peter spürte. Vielleicht sah er in mir einen Verbündeten. Als er in der Redaktion der Neuen Zeitschrift für Musik saß, war er es, der mich kontaktierte und mir regelmäßig Rezensionsaufträge zukommen ließ. Es war keine einfache Musik, die ich zu besprechen hatte: Was Peter interessierte, war das Extreme, das Unbedingte, meinetwegen: Avantgarde. Von damals rührte das Gefühl, dass man es sich als Schreiber nicht zu leicht machen darf. Jedenfalls nicht, wenn man Peter genügen wollte: seiner Exaktheit des Worts, seiner Strenge des Gedankens. Als er – zusammen mit seinen Kollegen – in einem Protestakt das Redaktionsamt niederlegte, wusste ich: Er gehört zu den Unbestechlichen, den Kompromisslosen.

Als Lektor meines ersten Buches drängte er sich nie auf. Er schrieb mir nur ein, zwei kleine Briefe mit exakten, knappen Sätzen, die undramatisch, aber mit Nachdruck das scheinbar Selbstverständliche erschütterten. 1993 erlebte ich ihn endlich persönlich und staunte, wie sehr seine leise, unaufgeregte, konzentrierte Art der seiner Texte entsprach. Von da an bat ich ihn immer um ein kleines Treffen, wenn ich ihn in derselben Stadt wusste. Wir plauderten am Rand der Frankfurter Buchmesse, in einem Café der Hamburger Rothenbaumchaussee, in einem indischen Restaurant in der Bleecker Street in New York. Jedes Mal nahm ich mir ein Stück seiner Unbedingtheit, seiner intellektuellen Redlichkeit mit auf meinen Weg. Er wurde mir (der ich das Akademische geflohen war) zum wissenschaftlichen Gewissen. Beim Schreiben saß er manchmal in meinem Hinterkopf und passte auf, dass ich mir keine Flapsigkeiten erlaubte.

Desto schlimmer traf mich, als ich 1998 bei ihm in Ungnade fiel. Ich hatte eine schlampige Bemerkung veröffentlicht, ausgerechnet über sein angestammtes Gebiet, die Konzepte freier Improvisation. Peter schlug mit aller Polemik zu, deren er fähig war, und dies in einem offenen Brief. Wer ihn las, hatte den Eindruck, wir wären Todfeinde seit Jahren. Das schmerzte am meisten. Ich fragte mich, was ihn derart verärgert haben konnte: Wandelte ich schon zu lange auf unredlichen Wegen, geblendet von den Marktstrategien der Industrie? Heute bin ich mir sicher, dass es ihm nur um die Sache ging. Nicht umsonst schrieb er in jener Replik manches gute Wort über mich, weil er es gar nicht persönlich meinte, überhörte aber ganz, dass er dadurch umso persönlicher verletzte. Wir wechselten noch zwei bittere Briefe (nicht in der Öffentlichkeit), dann ließen wir es sein. Dennoch hörte ich nie auf, ihn als einen Freund und Mitstreiter zu sehen. Und er bemerkte sehr wohl, dass ich sein großartiges Buch „Hear and Now“ ohne Misston lobte. Eines Tages kam überraschend sein Versöhnungsbrief.

Zum letzten Mal traf ich Peter in München: im letzten Winter, in seinem Krankenhauszimmer. Es war eine bizarre Begegnung. Er, schon immer schlaksig, blass, leise, war nun kahl und hager, gezeichnet von der Chemotherapie. Ich, der Besucher, musste mich zu seinem Schutz hinter Maske und Kittel verstecken. So verwandelt saßen wir uns gegenüber, viele Meter getrennt. Dennoch spürte ich: Peter war voller Zuversicht und Zukunft. Auch als die Therapie nicht wie erhofft anschlug, steckte er nicht zurück, fuhr zuletzt noch nach Darmstadt und Donaueschingen. Einer der Unbestechlichen, der Kompromisslosen.

© 2003, 2008 Hans-Jürgen Schaal


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