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Mit Drive, Swing und Kraft geleitete er seine Bands durch die Arrangements. Art Blakey war Energiegeber, Lehrer und Vaterfigur, betrieb unter dem Namen „Jazz Messengers“ eine Praxisschule für angehende Bandleader und hielt das Herz des Jazz am Schlagen.

LEGENDEN (5)

Das Schlagzeug führt Regie
Art Blakey (1919-1990)
(2006)

Von Hans-Jürgen Schaal

Zum Schlagzeug fand er eher durch Zufall. Art Blakey wuchs als Waise auf, war mit 11 Jahren schon zur Arbeit in den Stahlwerken und Kohlegruben von Pittsburgh gezwungen und sah in der Musik schlicht eine Möglichkeit, dieser Stadt lebend zu entkommen. In der Schule wollte er Trompete lernen, aber man sagte ihm, seine Lippen seien zu groß dafür. Daraufhin versuchte er sich am Klavier, bei dem er aber über zwei Tonarten nie hinauskam. Dennoch leitete er als Pianist – dank seines Organisations- und Durchsetzungsvermögens – eine eigene Band in einem Gangsterclub. Eines Tages tauchte dort aber ein wirklicher Klavierspieler auf – es war der junge Erroll Garner – und Blakeys humorlose Arbeitgeber zwangen den Bandleader, den Klavierstuhl zu räumen. Also setzte sich Blakey ans Schlagzeug.

Ein wirklicher Drummer wurde er erst in New York: Da lernte er von Chick Webb und Big Sid Catlett, trommelte bei Mary Lou Williams und Fletcher Henderson. Und 1944 rief Billy Eckstine: Der Sänger, der in seiner Big Band die Pioniere des modernen Jazz versammelte, hatte alle seine Schlagzeuger an die US Army abtreten müssen. Also durfte Blakey ran. Seine Aufnahme in die Band zelebrierte Eckstine allerdings auf besondere Weise: Er ließ Blakeys schrottreifes Drumset vor dessen entsetzten Augen verbrennen. Erst dann präsentierte er ihm das fabrikneue Schlagzeug, das er ihm zum Einstand gekauft hatte.

Es war Dizzy Gillespie, der Arrangeur, Solo-Trompeter und Aushilfs-Drummer der Eckstine-Band, der Blakey die Grundlagen des Bebop beibrachte; manche sagen, er hätte den Schlagzeugstil des Neulings vollkommen auf den Kopf gestellt. Ein filigraner Bebopper wie Kenny Clarke oder Max Roach wurde Blakey trotzdem nicht, sondern hielt sich lieber an die treibende Wucht und Lautstärke der Big-Band-Drummer. Blakey peitschte das Becken, schlug donnernde Akzente auf Bassdrum und Snare. Der Trompeter Kenny Dorham, der in der Eckstine-Band direkt neben dem Schlagzeug saß, behauptete, ihm sei am ersten Abend mit Blakey buchstäblich das Trommelfell geplatzt.

1949 leitete er seine eigene Bebop-Band namens „17 Messengers“, die in Turbanen und Burnussen auftrat. Da hatte er gerade den islamischen Namen Abdullah Ibn Buhaina angenommen, der später von seinen Musikern liebevoll zu „Father Bu“ verkürzt wurde. Blakey spielte in dieser Zeit auch viel mit Miles und Monk und wurde der Hausdrummer im New Yorker Club „Birdland“. Dort entstand im Februar 1954 der Live-Mitschnitt des Art-Blakey-Quintetts mit Clifford Brown, Lou Donaldson, Horace Silver und Curley Russell – die Geburtsstunde des Hardbop. Nach diesem Startschuss gründeten Blakey, der explosive Energiedrummer, und Silver, der Pianist mit dem „funky touch“, ihr gemeinsames Quintett: die Jazz Messengers. Doch neben dem Kraftzentrum Blakey war auf Dauer kein Platz für einen Ko-Leader – schon gar nicht, wenn der ihm in sein Spiel dreinredete.

Fast 40 Jahre lang, bis zu seinem Tod, führte Blakey seine Jazz Messengers allein – und er führte sie vom Schlagzeug aus. „Als Drummer hast du nur Dynamik und Farbe“ – aber die nutzte er weidlich und effektiv. Sein Spiel war ein Sound-Erlebnis ganz eigener Art: der dunkle, donnernde Beckenklang, die strikte Hi-Hat auf 2 und 4, die sonore, warme Snare und der berüchtigte Crescendo-Wirbel, der wie das Räupern eines Riesen klingt. Blakeys Press Rolls steigern sich gewöhnlich vom Flüstern bis ins Fortissimo, manchmal plötzlich über zwei Beats, manchmal in einem langen Anlauf über 40 Takte; sie enden mit einem lauten Akzent oder fallen einfach ins Nichts, markieren den Beginn eines Solos oder sind Signal und Ermahnung an einen Musiker. Benny Golson, der sein Saxophon gerne auch sanft spielte, wurde von Blakey einmal mit Press Rolls so lange eingedeckt, bis er doppelt so laut ins Horn blies, um überhaupt noch hörbar zu sein.

Blakey war ein Meister des Spannungsaufbaus und der dynamischen Kontraste. Er konnte einen Solisten 30 Chorusse lang begleiten und dabei von Chorus zu Chorus lauter werden. Im ersten Chorus mochte er noch aussetzen, im zweiten nur die Tom-Toms spielen, im dritten eine Triolenfigur der Hi-Hat dazutun, im vierten die Becken: Die Verdichtung durch Gegenrhythmen, voneinander unabhängige Hand- und Fußarbeit und eine fast solistisch agierende Basstrommel ließ sich immer weiter steigern. In seinen Soli warf er gewöhnlich die Chorusform über Bord und strebte direkt auf einen Höhepunkt zu: Dann kam die Band wieder. Blakey war der Regisseur, der am Schlagzeug die Arrangements zusammenhielt, die Formteile markierte, Stil und Charakter der Stücke bestimmte. Durch seine ungewöhnliche Tempowahl, die Vorliebe für Shuffle-Rhythmen und Double Time drückte er jedem Stück seinen Stempel auf. Dass jemand ihm ein Stück „auf den Leib“ schreiben wollte, konnte er daher nicht akzeptieren.

Zuweilen hat man Blakeys Spiel „afrikanisch“ genannt – wohl aufgrund seiner Afrikareisen und diverser Trommelprojekte wie „The Drum Suite“, „Orgy In Rhythm“, „Holiday For Skins“, „Drum Night At Birdland“ oder „The African Beat“. Das Afrikanischste an Blakey war aber wohl seine Rolle als Clan-Oberhaupt: Er hatte mit 15 schon zwei Kinder gezeugt, war insgesamt fünfmal verheiratet, hatte mindestens 10 eheliche und 7 Adoptivkinder. Er liebte es, eine Sippe um sich zu scharen, und seine Messengers gehörten zum erweiterten Familienkreis. Wenn er Musiker engagierte, waren sie in der Regel Anfang 20: „Ich muss mich an die Jungen halten. Wenn diese hier zu alt werden, nehme ich wieder Jüngere. Das hält den Geist wach.“ Mit Begeisterung formte er drei Generationen junger Musiker, entwickelte ihre solistischen Stärken, kanalisierte ihre kompositorischen Talente und entließ sie als Persönlichkeiten, die dann ihre eigenen Bands gründeten. Seine oberste Aufgabe nannte er: „Teach the kids how to play.“

„Als Bandleader hat Art mehr Musiker beeinflusst als jeder andere“, sagt Benny Golson. „Er verfügt über die seltene Fähigkeit, vom Schlagzeug aus anderen etwas beizubringen.“ Blakeys Spiel zauberte seinen Solisten nicht nur Kraft und Energie in die Knochen, es ermahnte sie auch zu Disziplin und Konzentration. Schon Miles Davis erkannte: „Mit Art am Schlagzeug kann man nicht irgendwelchen Mist spielen, man muss sich zusammennehmen.“ Auch der Pianist Mulgrew Miller musste erfahren, wer Chef im Hause ist: „Ich dachte, ich könnte die Rhythmusgruppe führen. Aber ich fand schnell heraus, dass du einen Art Blakey nicht führen kannst.“

Relativ unberührt von aktuellen Stilentwicklungen blieb Blakeys Hardbop-Schule über die Jahrzehnte der Ort, wo man die Basics lernte: zupackenden, erdigen Modern Jazz. Ob Terence Blanchard, Kenny Garrett, Benny Golson, Benny Green, Johnny Griffin, Freddie Hubbard, Keith Jarrett, Wynton Marsalis, Jackie McLean, Lee Morgan, Wallace Roney, Wayne Shorter oder Bobby Watson – sie alle durchliefen die Jazz-Messengers-Schule und verbreiteten die Message weiter. So durchdrungen war Art Blakey von seiner Aufgabe, die Grundlagen und Tugenden des Jazz zu vermitteln, dass er oft auch mit Worten die begeisterte Botschaft des Jazz predigte – wenn sich die Gelegenheit bot. Sein missionarischer Eifer war legendär, Witze kursierten darüber.

Natürlich erlebten die Messengers auch ihre kritischen Tage. 1957 war die Band am Ende, weil nicht nur Blakey, der gesündeste aller Junkies, sondern die gesamte Besetzung an der Heroinnadel hing. Benny Golson übernahm damals als Nothelfer das Kommando, holte frische Musiker, bastelte ein neues Repertoire – mit „Blues March“ und Bobby Timmons’ „Moanin’“ – und führte die Messengers auf neue Höhen. Bald tourten sie erstmals durch Europa und Japan. Um 1970 dann schien Blakeys akustischer Hardbop hoffnungslos veraltet: Jazzrock und Free Jazz bestimmten die Szene. Einige Jahre lang bestanden die Messengers nur aus gelegentlichen Ad-hoc-Formationen.

Umso strahlender kehrten sie zurück, als die Jazzwelt die Tugenden des Mainstream wieder entdeckte: Bobby Watson und Wynton Marsalis waren die Stars der neuen Messengers um 1980. Nun wandelte sich Blakeys Band endgültig zur Akademie der Tradition, zur Kaderschule der Young Lions und zur Gralsrunde der Erleuchteten. All-Star-Besetzungen aus ehemaligen Messengers-Mitgliedern feierten zwischendurch ihre eigene Vergangenheit. Ehrendoktortitel und andere hohe Würden standen bei dem ehemaligen Waisenkind aus Pittsburgh auf der Tagesordnung. Dass Blakey am Ende schwerhörig war und das Hörgerät beim Spielen verschmähte, dämpfte seine Überzeugungskraft keineswegs: Bis zuletzt trommelte er so feurig, so bestimmend und vor allem so laut wie immer.

CD-Tipps
Art Blakey Quintet: A Night At Birdland Vol. 1+2 (1954, Blue Note)
Art Blakey & The Jazz Messengers: Moanin’ (1958, Blue Note)
Art Blakey & The Jazz Messengers: Free For All (1964, Blue Note)

© 2006, 2009 Hans-Jürgen Schaal


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13.06.2017
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10.06.2017
12.06., 22 Uhr, WDR 3 Jazz & World: DJANGO REINHARDT

03.06.2017
05.06., 19.20 Uhr, SWR2 Jazz: Der Jazzstandard "I GET A KICK OUT OF YOU"

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