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Mit der Seele singen
Billie Holiday
(2005)

Von Hans-Jürgen Schaal

Sie war ungewöhnlich schön. Menschen beiderlei Geschlechts, jeglicher Hautfarbe und jeglicher sexuellen Ausrichtung waren sich darüber einig, dass sie nie eine schönere Frau gesehen hätten. Mandelförmige Augen, volle Lippen, ein seidig-beiger Teint, weiches Haar, ein gerades Kinn: Billie Holiday hatte etwas Polynesisches an sich, auch wenn sie keine Blume im Haar trug. Dabei wirkte sie groß und stattlich (sie ging immer auf hohen Absätzen), neigte zur Korpulenz. Gerne beschrieb man ihr Auftreten als majestätisch: Lady Day. Queen Bess. Königin Nofretete. Sie wusste sich graziös zu bewegen, mit Würde zu schreiten, mit Stil verführerisch zu sein. Sie war stolz auf ihre Hautfarbe und zeigte es. Niemand, so meinten Freunde, könne so würdevoll mit dem Kopf nicken oder einfach nur dasitzen – angezogen oder nackt. Jeder musste sich in sie verlieben, auf diese oder jene Weise.

Schöne Frauen haben es leichter. Schöne Frauen haben es schwerer. Eigentlich war Billie Holiday schüchtern und schweigsam wie ein kleines Mädchen und fürchtete sich vor dem Publikum. Dagegen half nur eines: high werden. Sie kannte da viele Mittel: Nikotin, Marihuana, Opium, Pillen, Scotch oder Brandy, schließlich Heroin. Sie vertrug mehr als zehn Männer, hieß es. Das Highwerden musste schnell gehen. Wenn sie die Bühne betrat, musste sich das kleine, schüchterne Mädchen schon verwandelt haben: in die kühle, majestätische Dame. Die harten Drogen wurden direkt in die Clubs geliefert, wo Türsteher und Barkeeper sie für sie aufbewahrten. In späteren Jahren war sie meist schon high, wenn sie den Club betrat, und musste gestützt werden. Am liebsten trank sie Brandy mit Minzlikör.

Wenn sie ihre Schüchternheit ablegte, konnte sie komisch sein, temperamentvoll, ansteckend und derb. Dann saß sie gern mit den Musikern am Tisch und war einer von ihnen. Sie spielte Karten und Würfel, sie soff, rauchte und prügelte sich wie die Kerle. Bücher las sie nicht, nur Comics. Sie kannte keine Hemmungen, die Dinge beim Namen zu nennen oder schmutzige Witze zu erzählen. Als sie mit der Band von Count Basie reiste, nannte man sie „William“. Wurde sie ärgerlich, konnte sie kräftige Männer das Fürchten lehren. Sie ließ sich nichts gefallen. In der Entziehungskur tanzte das gesamte Klinikpersonal nach ihrer Pfeife. Wenn sie mit Frauen anbändelte, spielte sie gern den Macho. Oft riss sie Mädchen auf für ihre Musiker.

Diese starke, impulsive Frau blieb zeitlebens ein Opfer ihrer chaotischen, verwirrten Gefühlswelt. Bei ihrer Geburt waren ihre Eltern noch Teenager: Nie erfuhr sie wirkliche familiäre Geborgenheit. Dafür erlebte sie früh die käufliche Liebe. Der Typ des Zuhälters – des brutalen, kalten Schmarotzers – ließ sie ihr Leben lang nicht los. Billie Holiday sehnte sich nach Zuneigung und schuf sich dabei immer neue Leiden. Sie verletzte Menschen, die sie mochten, und umwarb geduldig diejenigen, denen sie gleichgültig war. Sie konnte mit „netten“ Männern partout nichts anfangen und landete immer wieder bei Schlägern und Betrügern. Sie liebte es, bei ihnen die unartige Göre zu spielen und Prügel zu provozieren. Es schien, als dürfe sich der Wunsch nach wahrer Liebe nie erfüllen. Als müsse sie sich ständig selbst für diesen Wunsch bestrafen. Jimmy Rowles, einer ihrer Pianisten und ein verlässlicher Gewährsmann, meinte sogar: „Sie hatte leider diese Macke, dass sie unbedingt einen Kerl haben musste, der ihr dreimal die Woche das Mark aus den Knochen prügelte, um sie bei Laune zu halten. Wenn ihr alles weh tat, dann war es recht, dann war sie happy; wenn er sie gut geprügelt hatte, konnte sie singen.“

Billie Holiday sang von diesen wilden, ungebändigten Gefühlen in ihrem Innern. Das unterschied sie von allen anderen Sängerinnen, die einfach nur Songs sangen. Ihre Stimme, klein und rau, die erste wirkliche Mikrofonstimme der Geschichte, hatte nie einen größeren Tonumfang als eine Dezime. Am Ende war sie nur noch für eine Art Sprechgesang gut. Ray Ellis, der Arrangeur ihrer letzten Platte, verzweifelte fast darüber. Doch als er Wochen später die fertigen Aufnahmen hörte, kapierte er es endlich: „Es war gleichgültig, ob sie den richtigen Ton sang oder nicht. Sie sang sowieso 25.000 falsche Töne. Aber sie hat ihr Herz ausgeschüttet.“ Billie Holiday sang nicht mit der Stimme, sondern mit der Seele. Schon früh besaß sie ihren eigenen Tonfall, diesen Stich ins Schmerzliche, dieses Traurig-Ironische, dieses bittersüße Vibrato. Viele fanden es anfangs zu künstlerisch, zu subtil für den Jazz. Sie veränderte die Melodien, glättete die Intervalle, färbte jeden Song mit ihren Emotionen, machte ihn sich zu eigen. Sie hörte auch den Musikern zu und diese ihr: Ihre Stimme war wie ein Instrument. Als sie anfing, gab man ihr drittklassiges Material, und sie veredelte es zu Juwelen, indem sie sich darin suchte und fand. Mancher Komponist erkannte seine Melodie kaum wieder.

Diese brechende, nackte Stimme sang immer dasselbe: Liebesschmerz und Liebessehnsucht. Da schien Sehnsucht Schmerz und Schmerz Sehnsucht. I Cried For You. Lover Man. Good Morning Heartache. Don’t Explain. Sie sang es auch als Blues: „Billie’s Blues“ und „Fine And Mellow“. Der eine beginnt: „I love my man“, der andere: „My man don’t love me“. Damit war schon alles gesagt. Aber wie sie sang: Bei dem Wort „night“ wurde es dunkel und bei dem Wort „cold“ fing man an zu frieren. Sie sang wie ein geprügelter Hund. Sie sang den Abgrund. Sie sang die Liebeskrankheit. Sie sang Gänsehaut und Tränen und Schmerz. Sie sang, um nicht zu weinen. Sie verwandelte sich beim Singen in eine Kunstfigur: in die stolze Lady, die kühl um Fassung kämpft, die ruhig dasteht, das Gesicht eine Maske, leise mit den Fingern das Tempo schnippend. Es war diese träge, lässige Melancholie, die Duke Ellington meinte, als er von der „Essenz des Kühlen“ sprach. Da ist ein unstillbarer Schmerz, dem nur Understatement gewachsen ist. Ein Schmerz wie von einem anderen Stern. Billie Holiday teilte das Geheimnis mit Lester Young, dem coolen Seelenbruder. Wenn sie mit ihm zusammen war, gab es ein rätselhaftes Einvernehmen, von dem der Rest der Welt ausgesperrt blieb. Als Lester 1959 starb und auf seinen fernen Stern zurückkehrte, folgte sie nur vier Monate später.

Die Coolness gehörte zur Kunstfigur, zur Sängerin, zur Stimme. Ihren deutlichsten Ausdruck fand sie in Billie Holidays Timing, ihrer Kunst, hinterm Beat zu singen – zwei Schläge, vier Schläge, ganze Takte. Der Kritiker Nat Hentoff nannte ihr Timing eines der sieben Weltwunder des Jazz. Johnny Guarnieri, der mal als Pianist bei ihr aushalf, erzählte: „Ich spielte vier Takte, aber sie stieg nicht ein. Deshalb dachte ich, sie hätte es nicht mitbekommen oder ihr Zeichen verpasst, und fing noch mal an. Plötzlich tippte mir jemand an den Hinterkopf und ich höre sie sagen: Kümmer dich mal nicht um mich. Ich werde schon rechtzeitig da sein.“ Wenn sie richtig high war, konnten ihre Verzögerungen extrem werden, aber sie fand immer zurück ins Tempo. Manchmal war sie auch voraus. Sie hatte ihr eigenes Zeitempfinden – je nach dem Zustand ihrer Gefühle, dieses dunklen, wilden Wusts in ihr. Danach wählte sie auch die Tempi, jeden Tag anders. Manchmal wollte sie sogar ein Rubato oder den Beat mitten im Song verlangsamen. Am Ende ihres Lebens klang sie zuweilen wie eine leiernde, allmählich zum Stehen kommende Schallplatte.

Mit dem Heroin kamen die Hunde. Hunde werden 12 bis 15 Jahre alt, sagt man. Nicht bei Billie Holiday: Sie hatte in 15 Jahren mindestens vier Hunde – nacheinander. Sie nannte sie ihre einzigen wahren Freunde: Rajah Ravoy, weiser Guru und Überlebenskünstler; Moochie, Terrier mit einem rhythmussicheren Schwanzwedeln; Mister, Boxerhund, Drogenbote und Junkie; Pepi, einer von zwei Chihuahuas, süchtig nach Gin. Am Ende hat man der Frau, die sich nichts gefallen ließ, den Prozess gemacht: nicht nur wegen der Drogen, auch wegen Vertragsbruchs oder Gewalttätigkeit. Sie war unberechenbar und launisch geworden, kam um Stunden zu spät zu den Auftritten oder überhaupt nicht. Meist war sie stoned und begann im Club zu trinken, anstatt zu singen. Zwei Flaschen Gin am Tag. Ihre Tempi wurden immer langsamer, ihre Stimme immer brüchiger, ihre Melancholie immer hoffnungsloser, ihr Körper immer dünner. Sie war mit 40 Jahren eine alte Frau.

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Café Society am Sheridan Square. „Strange Fruit“, der Song über die Lynchjustiz, beendet den Set. Schon zu Beginn des Songs sind die Leute mucksmäuschenstill. Es wird nicht mehr serviert, der Raum liegt im Dunkeln. Nur ein kleiner Lichtkegel ruht auf dem geheimnisvoll schönen Gesicht. Billie Holiday steht unbewegt und wartet. Ihre Präsenz füllt den Club, füllt Greenwich Village, das ganze Universum. Sie hat die Leute in der Hand. Sie ist die Lady der Nacht. Eine Kunstfigur. Eine japanische Tragödin. Dann beginnt sie, den Kopf leicht seitlich geneigt. Kaum eine Stimme, aber was für eine Präsenz. Sie lässt ihre Gefühle strömen. Sie spielt eine Bühnenrolle, aber die Gefühle sind ihre eigenen. Die Rolle kommentiert die Person, die Person die Rolle. Episches Theater. Eine Jazzsängerin wird zur Grande Chanteuse. Es ist der einzige Song, bei dem sie weinen muss. Jedes Mal. Danach nimmt sie ein Taxi, fährt durch den Central Park und raucht einen Joint.

© 2005, 2009 Hans-Jürgen Schaal


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