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Die Hammondorgel wiegt rund eine Vierteltonne. Ein schweres Gepäckstück, wenn man damit so weite Wege geht wie Larry Young. Der hat Laurens Hammonds Erfindung im Soul-Jazz der 50er-Jahre abgeholt und bis in die experimentellen Gefilde des spirituellen Jazz-Rock der 70er geschleppt. Davon hat sich das Instrument bis heute nicht erholt.

Der Coltrane der Hammond-Orgel
Larry Young entdeckte den Psychotrip auf der B3
(2004)

Von Hans-Jürgen Schaal

1934 erfunden, ruhte die Hammondorgel erst mal 20 Jahre lang im Dornröschenschlaf. Das faule Stück döste in Kino- und Gemeindesälen dahin, um hin und wieder sentimentale Zusammenkünfte süßlich und blechern zu untermalen. Der schwarze Prinz, der unser Dornröschen wachgeküsst hat, hieß Jimmy Smith. Der ausgebildete Jazzpianist hatte eines Tages genug von all den verstimmten Klavieren, die den Weg eines tourenden Musikers säumen. Er besorgte sich stattdessen eines dieser gelangweilten, zweimanualigen Monstren, lud es auf einen Pickup, fuhr damit in eine Lagerhalle und arbeitete dort ein Jahr lang an einer neuen Klangvision. Als das Instrument wieder das Tageslicht erblickte, war die Prinzessin zu neuem Leben erwacht: Hinter Elektromotor, Tonrädern, Magnetspulen und rotierenden Lautsprechern hatte Jimmy Smith unvermutet das Temperament einer wilden Tigerin geweckt. Explosiv, heiß und funky präsentierte sich die neue Hammondorgel und der Mann, der ihr diese ungeahnten Lustlaute entlocken konnte, schien auf der Orgelbank einem orgiastischen Ritual hingegeben. „Er bot einen betäubenden Anblick“, berichtete sein Entdecker, der Blue-Note-Koproduzent Francis Wolff. „Ein Mann in Krämpfen, das Gesicht verzerrt, verkrümmt in scheinbarem Todeskampf, mit fliegenden Fingern, und die Füße tanzten über die Pedale. Die Luft war mit Wogen eines Sounds erfüllt, den ich nie zuvor gehört hatte. Der Lärm zerschmetterte einen.“

Der Einbruch des Jimmy-Smith-Sounds in die Jazzwelt glich einem Trauma. Selbst der kühle Miles Davis sprach beeindruckt vom „achten Weltwunder“. In kürzester Zeit schossen daraufhin die hitzigen Hammondorgler nur so aus dem Boden: Jack McDuff, Jimmy McGriff, Richard Groove Holmes, Lonnie Smith, Shirley Scott, Don Patterson, Big John Patton, Charles Earland, Freddie Roach, Baby Face Willette und unzählige andere brachten mit ihren Orgelsounds den erdigen Soul-Jazz zum Wogen und fluteten die Tanzlokale von Harlem mit enthemmten elektromagnetischen Vibrationen. Auch Larry Youngs Vater besaß einen Nachtklub, in dem er höchstpersönlich die Hammond kochen ließ. Sohn Larry nahm zwar zunächst klassische Klavierstunden, kam aber schwerlich an dem Ungetüm in Vaters Klub vorbei und wurde daher bald einer der ersten Hammondspieler in zweiter Generation. Schon mit 16 war er orgelndes Mitglied in Rhythm&Blues-Bands, begleitete Arnett Cobb, Lou Donaldson und B.B. King. Mit 19 machte er seine erste eigene Platte, „Testifying“: Das war im Sommer 1960. Schon der Opener, das Titelstück, verrät, dass sich Großes anbahnt. Der Nachtzug nach Newark, der die Nummer inspirierte, rollt – fast sichtbar – als warm-sonor leuchtender Blues-Wurm aus dem Süden heran. Man spürt die späte Stunde, die Müdigkeit der heimkehrenden Musiker, all die Gedanken, die ihnen durch den Kopf gehen, während sie durchs Abteilfenster hinausblicken auf die Lichter im Dunkeln. Mit fast pianistischer Delikatesse drückt „Young Larry“ hier die Orgeltasten, führt Bass und Melodie in verschiedene Gedankenrichtungen, entwickelt mit sensibler Dynamik aus einem Motivkern ein großes, großes Bild in samtweichem Nachtblau. Der Beginn eines Hammond-Mysteriums.

Die Besetzung der Debütplatte war damals Hammond-Standard: nur B3, Gitarre, Drums. Mit seinen Begleitern – Thornel Schwartz an der Sechssaitigen und Jimmie Smith (dem mit „ie“) an den runden Fellen – blieb Young einige Jahre zusammen, zuweilen ergänzt durch ein erdig brummendes Tenorsaxophon. Ihre dritte Platte vom Februar 1962 heißt zwar„Groove Street“, markiert musikalisch aber den Ausbruch aus eben diesem Groove- und Soul-Klischee der Hammond-Gemeinde. „Viele Leute erwarten nicht wirklich etwas von der Orgel“, meinte der 21-Jährige damals. „Sie haben nie vorher irgendwas von ihr gehört außer Kirchenmusik oder jenem Ding, das Jimmy Smith so gut beherrscht. Ich respektiere Jimmy sehr, aber ich gehe einfach in meine eigene Richtung. Ich habe ihn viel gehört und es scheint: Je mehr ich zuhörte, desto klarer wurde mir, was für eine andere Sache mir vorschwebte. In jedem Fall will ich ich selber sein... und damit erregst du den meisten Widerstand.“ Ich selber sein – das hieß, auf vieles zu verzichten, was seit Jimmy Smith die Faszination der Hammond ausmachte. Nichts mehr von der schwitzenden Wettkampf-Stimmung heißer Harlem-Nächte, nichts mehr von der fauchenden Explosivität der Soul-Funk-Wildkatze, weg vom Image des elektromagnetischen Artilleriegeschützes. Youngs Spiel suchte 1962 die dunklen, dumpfen Tiefen, als wollte er den Image-Hifi-Lesern der Zukunft ein besonderes Spielzeug zum Boxenquälen präsentieren. Der Blues ist noch allgegenwärtig, die Soul-Figuren sind noch da, aber bereits überzogen von einem Schleier brütender Trance und grundiert mit schweren Akkordgebilden. In den beiden letzten Stücken – der originalen B-Seite der LP – erreicht Young den ersten großen Wendepunkt seiner Entwicklung. In das 14-minütige „Gettin’ Into It“ schiebt er massive Harmonieflächen hinein, als müsste die Achse dieses Planeten neu geeicht werden, und im abschließenden „Talkin’ About J.C.“ verrät er einen seiner wichtigsten Einflüsse: Es ist nicht Jesus Christus, sondern John Coltrane, der Tenorsaxophonist, der damals gerade mit „Giant Steps“, „Naima“ und „My Favorite Things“ für Aufsehen sorgte. Natürlich gehört zur Coltrane-Hommage auch ein Saxophon: Das spielt auf dieser Platte ein gewisser Bill Leslie. Ja, er heißt wirklich wie die legendären Leslie-Lautsprecher, denen die Hammond ihren charakteristischen Wummersound verdankt.

Der Ausbruch aus dem klischierten Hammond-Fahrwasser brachte Larry Young mit fortschrittlicheren Musikern in Kontakt. Grant Green, das gitarristische Bindeglied zwischen Charlie Christian und George Benson, wurde sein neuer Saitenpartner. Und am Schlagzeug machte es sich kein Geringerer als Elvin Jones bequem, der viel bewunderte Drummer aus dem Quartett von Larry Youngs Idol John Coltrane. Im September 1964 (davor spielte Elvin auf Coltranes „Crescent“, danach auf „Love Supreme“) nahmen diese drei – Young, Green, Jones – eine Scheibe für das Label Blue Note auf, unter Greens Namen. Das war nun wieder die Standard-Besetzung des Orgeltrios und doch etwas ganz anderes. Grant Green spielte nicht einfach Gitarre zur Orgel, sondern entfaltete als Bandleader und Solist seine eigene Vision und Dramaturgie des Improvisierens, irgendwo zwischen Bluesgitarre und Avantgarde. Elvin Jones kam aus der Speerspitze der Free-Jazz-Bewegung ins Studio und trommelte nicht vier Viertel, sondern eine ganze Galaxis rhythmischer Sprachen. Und schließlich dieser Larry Young: ein Organist, der konsequent auf alles Kreischende und Dröhnende verzichtete, der sein Spiel schlank und präzise hielt, modale Linien entrollte, sensibel begleitete, Klangfarben malte und Strukturen baute, die nie jemand von der Hammond-Orgel gehört hatte. Die Sounddetails im Anklang, die kühle Grazie der Töne: Man glaubt fast einen Klavieranschlag zu hören. Die Platte hieß übrigens „Talkin’ About“ und sie begann mit demselben Stück, mit dem „Groove Street“ aufgehört hatte: „Talkin’ About J.C.“ Es sollte Larry Youngs berühmtestes Stück werden – und 1964 brauchte er nicht mal mehr ein Tenorsaxophon, um darin Coltrane zu beschwören.

Blue-Note-Chef Alfred Lion war jedenfalls hin und weg und nahm den jungen Organisten sofort unter Vertrag. Noch bevor „Talkin’ About“ veröffentlicht war, fand sich Larry Young mit demselben Trio als Bandleader im Studio wieder: mal mit Sam Rivers, mal mit Bobby Hutcherson als viertem Mann. So begann im Herbst 1964 Youngs fünfjährige Karriere bei Blue Note, die neun Platten hervorbrachte: sechs unter eigenem Namen, drei unter Grant Greens Verantwortung. Einen repräsentativen Querschnitt bietet die Compilation „The Art Of Larry Young“ mit sieben Titeln von 1964 bis 1969. Natürlich ist „Talkin’ About J.C.“ mit dabei, daneben Youngs Kinderporträt-Walzer „Tyrone“ mit Sam Rivers am Sax und das unglaubliche Duett mit Elvin Jones über „Monk’s Dream“. In der zweiten Hälfte der CD machen sich die Avantgarde-Bläser und die psychedelischen Orgelsounds immer breiter, die Becken zischen, die modalen Improvisationen sprengen die Formschablonen und „Bitches Brew“ wirft Schatten voraus. Der ganze Larry Young im Pocket-Format. Wer auf den Geschmack gekommen ist, wird sich freilich mit der Compilation nicht zufrieden geben. Da die Einzelalben nur sporadisch verfügbar sind, wäre die Alternative: „The Complete Blue Note Recordings Of Larry Young“. Das sind 6 CDs oder 9 LPs mit 48 Titeln. Darauf ist alles von allen neun Alben, darunter die Platten „Into Somethin’“, Youngs bahnbrechendes Blue-Note-Debüt als Leader, „Unity“, eines der großen Avantgarde-Manifeste des Jahres 1965, und „Mother Ship“, seine letzte Blue-Note-Platte, die erst posthum 1980 erschien. Hier lassen sich unbegrenzt Entdeckungen machen, dafür sorgt schon die Breite des Repertoires: von alten Jazz-Standards über Beatles, Bossa Nova und Charles Trenet bis hin zu Originals aus dem Geist der Sixties-Avantgarde. Musik, die lange vorhält.

Larry Youngs Wandel in den Sechzigern verlief ganz im Einklang mit den Vibrationen der Zeit. Der „einzige ernsthafte moderne Vollzeit-Organist“ (so der Kritiker A.B. Spellman 1967) wurde ein enger Freund Coltranes, fand auch musikalisch eine gemeinsame spirituelle Ebene und spielte stundenlang private Duette mit ihm (leider nicht dokumentiert). Inspiriert von Coltranes intensiver Modalmusik, hatte Young paradoxerweise zunächst eine neue, nüchterne Struktursprache für die Hammond entwickelt, um sie dann nach und nach in sirrende, meditative Klangflächen aufzulösen: Die zweite Hammond-Revolution. Unter Youngs Händen verwandelte sich die B3 von einem Rhythm&Blues-Kochtopf in ein psychedelisches Trance-Gefäß. Damit stand der Organist um 1970 exakt an der Schnittstelle von Avantgarde-Rock und Avantgarde-Jazz: Er konvertierte zum Islam, nannte sich zeitweise Khalid Yasin, jammte mit Jimi Hendrix (dokumentiert auf „Nine To The Universe“) und Miles Davis und prägte die Orgelsounds der Rockmusik von Gregg Rolie (Santana) bis Mike Ratledge (Soft Machine). Zu Larry Youngs berühmtesten Sideman-Platten jener Zeit gehören „Devotion“ von John McLaughlin, „Bitches Brew“ von Miles Davis, „Emergency!“ von Tony Williams’ Lifetime und „Love Devotion And Surrender“ von Carlos Santana und John McLaughlin.

Seine eigene Platte „Lawrence Of Newark“ von 1973 klingt ein bisschen wie eine orientalisch-spirituelle Variation auf „Bitches Brew“ und könnte sogar als Vorläufer aktueller Ambient-Trips durchgehen. Perkussions-Teppiche, elektronische Klänge und Avantgarde-Saxophone verbinden sich zu mächtig eskalierenden meditativen Beschwörungen, treiben in psychedelischen Bewusstseinsschleifen dahin oder erinnern an den Gebetsruf des Muezzins. Larry Young erfindet wie nebenbei die experimentelle Hammond-Orgel: Sie fantasiert im Out-of-tempo-Nirwana, lässt in stehenden Klangflächen Wüstenhitze flirren, zeichnet helle Linien in einen undefinierten Himmel und verwandelt sich zuweilen in eine arabische Klage-Oboe. Wohin Larry Youngs weiterer Pilgerweg geführt hätte, lässt sich nicht mal vermuten. Das Ende kam abrupt. Mit 37 Jahren starb der freieste aller Hammondspieler an einer nicht erkannten Lungenentzündung.

© 2004, 2010 Hans-Jürgen Schaal


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