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Stan Getz machte den Club berühmt, Bud Powell glänzte, Niels-Henning Ørsted Pedersen startete hier seine Karriere, Dexter Gordon war Saxofonist vom Dienst. „Gut möglich“, so resümierte der amerikanische Downbeat 1974 die Bedeutung des Café Montmartre, „dass hier mehr Jazzgrößen spielten als an irgendeinem anderen Ort der Welt.“

Cäsarenfrisuren und Geburtstagskuchen
Das legendäre Café Montmartre in Kopenhagen
(2006)

Von Hans-Jürgen Schaal

Da ist kein Namensschild, nur ein großes Wandbild weist den Eingeweihten den Weg: Count Basie zeigt direkt auf den Eingang des Clubs. Alle Taxifahrer Kopenhagens wissen natürlich Bescheid, denn ständig kommen Ausländer in die Stadt und wollen genau dorthin, wohin der Finger des Count zeigt. Dank Café Montmartre ist Kopenhagen in den sechziger Jahren Europas zweitwichtigste Jazz-Metropole – nach Paris.

Seinen Namen hat der Club von einem Tanzcafé, das seit den dreißiger Jahren bestand. Anders Dyrup, Architekt, Jazzfan, Jazzveranstalter, Jazzagent und Manager beim Jazzlabel Sonet, findet 1958 in der Store Regnegade (Große Regenstraße) endlich, was er jahrelang gesucht hat: eine dauerhafte Räumlichkeit für einen Jazzclub, der etwa 120 Personen Einlass bietet. Dyrup beauftragt eine Künstlergruppe mit der Gestaltung der Wände und lässt im Februar 1959 den Dixieland-Klarinettisten George Lewis das neue Lokal eröffnen. Albert Nicholas, Papa Bue und Champion Jack Dupree folgen. Eine bodenständige dänische Angelegenheit.

Das Montmartre bleibt aber nicht lange ein Trad-Club. Seit Herbst 1958 lebt der Tenorsaxofonist Stan Getz mit seiner Familie in der Nähe von Kopenhagen, in Kungens Lyngby. Er will seine Karriere in Europa etwas ruhiger angehen, für Radiostationen arbeiten und gegen kleines Geld in den Clubs jammen. Dyrup bringt Getz mit dem Pianisten Mose Allison zusammen auf die Bühne, die beiden jagen ihre dänischen Begleitmusiker schnell davon und spielen einen vollen Monat lang im Duo. Dann zieht Allison weiter, Getz aber bleibt und tritt zeitweise vier Tage in der Woche im Montmartre auf. Dafür gründet er ein eigenes Quartett mit dem schwedischen Pianisten Jan Johansson, dem amerikanischen Bebop-Drummer Joe Harris und einem weiteren Amerikaner, dem Bassisten Oscar Pettiford, den Getz im Sommer 1959 aus Baden-Baden holt.

Der Downbeat berichtet damals: „Das Montmartre ist dunkel und verraucht, nur von Kerzen beleuchtet, die lange, bewegliche Schatten – wie Klauen – über die Wände werfen. Man hat Mühe, die grotesken, aufgeplusterten Reliefköpfe an den Wänden überhaupt zu sehen. Die Hipsters, die kommen, um Jazz zu genießen, sitzen auf langen Bänken an roh gehauenen Tischen und nippen an schwerem dänischen Bier. Die Mädchen tragen enge Röcke, tief ausgeschnittene Blusen, Brigitte-Bardot-Frisuren und kein Make-up. Die Männer tragen Bart und Pullover und Cäsarenfrisuren und rauchen Pfeife. Sie sehen schrecklich ernsthaft aus und sitzen in festgefrorener Haltung, während die Musiker spielen. Das Tanzparkett glänzt, weil es nie benutzt wird, und der Rüpel, der es wagt, zum Rhythmus den Finger zu bewegen, wird vom Kreuzfeuer eines Dutzends eisiger Blicke getroffen.“

Oscar Pettiford wird in Kopenhagen wie ein Star empfangen: „Nach acht Tagen stand der Name Pettiford auf den Titelseiten der Tageszeitungen“, erinnert sich Joachim Ernst Berendt, „und in den Feuilletons gab es ganzseitige Artikel über ihn.“ Der Bassist bleibt, leitet die erste Hausband des Montmartre, begleitet mit ihr amerikanische „Expatriates“ wie Benny Bailey oder Don Byas und schreibt dem Club sein Erkennungsstück, „Montmartre Blues“, inspiriert von einer Komposition von Benny Golson. Stan Getz, der im Sommer 1959 in einer Riesenvilla in Elsinore residiert, bewirtet dort die durchreisenden amerikanischen Musiker, bevor sie zu ihren Konzerten müssen. „Wenn sie ihre Konzerte beendeten, drängten sie ins Montmartre“, erzählt Anders Dyrup. „Ich erinnere mich an kein Konzert amerikanischer Jazzmusiker in Dänemark, das nicht mit einer Jamsession im Montmartre geendet hätte.“ Pettiford und Getz legen in wenigen Monaten die Grundlagen – doch ganz plötzlich scheint alles wieder vorbei zu sein: Im Februar 1960 muss der Club schließen, im September stirbt Pettiford mit 38 Jahren völlig überraschend an einer heimtückischen Meningitis, und Getz packt seine Familie und nimmt das Schiff zurück nach Amerika.

Aber die Asche glüht noch: An Silvester 1961 wird das Café Montmartre wieder eröffnet – mit einem Gastspiel des Saxofonisten Brew Moore. Der neue Clubchef, Herluf Kamp-Larsen, ist nicht nur ein erfahrener Gastronom, sondern auch ein hervorragender Organisator und Jazz-Fachmann. Er stellt für die Musiker kleine Clubtourneen auf die Beine – London, Paris, Stockholm – und lockt so immer mehr Amerikaner nach Kopenhagen. Neben dem Clubraum entsteht ein Tonstudio, das das dänische Radio und die Plattenfirmen ködert. Ein Haus weiter residiert „Ole Sliber“, der Mann mit den goldenen Händen, der den Musikern die Instrumente richtet. Und der Club holt sogar die Avantgarde nach Kopenhagen: Albert Ayler, Cecil Taylor, Archie Shepp, Don Cherry, Steve Lacy und George Russell treten hier auf. Der afrodänische Saxofonist John Tchicai, der zwischen Dänemark und Amerika pendelt, wirkt als Vermittler zur Free-Szene.

Alle spielen sie im Montmartre: Art Blakey, Dollar Brand, Donald Byrd, Kenny Clarke, Chick Corea, Bill Evans, Gil Evans, Johnny Griffin, Herbie Hancock, Coleman Hawkins, Joe Henderson, Freddie Hubbard, Keith Jarrett, Thad Jones, Thelonious Monk, Roland Kirk, Lee Konitz, Yusef Lateef, das Mahavishnu Orchestra, Jackie McLean, Charles Mingus, Gerry Mulligan, Bud Powell, Sonny Rollins, Stuff Smith, Lucky Thompson, Weather Report, Ben Webster... die Liste hat kein Ende. Allein 1964 macht Dexter Gordon hier sechs Platten, er steht eine Zeit lang jeden Donnerstag auf der Bühne des Montmartre und wird Woche für Woche im Radio übertragen. 1972 startet Nils Winther sein Label SteepleChase mit einem Live-Mitschnitt von Jackie McLean.

Viele der amerikanischen Musiker lassen sich in Kopenhagen nieder. Dexter Gordon lebt von 1962 bis 1976 hier, Ben Webster von 1964 bis zu seinem Tod, auch Brew Moore stirbt als Kopenhagener, Stuff Smith hat hier ein kleines Comeback, Idrees Sulieman, Thad Jones und Duke Jordan bleiben lange Zeit, Kenny Drew wohnt sogar 30 Jahre in der Stadt, Sahib Shihab mehr als 10 Jahre, Al „Tootie“ Heath immerhin fünf, Ed Thigpen seit 1972, Horace Parlan seit 1973. Warum Dänemark? Neben der Jazz-Begeisterung sind es die dänische Lockerheit, Coolness und Toleranz, die den Musikern gefallen. Als Dexter Gordon 1967 Probleme drohen wegen seines Drogenkonsums, setzen sich dänische Künstler für ihn ein, organisieren eine Massenkundgebung auf dem Rathausplatz mit dem Motto: „Dexter statt NATO!“ Es gibt in Kopenhagen kaum Rassismus, das Gesundheitssystem ist vorbildlich, Alkohol fließt rund um die Uhr, und Englisch spricht man hier weit besser als in Paris. Viele Gründe.

Die dänische Jazzszene profitiert natürlich vom internationalen Musikerstrom. Niels-Henning Ørsted Pedersen steht schon als 14-Jähriger auf der Bühne des Montmartre, begleitet Bud Powell und jahrelang Dexter Gordon, hat ein Duo mit Kenny Drew und entwickelt sich zu einem der besten Bassisten des Jazz. Zu den Hausbands des Clubs gehören auch die Pianisten Thomas Clausen, Ole Carlsson und Bent Axen, die Bassisten Mads Vinding, Erik Moseholm, Hugo Rasmussen und Bo Stief, die Drummer Alex Riel und William Schiøpffe. Für Bläser wie Allan Botschinsky, Max Bruel und Bent Jaedig wird das Montmartre zur Startrampe.

Doch Anfang der siebziger Jahre geht die goldene Zeit des Montmartre zu Ende. Die Amerikaner wollen mit eigener Band nach Europa kommen, die Flugtickets multiplizieren die Kosten. Trotz Unterstützung durch Staat und Musiker-Vereinigung erklärt der Club 1974 seinen Bankrott, Dexter Gordon gibt die Abschlusskonzerte, zwei Jahre lang geht es noch irgendwie weiter. Aber kaum ist das endgültige Aus verkündet, startet das Montmartre Ende 1976 in neuer Form an neuem Ort: in der Nørregade. Dem Montmartre-Chef Kay Sørensen gelingt es, den Club, der nun 450 Zuschauer fasst, mit einer Mischung aus kleineren Rock-Acts und größeren Jazz-Namen durch die Jahre zu lavieren – sogar über 1990 hinaus. Chet Baker tritt hier auf, Dizzy Gillespie, Elvin Jones, John Scofield, die Brecker Brothers. Sogar Sonny Rollins und Miles Davis, die sonst nur noch in Konzerthallen spielen, lassen sich gewinnen. Das ist den Betreibern auch mal ein Minusgeschäft wert: Den Hauptumsatz garantiert die Nachtdisco für junge Leute.

Stan Getz, der einmal den Startschuss gab, hält Café Montmartre auch in der Nørregade die Treue: Es ist „sein“ Jazzclub. Seinen 50. Geburtstag feiert er hier 1977 mit der Aufnahme eines Live-Doppelalbums, und die Jazzfans bereiten ihm eine Überraschungsparty: „Als wir vom Restaurant zum Club fuhren, bemerkte ich, dass die Stadt mit hübschen Plakaten in allen möglichen Farben zugekleistert war. Was ich nicht wusste, war, dass ‚Tillykke Stan Getz’ ‚Happy Birthday’ bedeutet. Ich dachte, mein Foto darauf sei einfach nur eine Ankündigung meines Auftritts im Montmartre.“ Und so staunt Getz nicht schlecht, als ihm rund 20 Saxofonisten im Club ein Geburtstagsständchen spielen, ihm 10 Geburtstagskuchen mit je 5 Kerzen überreicht werden und man ihm schließlich ein altes Conn-Saxofon schenkt, in das er sich bei seinem ersten Aufenthalt in Kopenhagen verliebt hatte.

Auch seinen 60. Geburtstag feiert er im Montmartre: Der Live-Mitschnitt „Anniversary“ beschert Getz ein brillantes Comeback auf dem Jazzmarkt. Mit besonderer Sorgfalt plant Getz 1991 „People Time“, sein allerletztes Album – er ist bereits todkrank. Wieder soll es ein Live-Album sein, und nur im Duo mit Klavier will er auftreten – so wie damals, 1959. Und natürlich auch diesmal – im Montmartre.

© 2006, 2010 Hans-Jürgen Schaal


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