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„Da kam dieser große Sturm von Sound und Energie, und ich war auf dem Wellenkamm und versuchte mich zu halten.“ So beschrieb Dave Holland seine erste Erfahrung in der Miles-Davis-Band. An der Sturmmaschine: Tony Williams, das kleine Genie.

Tony Williams
Wellen von Energie
(2007)

Von Hans-Jürgen Schaal

Der Bebop-Pionier Max Roach, häufig „der Erfinder des modernen Jazz-Schlagzeugs“ genannt, sagte über den mehr als 20 Jahre jüngeren Tony Williams: „Für mich ist er einer der Väter des Schlagzeugs, und er wurde das in sehr jungen Jahren.“ Tony Williams war in der Tat früh dran. Sein Vater, im Hauptberuf Postbote, leitete als Saxophonist eine eigene Band und förderte die musikalischen Ambitionen des Sohnes von Kindesbeinen an. Schon mit neun Jahren trat Tony öffentlich auf, mit elf studierte er eine Zeit lang bei Max Roach, mit 14 konnte er Joe Morellos Solo in „Take Five“ (das damals erst ein paar Monate alt war) perfekt nachspielen, mit 16 ging er nach New York, mit 17 wurde er vom größten Jazzstar jener Zeit engagiert und revolutionierte das Schlagzeugspiel, mit 18 machte er seine erste Leaderplatte für Blue Note, mit 23 erfand er den Fusion-Jazz. „Ich habe alles viel zu schnell erreicht“, sagte er einmal.

An Selbstbewusstsein fehlte es Tony Williams nicht. Als der große Miles Davis ihn holte, fand der 17-Jährige nichts weiter dabei: „In meinem tiefsten Innern fühlte ich, dass ich fraglos der beste Drummer für den Job war.“ Nicht nur das: Der Teenager nahm die ganze Sache in die Hand, erklärte dem legendären Trompeter, wen er zu feuern, wen er zu heuern habe, steuerte die Musik, das Repertoire, komponierte für ihn und brachte ihn sogar dazu, wieder regelmäßig Trompete zu üben. Tony Williams wusste, dass sein Schlagzeugspiel die Speerspitze der Jazz-Entwicklung war, und das sagte er auch jedem, der es hören wollte. Seine Selbstsicherheit konnte arrogant wirken – auch weil er sich oft absonderte, die Kommunikation scheute, die Weißen nicht mochte, seinem Ego folgte, im Konzert auch mal den Solisten hängen ließ, wenn er auf ihn sauer war. Er sei in seiner Kindheit viel allein gewesen, erklärte er einmal, und benötige wenig sozialen Austausch. „Ich könnte eine Woche allein in meiner Wohnung sein, ohne Kommunikation mit anderen Menschen. Es gibt Dinge jenseits der Worte, und daran bin ich interessiert. Am Sound.“ Eine Zeit lang nannte er diese Dinge auch „spirituell“.

Miles Davis wurde auf ihn aufmerksam, als Tony für Jackie McLean trommelte, einen alten Freund und Protegé des Trompeters. „Es zog mir regelrecht die Schuhe aus, so irre war er“, staunte Miles und stellte sich 1963 ein neues Rhythmustrio zusammen: mit Herbie Hancock (23), Ron Carter (26) und Tony Williams (17). Miles ließ die drei ein paar Tage lang miteinander üben, erst am letzten Tag kam er selbst dazu, und am Tag darauf ging er mit ihnen ins Aufnahmestudio. Der Eindruck, den Tony Williams schon bei seinen ersten Festivalauftritten mit Miles machte, war gewaltig und sensationell. „Den Schlagzeugern des ganzen Landes blieb der Mund vor Staunen offen stehen“, schrieb das Magazin Down Beat. Miles selbst berichtet: „Tony brachte jeden zum Rasen. Er legte einfach ein Riesenfeuer unter die Band. Tony war der Kern, um den die Band ihren Sound legte. Und das alles von einem 17-Jährigen, dessen Namen Anfang des Jahres noch niemand kannte.“

Tony Williams hatte von den Besten gelernt – Art Blakey, Max Roach, Philly Joe Jones –, aber er hatte auch den Innovationen des Free Jazz gut zugehört, und sein Fazit lautete: Timekeeping war gestern. Der moderne Schlagzeuger schlägt die Time nicht mehr, er hat sie im Kopf. „Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand die Hi-Hat immer auf 2 und 4 spielt“, sagte er. Anstatt den Beat zu markieren, improvisierte er über ihn, wechselte zwischen raschem Puls und freiem Fluss, wurde zum Orchestrator an Trommeln und Becken, spielte den Raum aus, zog sich zurück, drängte sich in den Vordergrund, lag immer ein bisschen vor dem Beat, erfüllte die Musik mit polyrhythmischen, berstend intensiven Energiewellen, spielte „free“ und verlor doch die Time nicht.

Über eines seiner ersten Konzerte mit Miles im Sommer 1963 schreibt Peter N. Wilson: „Williams’ umwerfend dynamisches Schlagzeugspiel ist ein steter Dialog mit dem Solisten: oszillierend zwischen Unterstützung und provokativer Verweigerung, zwischen Mit-Sprache und Einspruch. Ständig und unvorhersehbar wechselt der Wunderknabe die Patterns, die rhythmischen Ebenen – oder setzt auch einmal ganz aus und führt das Zusammenspiel so auf dünnes Eis.“

Hancock und Williams übernahmen die Regie in Miles’ Band, entwickelten in der Begleitung ihre unberechenbaren, überfallartigen rhythmischen Spielchen, und Bassist Ron Carter schlüpfte notgedrungen in die Timekeeper-Rolle. Dem Saxophonisten George Coleman wurde diese ständige rhythmische Unruhe rasch zu viel, Miles dagegen gierte danach: „Tonys Schlagzeug schien Miles Davis vorzuschreiben, in welche Richtung es geht“, beschrieb ein Kritiker das Live-Erlebnis. „Links herum. Dann wieder rechts. Stop. Drei große Sprünge. Miles folgte dem allem und lächelte und lächelte und war glücklich.“ Miles’ eigene Worte bestätigen das: „Tony verkörperte in der Band das Feuer und den kreativen Funken. Es gab vor ihm und nach ihm keinen, der an ihn herankam. Er war der Mittelpunkt der Band. Es gefiel ihm, wenn Musiker ihre Grenzen überschritten. Er war einfach ein Motherfucker. Sobald ich mit Tony spielte, diesem kleinen Genie, musste ich mich jedes Mal auf was anderes einstellen.“

Nicht nur bei Miles glänzte Tony Williams. Er war der genialische Unruheherd auf den besten Blue-Note-Platten um 1964: auf Jackie McLeans „One Step Beyond“, Grachan Moncurs „Evolution“, Andrew Hills „Point Of Departure“, Sam Rivers’ „Fuchsia Swing Song“, Eric Dolphys „Out To Lunch“ – und natürlich auf seinen eigenen Platten „Life Time“ und „Spring“, mit denen sich der 18-jährige Drummer zudem als fortgeschrittener Komponist präsentierte. Die Platte „Life Time“, eine Mixtur aus Kammermusik und Free Jazz, präsentierte ein Quartett aus Tenorsax, zwei Kontrabässen und Drums, ein Trio aus Vibraphon, Klavier und Drums oder sogar ein schlagzeugloses Klavier-Bass-Duo. Das war ganz gewiss kein typisches Drummer-Debütalbum! Tony Williams verstand die Aufregung um sein Meisterwerk nicht: Er hielt seine Musik nur für durchschnittlich. In seinem Kopf war er wohl schon einige Schritte weiter.

Es war Tony Williams, der Miles die Jazz-Avantgarde nahebrachte und ihn bis an den Rand des Free Jazz heranführte. Und beide entdeckten sie 1968 die Musik von Jimi Hendrix und diese neue, elektrische Intensität, die sich dann auf den Alben „Miles In The Sky“, „Filles De Kilimanjaro“ und „Water Babies“ niederschlug, der elften bis dreizehnten gemeinsamen Platte von Miles und Tony. Doch während dem Drummer die Entwicklung hin zum Rock zu langsam ging, ging sie dem Bassisten zu schnell, und die Band zerfiel. Tony Williams gründete 1969 sein eigenes Trio Lifetime und nannte die erste Platte „Emergency“ („Notfall“): Der Schritt in die elektrische Powerwelt war für ihn persönlich zu diesem Zeitpunkt ein lebenswichtiger Not-Eingriff. Zusammen mit John McLaughlin (Gitarre) und Larry Young (Orgel) schuf er die Pionierband der Jazzrock-Fusion – vor „Bitches Brew“, Weather Report, den Headhunters und dem Mahavishnu Orchestra. Es war, als dürfte der Sturm der Miles-Zeit endlich zum Orkan anwachsen.

Bei Tony Williams ging alles ein bisschen schneller als bei anderen: Innerhalb von fünf Jahren hatte er das Fusion-Genre ausgereizt – mit all seinen virtuosen Höhenflügen und kommerziellen Untiefen. Mit 30 Jahren war er ein Superstar in Jazz und Rock, der Held aller Fusion-Drummer – und huldigte seiner eigenen Wunderkind-Vergangenheit. Während Miles gesundheitsbedingt eine jahrelange Auszeit nahm, fanden sich Hancock, Carter und Williams wieder als Trio zusammen und machten dort weiter, wo sie 1968 aufgehört hatten. Das Miles-Davis-Tribut-Projekt V.S.O.P. mit Freddie Hubbard als Miles-Ersatz, später auch mit Shooting Star Wynton Marsalis feierte die Miles-Band der Sechziger – und nicht zuletzt den Mythos Tony Williams – und füllte in den Jahren des Jazz-Revivals die großen Hallen. Nach Miles’ Tod startete Williams noch einmal eine Tribut-Band, nun mit dem Trompeter Wallace Roney.

Tony Williams spielte mit vielen großen Namen – von Sonny Rollins bis Stan Getz, von Joni Mitchell bis Marcus Miller. Als 1985 das Label Blue Note wieder ins Leben gerufen wurde, gehörte er zu jenen „ehemaligen“ Blue-Note-Künstlern, die man zur Festigung der alten Tradition neu als Bandleader verpflichtete. Bis 1991 machte er vier ordentliche Platten für das Label, aber Neuland betrat er dabei nicht. Falls er weiterhin nach Grenzen suchte, die es zu übertreten galt, dann anderswo: bei seriösen Kompositionsstudien an der Juilliard School, mit Werken fürs Kronos Quartet („Rituals“) und für großes Orchester („Wilderness“). Eine seiner letzten Platten hieß „Young At Heart“; seltsame Ironie, dass es dieses junge Herz des alt gewordenen Wunderkinds war, das bei einer Routine-Gallenoperation nicht mehr mitmachen wollte. Ein Kritiker schrieb: Wir sollten angesichts seines viel zu frühen Todes dankbar sein, dass er seine Karriere schon als Teenager in Angriff nahm.

© 2007, 2010 Hans-Jürgen Schaal


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