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JAZZ FICTION Teil 2

Sein Roman "On The Road" war das Glaubensbekenntnis der "Beat Generation": Immer unterwegs sein - auf der Flucht vor Enge und Langeweile, auf der ständigen Suche nach Glück und Erleuchtung. Zur Lebensphilosophie der Beatniks gehörte auch der moderne Jazz, diese Augenblickskunst flackernder, ruheloser Seelen. Die New York Times bescheinigte Kerouacs Buch bei seinem Erscheinen 1957, dass die Passagen über Jazz "in der amerikanischen Romanliteratur ihresgleichen suchen".

Jack Kerouac
Ein Kind des Bop
(2001)

Am Ende des II. Weltkriegs hatte sich in New York eine Gruppe freigeistiger, unangepasster, literarisch bewegter Jünglinge zusammengefunden, begierig auf spontane Erlebnisse und große Gefühle. Einer von ihnen war der 22-jährige Student Jack Kerouac: Als Matrose, Marinesoldat und kurzzeitiger Insasse der psychiatrischen Abteilung eines Marinehospitals hatte er bereits überzeugend seine Abenteuerlust bewiesen. Er, Allen Ginsberg, William S. Burroughs, Lawrence Ferlinghetti, Gregory Corso, John Clellon Holmes und einige andere sollten später als die Dichter der Beat-Generation bekannt werden. In der ersten Nachkriegszeit bildeten sie eine Bohème-Szene am Rande bürgerlicher Legalität. Die Chronik ihrer frühen Jahre verzeichnet Drogendelikte, Diebstahl, Promiskuität, Nervenheilanstalten, Mord und Bigamie. Und die ersten schriftstellerischen Versuche.

1946 kam Neal Cassady nach New York - ein Junge aus Denver, aufgewachsen bei seinem Vater im Obdachlosenheim, sexuell frühreif, mehrfach vorbestraft, ein genialer Autodieb und Highway-Raser, Schopenhauer- und Shakespeare-Leser, gerade 20 Jahre alt. Binnen kurzem wurde Cassady zur Zentralfigur des Beatnik-Kreises: Sein Lebenshunger, seine Getriebenheit, sein fiebriger Pseudo-Intellektualismus erhoben ihn zum Propheten der Hipness. Begeistert von Cassady machte sich Jack Kerouac auf, Amerika zu erobern - zunächst allein, dann im Team, als Tramper, als Aushilfsarbeiter, mit geliehenem Wagen oder mit der Bahn. New York, Colorado, Kalifornien, Mexiko: Bis 1951 entstanden daraus vier Manuskript-Versionen von "On The Road". Die letzte schrieb Kerouac innerhalb von 25 Tagen auf 83 Metern Endlospapier. Er schrieb wie besessen - auch wenn darüber seine Ehe zerbrach. Er ließ die Sätze wie im Halbschlaf strömen - und sie klangen mehr und mehr nach Neal Cassady (im Roman: Dean Moriarty), nach dessen verrückten Ideen und dessen wilder Sprache. "On The Road" ist eine Hommage an das Urbild des Hipsters.

250 Dollar Vorschuss bekam Kerouac für seinen Roman, aber er blieb jahrelang unveröffentlicht. Immerhin wurde ein Abschnitt daraus vorab publiziert, eine Passage über den Jazz-Craze der Beat-Generation: über ein schwarzes Musiklokal in San Francisco, einen Tenorsaxofonisten, der sich die Seele aus dem Leib pustet, eine nächtliche Fahrt durch die Stadt zu Jamson's Nook, über einen Altsaxofonisten, der 200 Blues-Chorusse bläst, und einen vor Begeisterung ausflippenden Dean Moriarty. Kerouac erhob die Ästhetik des Jazz zum Modell seines improvisierten, halb automatischen Schreibens: Das Atmen galt ihm als Maß des Satzbaus, die Worte sollten sich aneinander fügen wie die Töne in den Phrasen eines Jazz-Bläsers, seine Gedichte schrieb er als Jazz-Chorusse. Die Literaturkritik entdeckte in Kerouacs Sprache Riff-Strukturen und eine "spontane Bop-Prosodie".

Nach Jahren der Erfolglosigkeit kam 1957 der Durchbruch für die Beat-Dichter. Ginsbergs "Howl" erschien, wurde der Obszönität angeklagt und vor Gericht freigesprochen. Daraufhin wurde endlich auch Kerouacs "On The Road" veröffentlicht, ein Jahr später sein ebenfalls jazzgetränkter Roman "The Subterraneans", der 1953 innerhalb von drei Tagen wie im Rausch entstanden war. Bücher, die die Befindlichkeit der Bop- und Cool-Generation einfingen, aber erst zu lesen waren, als diese Zeit schon zu Ende ging. Auch für Kerouac kamen sie zu spät: Getrieben von Depressionen, Alkohol, Benzedrin und Vaterschaftsklagen, wurde er mit 40 Jahren zum spießbürgerlichen Säufer und schimpfte wie sein verstorbener Vater auf die Marxisten und die Juden. Er zog zu seiner Mutter und mit ihr hin und her zwischen Florida, Long Island und Massachusetts. "On the road" bis zuletzt.

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JACK KEROUAC

1922 Geboren als Jean-Louis Lebris de Kerouac in Lowell, Massachusetts
1940 Geht zum Studium nach New York und entdeckt den Jazz
1944 Lernt die Kollegen William S. Burroughs und Allen Ginsberg kennen
1946 Trifft Neal Cassady, Schlüsselfigur der Beat-Generation
1950 Erster Roman erscheint: "The Town And The City"
1951 Schreibt die letzte Fassung von "On The Road"
1953 Schreibt "The Subterraneans"
1957 "On The Road" erscheint
1959 Gedicht in 242 Chorussen: "Mexico City Blues"
1961 Zieht zu seiner Mutter
1969 Stirbt in Florida

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Anspieltipps

The Jack Kerouac Collection (Rhino). 3 Original-LPs auf 3 CDs mit Jack Kerouac, Steve Allen, Zoot Sims, Al Cohn u. a.

Kicks Joy Darkness (Ryko). Tribut-Album an Jack Kerouac mit Lydia Lunch, John Cale, Anna Domino u. a.

Bop For Kerouac (Muse). Tribut-Album des Jazz-Sängers Mark Murphy mit Richie Cole, Bruce Forman, Bill Mays u. a.

The Beat Generation (Rhino). Dokumentation auf 3 CDs mit Jack Kerouac, Babs Gonzales, Dizzy Gillespie, Lee Konitz u. a.

© 2001, 2010 Hans-Jürgen Schaal


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23.09.2020
Über FLORIAN ARBENZ in Germering: "Allen Umständen zum Trotz ein großartiges Konzert. Dass Florian Arbenz grooven, also extrem treibend nach vorne spielen kann und die Zuhörer am liebsten mit den Fingern mitschnippen würden, zeigte er unter anderem bei der Komposition 'Groove Conductor'. Er behandelte sein um diverse Instrumente wie Kalimbas oder einen riesigen balinesischen Gong erweitertes Drumset wie ein vielschichtiges Melodieinstrument. Und wenn’s gar nicht mehr anders ging, dann pfiff er noch die normalerweise vom Sax geblasene Melodie. Damit schaffte Arbenz eine fast magische Stimmung. Das Publikum folgte gebannt jeder Volte des enorm einfallsreichen Perkussionisten und spendete am Ende den verdienten langen Beifall. Nach der Zugabe verspürte auch der Letzte im Saal ein Gefühl des Erleichterung darüber, dass er endlich wieder ein richtiges Konzert erleben durfte" - KLAUS GREIF, Münchner Merkur

22.09.2020
25.09., 22.05 Uhr, NDR Info: OSCAR BROWN JR.

22.09.2020
Über das Solokonzert von FLORIAN ARBENZ in Germering: "Was Arbenz an differenzierter Sperrigkeit, intellektueller Herausforderung, aber auch an hingebungsvollem Raffinement bot, gehört einfach in die Rubrik perkussiver Extravaganz. Variantenreich schlägt und klopft, reibt und streichelt er sein umfangreiches Drum-Set, zu dem auch einige „neu erfundene Schlaginstrumente eines Freundes“ gehören, wie Arbenz zwischen den einzelnen Nummern erzählt. Bei ihm entwickeln sich die Stücke logisch, aus einer inneren Notwendigkeit heraus. Er gliedert den Puls, öffnet ihn, seziert ihn, um Rhythmen zu verdichten. Dann wieder bringt er Luft in diese improvisierten Kompositionen, lässt sie atmen und kommt damit dem menschlichen Herzschlag auf ganz besondere Weise näher. Impressionistische Zartheiten gehören ebenso zu seinen Ausdrucksmitteln wie kraftvolle Klanggewitter. So wurde es ein kurzweiliger Abend, voller Emotion und Intelligenz, mit reichlich Spiritualität, aber auch einer ordentlichen Portion Körperlichkeit. - JÖRG KONRAD, kultkomplott.de

22.09.2020
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG zum Konzert am 18.09.: "Just als TINEKE POSTMA im Flieger von Amsterdam nach München saß, um am Abend mit FLORIAN ARBENZ im Duo zu spielen, gab es eine neue Richtlinie: Alle Einreisenden aus den Niederlanden nach Deutschland müssen 1. bei ihrer Ankunft auf Covid 19 getestet werden und 2. so lange in Quarantäne, bis das Ergebnis des Tests vorliegt. Somit stand der Schweizer Schlagzeuger Florian Arbenz um 19.30 Uhr allein auf weiter Bühne des Orlandosaales der Stadthalle, während eine der besten europäischen Saxofonistinnen nur zweihundert Meter Luftlinie entfernt im Zimmer ihres Hotels festsaß."

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