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Kleine Stilkunde des Jazz (7)

Aus der Depression erhob sich der Jazz 1935 wie Phönix aus der Asche: Eine junge Generation erklärte den Jazz zum Swing und den Swing zur kultigen Tanzmusik. In riesigen Tanzpalästen wurde die Popkultur der Moderne geboren.

Swing
Die Popmusik des New Deal
(2006)

Von Hans-Jürgen Schaal

Ende der zwanziger Jahre war die Jazz-Mode in New York – zumal in Harlem – gewaltiger und populärer denn je. Doch alles änderte sich schlagartig nach dem 25. Oktober 1929, bekannt als Schwarzer Freitag. Mit der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit stürzte auch das Jazz-Business ins Bodenlose, viele Clubs mussten schließen, viele Musiker hatten keine Jobs mehr. Das amerikanische National-Einkommen sank von 1929 bis 1932 um die Hälfte. Die Schallplatten-Verkäufe gingen nicht – wie heute – um 20 oder 30 Prozent zurück, sondern um 94 Prozent; 1933 gab es in den USA nur noch drei Plattenlabels. Selbst Duke Ellingtons Engagement im Cotton Club endete 1931; zwei Jahre später ging er – wie Louis Armstrong, Coleman Hawkins und andere – notgedrungen nach Europa. Auch Fletcher Henderson war 1934 bankrott. Sidney Bechet eröffnete in Harlem eine Reinigung.

In diesen Jahren der Depression wurde Jazz zunehmend durch schmalzige, sentimentale Tanzorchester verdrängt, die so genannte Sweet Music spielten. Auch Benny Goodman, das ehemalige Wunderkind, dem viele eine große Karriere voraussagten, glaubte 1933 nicht mehr an eine Zukunft des Jazz. Immerhin durfte er in einer Radioshow bei NBC noch eine eigene Hot-Band leiten, für die er Fletcher Henderson als Arrangeur gewann. Als das Engagement zu Ende ging, versuchte es Goodman mit einer Band-Tournee – zunächst ziemlich erfolglos. Der Minusrekord war ein Konzert in Michigan mit 30 Besuchern. Doch was Goodman nicht wusste: Seine Radio-Nachtshow, in Kalifornien zur „Prime Time“ zu hören, hatte dort an der Westküste eine Menge junger Fans gewonnen. Das merkte er erst, als er beim Auftritt im Palomar Ballroom in Los Angeles die Sweet Music fahren ließ und wild losjazzte. Der 21. August 1935 markiert den Über-Nacht-Siegeszug des Swing.

Goodman, der „King of Swing“, hat diese Musik nicht erfunden. Die Charakteristika des Big-Band-Swing – verschränktes Satzspiel, anfeuernde Riffs, ekstatische Soli, komplexere Harmonik, Vokaleinlagen – hatten sich seit den zwanziger Jahren Schritt für Schritt entwickelt, etwa in den Bands von Fletcher Henderson, Count Basie, Jimmie Lunceford, Chick Webb, Cab Calloway, Ben Pollack oder im Casa Loma Orchestra – Formationen, die auch in den Depressions-Jahren weiterhin Jazz spielten. Das Big-Band-Format – drei Trompeten, zwei Posaunen, vier Holzbläser plus Rhythmusgruppe – war praktisch schon 1932 die Norm. Gleichzeitig war eine neue Leichtigkeit in der Rhythmusgruppe entstanden: Der gezupfte Kontrabass verdrängte in den frühen dreißiger Jahren die Tuba, und die Schlagzeuger markierten den Grundpuls nicht mehr mit Snare und Bassdrum, sondern mit Hi-Hat und Becken. Das ermöglichte den sprichwörtlichen „swing“ des Swing: diese schwer zu definierende rhythmische Qualität, die auf gleichmäßig akzentuierten vier Beats, einer triolischen Auffassung der Achtelnoten und einer synkopierten Melodiegestaltung beruht.

Benny Goodmans Verdienst war es, den Big-Band-Jazz seiner Zeit mithilfe der besten Arrangeure perfektioniert zu haben. Sein Orchester funktionierte reibungslos wie eine komplizierte Hochleistungs-Maschine, und die Solisten – der Trompeter Harry James, der Schlagzeuger Gene Krupa oder Goodman selbst an der Klarinette – sorgten für virtuose Funkenflüge. 1937 gastierte Goodmans Band drei Wochen lang im Paramount Theatre in New York, gab dort täglich fünf Auftritte hintereinander, spielte nachts außerdem im Madhattan Room im Pennsylvania Hotel und machte obendrein Plattenaufnahmen und Radioshows. Am 16. Januar 1938 eroberte Goodman mit einem legendären Konzert die Carnegie Hall. In derselben Nacht kam es im Savoy Ballroom in Harlem, dem größten Tanzsaal der Welt, zur Band-Battle zwischen Count Basie und Chick Webb. Ein Swing-Festival in Chicago lockte im gleichen Jahr 100.000 Besucher an. Auch die Klavier-Variante des Swing, der Boogie-Woogie, wurde in der Carnegie Hall geehrt und löste damals die Gründung der Plattenfirma Blue Note aus.

Der Erfolg des Swing war ohne Beispiel: Innerhalb von fünf Jahren wurden in den USA Hunderte von Swingbands gegründet, darunter die von Tommy Dorsey, Jimmy Dorsey, Charlie Barnet, Bob Crosby, Woody Herman oder Artie Shaw. Goodmans „Sing Sing Sing“, Basies „One O’Clock Jump“, Ellingtons „Take The A-Train“, Webbs „Swingin’ At The Savoy“, Calloways „Minnie The Moocher“, Millers „In The Mood“ oder Shaws „Begin The Beguine“ wuchsen zu Millionen-Hits. Die Plattenumsätze in den USA stiegen von 1932 bis 1936 auf etwa das Siebenfache und verdoppelten sich bis 1939 noch einmal. Gewaltige Tanzpaläste für Tausende von Besuchern schossen aus dem Boden. Die Swing-Musiker waren so populär wie Hollywood-Stars.

Jazzkritiker indes taten sich schwer, die Swing-Hysterie zu erklären. Neu am Swing war für sie eigentlich nur eines: Eine Generation von tanzwütigen Jugendlichen hatte diese Musik als die ihre entdeckt. Swing war die erste Jugend- und Massen- und Pop-Kultur der Geschichte. Sie brachte ihre eigene Sprache (den Hepster-Slang), ihre eigene Mode (Zoot Suits, Bobby Socks) und ihre eigene Tanzkultur mit sich. Der eigentliche Swing-Tanz, hervorgegangen aus Charleston und Two-Step, war schon in den zwanziger Jahren in Harlem entstanden. Nach Lindberghs Atlantikflug 1927 erhielt er den Namen Lindy Hop, hieß dann Jitterbug und sollte später zum Rock’n’Roll werden. Sein besonderer Clou ist der Swingout: das Loslassen des Partners, so dass beide Tänzer eine Solo-Einlage improvisieren, etwa die Suzy Q. oder den Shorty George. Gut möglich, dass der Swing seinen Namen nicht vom Jazzrhythmus, sondern von dieser Tanzfigur hat. Die Truppe „Whitey’s Lindy-Hoppers“ waren die Trendsetter des Swing-Tanzens: Sie entwickelten Ensemble-Choreografien, brachten den Lindy-Hop 1935 erstmals in einen Profi-Tanzwettbewerb und machten Hollywood-Filme. Frankie Manning, der bekannteste Tänzer der Truppe, erfand 1936 den Aerial: den Saltowurf.

Der Swing wurde ein enormer Wirtschaftsfaktor im Zuge von Amerikas ökonomischem Aufschwung. Bis zu 40.000 Profimusiker lebten vom Swing, allein 100.000 Arbeitsplätze bot das Geschäft mit den Jukeboxes. Vom „Swing Craze“ profitierten das Konzertbusiness, Tournee-Agenturen, die Hotels, die Kinos, die Hollywood-Produktionen, das Radio, die Werbung, die Bekleidungsindustrie, die Instrumente-Hersteller. In der Radio-Promotion wurden Verbraucheranalysen und modernste Markttechniken eingesetzt. Image und Erfolg des Swing symbolisierten geradezu die Politik des „New Deal“: jugendlichen Optimismus, perfekte Organisation, technischen Fortschritt, liberale Demokratie, amerikanische Identität, Konsumfreude, die Emanzipation der Frau und (bis zu einem gewissen Grad) die Rassen-Integration. Natürlich rief eine solche Massenbewegung auch Kritiker auf den Plan: Man warnte vor der „hypnotischen Wirkung“ schneller Tempi, vor dem Verlust der Moral und einer drohenden Maschinenkultur. Sogar mit der Hitler-Bewegung in Deutschland wurde die Massenhysterie des Swing verglichen.

Dann kam der Zweite Weltkrieg und erschütterte die wirtschaftlichen Grundlagen des Swing ein ums andere Mal. Die Vergnügungssteuer wurde kräftig erhöht und machte den Veranstaltern Probleme. Benzin, Öl und Reifen wurden rationiert und erschwerten Band-Tourneen. Viele Musiker wurden zum Armeedienst eingezogen. Zeitweise wurde die Herstellung der Jukeboxes gestoppt, was die Schallplatten-Produktion reduzierte. ASCAP-Repertoire wurde 1941 aus den Radio-Programmen verbannt, weil die Verwertungsgesellschaft Tantiemen einforderte. Instrumental-Aufnahmen waren nicht mehr erlaubt, als 1942 der Recording Ban der Musikergewerkschaft in Kraft trat. Sukzessive verwandelte sich die liberale Jugendmusik Swing zu einem konservativen Symbol amerikanischer Kriegsethik. Glenn Miller schuf sentimentale Preziosen und musizierte schließlich in der Armee. Swing war fast nur noch auf den V-Discs für die Soldaten zu hören – als Soundtrack zu Amerikas militärischer Überlegenheit. Als der Krieg zu Ende war, starb die Swing-Mode so plötzlich, wie sie 10 Jahre vorher geboren wurde. Allein im Jahr 1945 lösten ihre Orchester auf: Les Brown, Gene Krupa, Jack Teagarden, Tommy Dorsey, Jimmy Dorsey, Harry James, Woody Herman, Benny Goodman.

© 2006, 2010 Hans-Jürgen Schaal


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