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Im heißen Buchherbst 2003 purzeln die Jazzbücher nur so aus den Toren der Verlagsdruckereien und drängen wie von selbst auf den weihnachtlichen Gabentisch. Zwei Trends zeichnen sich ab: Der eine geht zur Neuauflage unverzichtbarer Standardwerke, der andere will jenes Gut feiern, das uns das höchste ist: die Freiheit.

Urknall der Freiheit
Immer wieder: Bücher über Jazz
(2003)

Von Hans-Jürgen Schaal

Free (1). Je öfter man uns weismachen will, dass gepiepster und geträllerter Singer-Songwriter-Pop jetzt auch Jazz sei, desto attraktiver erscheint uns wieder das Echte: der fundamentale, wagemutige, visionäre, unbedingte, freie Jazz-Jazz. Mit den Wurzeln des historischen Free Jazz beschäftigt sich die Habilitationsschrift von Jürgen Arndt, Thelonious Monk und der Free Jazz. Die These, dass Monk der wahre Pate des freien Jazz sei, ist im Grunde älter als der Begriff „Free Jazz“ selbst. Was an ihr dran ist, untersucht Arndt mit exakter Geduld und findet Monks Spuren bei John Coltrane, Cecil Taylor oder Misha Mengelberg gleichermaßen. Weil er alles zusammenträgt, was ihn in die richtige Richtung führen könnte, gerät das Buch zeitweilig allerdings etwas zitatlastig (bei akademischen Schriften leider die Regel). Dafür präsentiert Arndt in den Kompositions-Analysen souveräne Deutungen: Wem das Musiktheoretische nicht zu viel wird, der findet gerade hier die fettesten Perlen des Buches. Ein Meilenstein der Jazzforschung. Aus diametral entgegengesetzter Richtung nähert sich Felix Klopotek dem Free Jazz. Ihm geht es in How They Do It nicht um die Ursprünge, sondern um das Triebleben der musikalischen Freiheit, nicht um die analytische, sondern die poetische Theorie. In seinen Texten, die so ähnlich schon in „Spex“ oder „Jazzthetik“ zu lesen waren, schlägt er als echter Fan den Bogen von Cecil Taylor bis zum Tied + Tickled Trio. Den Akademismus hat Klopotek jedenfalls hinter sich gelassen und verblüfft stattdessen mit Sätzen wie „Im Rauschen des Gitarrenverstärkers klingt der Urknall nach.“ Faszinierend.

Free (2). Auch Charles Mingus hat irgendwie mit Free Jazz zu tun, so sehr er über diesen schimpfte. Seine tapfere Witwe Sue Graham Mingus kämpft noch heute für die Sache ihres Mannes, fördert neue Aufnahmen seiner Musik und geht gegen Bootlegger vor. Tonight At Noon hieß das von ihr produzierte Album der Mingus Big Band im letzten Jahr, und genauso heißt das Buch zur CD: Sue Mingus’ Geschichte ihrer Beziehung zu Charles dem Großen. Es ist ein anrührender Text, der mit der schwierigen Annäherung zwischen der bürgerlichen weißen Schauspielerin und dem unangepassten schwarzen Musiker beginnt und in der zweiten Hälfte ein Buch vom Sterben wird. Nur scheinbar wird hier kunstlos erzählt: Die literarischen Vor- und Rückblendtechniken machen diese einzigartige Liebesgeschichte fast zum Roman. Auf jeden Fall hört man Mingus anders danach – menschlicher. Auch über Mingus’ zeitweiligen Weggefährten Eric Dolphy kann man jetzt Neues erfahren. Der ehemalige Polizist Reinhold Wendt leitete die Ermittlungen, trug Zeitungsberichte, Dokumente, Fotos und andere Beweisstücke zusammen und rekonstruierte Dolphys Erdenweg in kriminalistischer Kleinarbeit. Seine geheftete Lebenschronik Die Freiheit der Klänge, die bislang umfangreichste Publikation über den Multi-Instrumentalisten, empfiehlt sich als willkommene Materialsammlung für die längst überfällige große Dolphy-Biografie.

Gemischtwaren. Wann starten Sie Ihre Jazzkarriere? Ein ganz hervorragendes, neuartiges Musiker-Lehrbuch ist Frank Sikoras Neue Jazz-Harmonielehre, die mit Versteh-, Hör- und Spielübungen, 2 beigelegten CDs sowie Jazz-Anekdoten viele Brücken in die Praxis baut. Hier erfahren Sie nicht nur alles über Septakkorderweiterungen und nicht-alterierte Moll-Dominanten, Sie können es auch begreifen! Für Piano-Fans präsentiert Carsten Dürer, der Herausgeber der Zeitschrift „Piano News“, eine hübsche Anthologie. Aus 34 Ausgaben seines Magazins hat er 54 Gespräche mit Jazz-Pianisten zusammengestellt, überwiegend Interviews mit zeitgenössischen Tastenswingern. Das Angebot reicht von Duke Ellington bis Brad Mehldau, von der Free-Architektin Marilyn Crispell bis zum Boogie-Löwen Vince Weber. Wussten Sie übrigens, wen die Hamburger Swingfans 1950 für den besten deutschen Jazzpianisten hielten? Es war Fritz Schulz-Reichel. Dies und tausend andere seltsame Dinge verrät der mehr als 500 Seiten starke, großformatige Band über den Anglo-German Swing Club, eine Hamburgisch-britische Jazz-Institution der Nachkriegszeit. Die Dokumente aus den Jahren 1945 bis 1952 umfassen Clubzeitungen, Referate, Korrespondenz, alles einst fein säuberlich auf der Schreibmaschine getippt. Da lernt man, was Fan-Sein heißt. (Wichtige Ergänzung: Über die Anfänge der Hamburger Swing-Kultur in den Jahren der Nazi-Diktatur informiert der ultimative Aufsatzband Getanzte Freiheit. Lesenswert.)

Neuausgaben. Das 21. Jahrhundert sichtet die Klassiker und rettet alles Gute in die Zukunft. Zum Beispiel Ekkehard Josts Sozialgeschichte des Jazz von 1982, die der Autor um ein aktuelles Kapitel über die letzten 20 Jahre bereichert hat. Darin geht es um Marsalis und Zorn, Reaganism, M-Base, Knitting Factory, den Festival-Boom und natürlich auch den Einfluss der Majors. Schon im Vorwort stellt Jost die Frage, ob es eine Weiterentwicklung des Jazz überhaupt noch gibt oder nur noch marktgesteuerte Trends. Ein Muss. Nach vielen Jahren wieder auf Deutsch erhältlich ist Charles Mingus’ Beneath The Underdog, ein Buch, bei dem sich literarische und jazzhistorische Bedeutung die Waage halten. Nichts an Gültigkeit verloren hat Amiri Barakas Blues People, obwohl es 1963 endet. Selten wurde deutlicher gezeigt, dass Jazz die eigentliche Sprache der afrikanischen Diaspora ist, „dass die Musik die Geschichte erklärt wie die Geschichte die Musik“. Noch tiefer in die Sozialphilosophie gräbt Die Seelen der Schwarzen von W.E.B. Du Bois, ein Klassiker der afroamerikanischen Selbstfindung aus einer Zeit, als der Jazz erst erwachte. Dass das Buch 100 Jahre lang nicht auf Deutsch vorlag, ist natürlich ein Skandal.

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Jürgen Arndt: Thelonious Monk und der Free Jazz, ADEVA, Graz 2002
Felix Klopotek: How They Do It. Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik, Ventil Verlag, Mainz 2002
Sue Graham Mingus: Tonight at Noon. Eine Liebesgeschichte, Edition Nautilus, Hamburg 2003
Reinhold Wendt: Eric A. Dolphy. Die Freiheit der Klänge, ohne Verlag, Bezug: Tel. 089-1501409
Frank Sikora: Neue Jazz-Harmonielehre, Schott, Mainz 2003
Carsten Dürer (Hrsg.): Gespräche mit Jazz-Pianisten. 54 Interviews und Porträts, Staccato-Verlag, Düsseldorf 2003
Ansin, Dröscher, Foth, Klußmeier (Hrsg.): Anglo-German Swing Club, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2003
Barber-Kersovan, Uhlmann (Hrsg.): Getanzte Freiheit, Dölling und Galitz Verlag, Hamburg 2002
Ekkehard Jost: Sozialgeschichte des Jazz, Zweitausendeins, Frankfurt 2003
Charles Mingus: Beneath The Underdog, Edition Nautilus, Hamburg 2003 (2., erweiterte Auflage)
Amiri Baraka: Blues People. Von der Sklavenmusik zum Bebop, orange-press, Freiburg 2003
W.E.B. Du Bois: Die Seelen der Schwarzen, orange-press, Freiburg 2003

© 2003, 2010 Hans-Jürgen Schaal


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