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Zurückd'accord (5)

Art Van Damme
Keep Going
(2009)

Von Hans-Jürgen Schaal

Sein Name klingt flämisch, geboren wurde er in einem kleinen Ort namens Norway, aber nach Europa kam er erst mit fast 47 Jahren – um für ein deutsches Label eine Jazzplatte zu machen. Es war der Beginn einer zweiten Karriere: Seitdem nämlich hat der US-Amerikaner Art Van Damme wohl an die 40 Europareisen unternommen, natürlich immer mit seinem Akkordeon, einem Excelsior. „Das erste Akkordeon, das man mir kaufte, 1937, war ein Excelsior, und ich spielte es bis 1945“, erzählt er. „Als die Leute von Excelsior in New York sahen, dass ich beim NBC eines ihrer Instrumente spielte, boten sie mir einen Vertrag an und bauten mir ein Modell mit erweiterter Tastatur. Ich habe fast mein ganzes Leben dasselbe Fabrikat benutzt.“

Er habe immer viel Glück gehabt, sagt der heute 89-jährige Art Van Damme. Zum Beispiel, als er als Akkordeon-Anfänger mit 9 Jahren zu Hause in Michigan gleich einen guten Lehrer fand, Heinz Caviani, und schon mit 12 professionell auftreten und in der Depressionszeit auf Konzertreise gehen konnte. Dabei lernte er manchen Akkordeon-Liebhaber kennen und konnte daraufhin sogar seinem Vater einen Hausmeister-Job in Chicago vermitteln. Die Familie zog also 1934 in die Windy City, Art bekam fortan klassischen Musikunterricht und spielte weiterhin in Clubs und auf Familienfesten. „Ich habe immer noch ein schwarzes Büchlein aus dem Jahr 1937, in dem ich meine Einkünfte eintrug – zum Beispiel vier Dollar für eine Hochzeitsfeier. Mit solchen Jobs finanzierte ich mein erstes eigenes Akkordeon.“

Dann kam der Jazz, genauer gesagt: der Swing, noch genauer: Benny Goodman. Schon als Teenager gründete Art ein Jazztrio zusammen mit einem Saxofonisten und einem Drummer, versuchte sich auch selbst auf der Klarinette und begann, Benny Goodmans Soli auf dem Akkordeon nachzuspielen. „Ich habe Jazz nirgendwo sonst gelernt; ich hörte Jazzplatten und übte mit dem Trio.“ Die Besetzungen wechselten: Mal spielte er mit Gitarre und Bass, mal mit Vibrafon und Bass oder auch mit einem zweiten Akkordeonisten in der Band. Schließlich wurde daraus ein Quintett: Arts Akkordeon plus Vibrafon, Gitarre, Bass und Drums. Elegant arrangierter Kammer-Jazz mit Anklängen an Benny Goodman und George Shearing. „Ich hatte das Gefühl, dass dies jetzt der richtige Sound war.“

Dieses Gefühl hatten auch die Mitarbeiter des Chicagoer Radio- und TV-Senders NBC, die das Quintett 1945 im Sherman Hotel hörten und der Band einen festen Vertrag anboten – auch hier half das Glück nach. Die viertelstündige „Art Van Damme Show“ brachte es auf 130 Folgen im NBC-Radio. Das Quintett begleitete im Sender außerdem große Jazzsolisten wie Ella Fitzgerald, Peggy Lee und Dizzy Gillespie und trat in der „Tonight Show“ und in vielen anderen populären Programmen auf. Fünfzehn Jahre hielt der Job bei NBC, dann folgten noch fünf Jahre beim Konkurrenten CBS. Art Van Damme konnte sich ein gutbürgerliches Leben in einem ruhigen Vorort leisten, hatte Frau und drei Kinder und ging gern auf den Golfplatz.

Aber das war nicht alles. Sein Quintett tingelte nebenher weiterhin durch die Clubs, machte Konzerte und Schallplatten – die erste 1944 für Musicraft, die nächsten für Capitol. Der Akkordeonist hatte über all die Jahre so viel Spielpraxis, dass er gar nicht mehr üben musste. Schon 1952 war der Stil und Klang des Quintetts sprichwörtlich und gab der ersten Platte für Columbia, Amerikas Label Nummer eins, ihren Namen: „The Van Damme Sound“. Etwa ein Dutzend weiterer Columbia-Platten folgten bis 1965: Jazz an der Grenze zum Easy Listening, Cocktailmusik mit Niveau – Art Van Damme nannte es „Pop-Jazz“. Doch jedem Jazzkenner war bewusst, dass das Akkordeon niemals swingender gespielt wurde. Art Van Damme war der „King of the Accordion“ und auch ein Jazzstar in Japan. Von 1952 bis 1961, zehnmal hintereinander, belegte er in der Leserumfrage des Jazzmagazins Down Beat den ersten Platz bei den Akkordeonisten. Dann wurde diese Kategorie abgeschafft – der Jazztrend orientierte sich anders.

Jetzt kommt der Schwarzwald ins Spiel. Das Villinger Jazzlabel MPS hatte eigentlich als eine Art Klangtest-Reihe der Elektronik-Firma SABA begonnen. Hans Georg Brunner-Schwer, der SABA-Chef, liebte vor allem das Klavier, aber durchaus auch das Akkordeon; so lernte er eines Tages Willi Fruth kennen, einen professionellen Akkordeonisten, und machte ihn zu seinem Aufnahmeleiter. Natürlich waren beide auch Fans von Art Van Damme, von dem lange Zeit keine Platte mehr in Deutschland erschienen war. 1965 suchten sie den Kontakt zum König des Jazz-Akkordeons und nahmen 1966 in San Francisco eine erste Platte mit ihm auf. Doch die Arbeit im fremden Studio war nicht ihre Sache: Ein Jahr später holten sie Art Van Damme erstmals nach Europa, um in Villingen mit ihm aufzunehmen. Von da an kam er jedes Jahr. 16 Platten machte er für MPS.

„Art Van Damme beweist, dass das Akkordeon für anderes prädestiniert ist als für Folklore“, sagt Willi Fruth und nennt ihn „einen der wichtigsten Pfadfinder für das Jazzakkordeon“. Fruth vergleicht Van Dammes phänomenale Spieltechnik sogar mit der Fingerfertigkeit des Ausnahmepianisten Oscar Peterson: „Aber Arts Technik ruht nicht nur in seinen Fingern, sondern ebenso in seinen Armen. Denn das richtige ‚Atmen’ bringt die sonst tote Tastatur erst zum Leben.“ Art Van Damme hat die Funktionstechnik des Akkordeons eher kritisch beschrieben: „Ein Pianist hat die Freiheit, die Hand zu benutzen, die er gerade möchte – aber nicht der Akkordeonist. Der Blasebalg ist die Quelle für beide Tastaturen – und ich habe das Gefühl, dass das ein grundlegendes Problem für das Jazzspiel darstellt. Es gibt daher auch nicht besonders viele wirklich gute Jazz-Akkordeonisten.“

Im MPS-Studio erwies sich der „Oscar Peterson des Akkordeons“ als ruhiger, bescheidener Zeitgenosse, der immer genau weiß, was er will. Ein Perfektionist, der nicht müde wird, seine Mitspieler aufzumuntern und sie um Verzeihung für seine eigenen „Fehler“ zu bitten. Unaufgeregt, professionell. Von einem wich Art Van Damme allerdings nie ab: vom Sound seines Instruments – er benutzt immer dasselbe Register – und vom Sound seiner Band. „Ich wurde nicht allein für das Akkordeon bekannt“, sagt er, „sondern für einen Sound: Akkordeon, Gitarre, Vibrafon. Wir verkaufen einen Sound – das ist der Unterschied.“ Weil die Arrangements des Quintetts komplex und delikat sind, bestand Van Damme darauf, wenigstens mit seinem Stamm-Gitarristen aus den USA anzureisen. Den Rest des Studio-Quintetts – die Männer für Vibrafon, Bass und Drums – holte das Label aus Deutschland und der Schweiz. Ein halbes Dutzend Platten entstanden in dieser Besetzung. Gepflegt arrangierter Easy-Listening-Swing mit virtuosen Details zum Zungeschnalzen.

Art Van Dammes nächste MPS-Aufnahme sollte im Juni 1970 stattfinden – und der Akkordeonist überraschte das Label mit der Ankündigung, er wolle diesmal einen anderen Gitarristen mitbringen: Joe Pass. Der aber war kein Swing-Jazzer wie seine Vorgänger, sondern ein moderner Jazzsolist, der meistgefeierte Gitarren-Newcomer der Sechzigerjahre. Also beschloss man in Villingen, auch den Rest des Quintetts stilistisch zu verjüngen – nur der Vibrafonspieler blieb. Van Damme erinnert sich: „Das war eine verlockende Aussicht, einige meiner älteren Quintett-Arrangements mit Musikern zu spielen, die eine neue und ziemlich moderne Solo-Auffassung haben.“ Bassist Eberhard Weber war damals vor allem als Avantgardist bekannt. Drummer Kenny Clare glänzte regelmäßig in der modernen Bigband von Kenny Clarke und Francy Boland. Erwartungsgemäß wurde das Album „Keep Going“ Art Van Dammes modernste, virtuoseste, heißeste Jazzplatte.

Das Akkordeon spielt hier viele Jazzrollen: sozusagen Klarinette in den Soli, Klavier in der Begleitung, Bläsersatz in den Themen. Van Damme verblüfft mit lichtschnellen Breaks, in den Chorussen jagen sich gewitzte Portamenti, erweiterte Tremoli, leichtfüßige Sequenzierungen und treffsichere kleine Dissonanzen. Manchmal improvisiert er lange, flatternde Läufe in 32stel-Noten, dann wieder soliert er mit scheinbaren Atempausen wie ein Bläser. Die Arrangements sind wie gewohnt fein ausgearbeitet – mit Nebenmotiven und kleinen Ostinati und fesselnden Rollenwechseln zwischen den drei Melodie-Instrumenten. Aus Jazz-Standards wie „I Want To Be Happy“ und „The Man I Love“ werden rasante Riff-Tunes im Stil des Benny-Goodman-Sextetts, aber auch die langsamen Balladen kommen als originell arrangierte kleine Kunstwerke daher. Art Van Damme beschrieb die jazzvirtuose Ausrichtung der Platte bescheiden als „kleine Sound-Veränderungen und einen gewissen ‚change of feel’.“ Aber stolz war er doch.


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