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Bei ihm wusste auch die Fachzeitschrift „Modern Drummer“ nicht mehr weiter und beschrieb sein Spiel wie einen Zaubertrick: „Das ist unmöglich, niemand kann das machen, niemand kann machen, was er macht – und doch weißt du: Er hat es gemacht!“

Buddy Rich
Krake mit acht Armen
(2008)

Von Hans-Jürgen Schaal

Buddy Rich war ein echtes Kind der Showbühne: Schon mit 18 Monaten trommelte er im Varieté-Programm seiner Eltern, Robert und Bess Rich. Als „Traps, the Drum Wonder“ hatte er bereits mit vier Jahren seinen eigenen Act, in dem er Schlagzeug spielte und stepptanzte, trat am Broadway auf, tourte mit sechs Jahren durch Australien und leitete mit elf eine Band, in der er auch sang. „Traps“ war der am zweithöchsten bezahlte Kinderstar seiner Zeit. Nur Jackie Coogan, Charlie Chaplins kleiner Filmpartner, soll in den Zwanzigern noch besser verdient haben.

Das Trommeln war Buddy Richs zweite, wenn nicht erste Natur: Er wurde praktisch als Drummer geboren. Bernard („Buddy“) war kaum ein Jahr alt, als seinem Vater auffiel, dass der Kleine schon einen Rhythmus halten konnte. Er sollte in seinem ganzen Leben nie eine Stunde Schlagzeugunterricht nehmen und hat angeblich auch nie geübt. Nicht durchs Üben, nur durch Praxis könne man lernen, meinte er: „Solange du nicht mit einer Band spielst, lernst du keine Technik, entwickelst du keinen Geschmack, lernst du nicht das Zusammenspiel. Ich kenne Lehrer, die ihren Studenten vier Stunden Üben am Tag verordnen. Oder acht Stunden. Aber wenn du nicht in einer Stunde erreichst, was du erreichen willst, dann schaffst du’s auch in vier Tagen nicht. Ich habe nie geübt, weil ich vor lauter Arbeit keine Gelegenheit dazu hatte. Ich habe von klein auf ständig Schlagzeug gespielt, und jetzt bin ich zu faul, um mich noch mit Üben zu beschäftigen. Ich muss Karate trainieren und mich um meine Autos kümmern.“

Der renommierte Schlagzeuglehrer Henry Adler, der 1942 zusammen mit Buddy Rich ein Lehrbuch veröffentlichte, reagierte erleichtert, als er erfuhr, dass Buddy nie Unterricht hatte. Adler konnte sich nämlich nicht vorstellen, wie er irgendeinem seiner Studenten jemals das beibringen sollte, was Buddy schon als Teenager konnte. „Ich begriff“, sagt Adler, „dass es etwas Physiologisches ist: dass du die Anlage haben musst.“ Buddy Rich war einfach ein außerordentliches Naturtalent, eine Klasse für sich – das mussten auch seine Kollegen anerkennen. Gene Krupa, der ihm menschlich und stilistisch nahestand, meinte nur: „Es gibt viele gute Drummer – und dann gibt es noch Buddy Rich.“ Auch Mel Lewis machte sich keine Illusionen: „Buddy besitzt etwas, das kein anderer Drummer jemals hatte oder haben wird. Ich weiß nicht, woher es kommt, und ich glaube, er weiß es auch nicht.“

Kein Wunder, dass „B“ von Kollegen, Hobby-Drummern oder schlicht Schlagzeug-Fans wie ein Weltwunder oder ein Gottesgeschenk verehrt wurde. Er galt und gilt bei vielen als der größte Schlagzeuger aller Zeiten: der Leonardo da Vinci des Schlagzeugs, der Paganini der Drums! Am meisten bewundert wurde wohl seine Geschwindigkeit, seine Schlagdichte, die völlige Unabhängigkeit aller vier Gliedmaßen voneinander. Der Drummer Bruce Gary erinnert sich, wie er als Kind Buddy Richs Musik entdeckte: „Ich konnte nicht glauben, wie schnell er spielen konnte! Wir ließen die Schallplatten langsamer ablaufen, um herauszubekommen, was zum Teufel er da machte.“ Sein Kollege Tony Crombie meinte mal: „Man bräuchte drei Schlagzeuger, um das zu bringen, was er macht. Er ist wie ein Oktopus, der das Schlagzeug umzingelt. Er spielt, als habe er mehr als vier Gliedmaßen.“

Aber auch im Detail lösten viele seiner Techniken und Stärken offene Bewunderung aus: seine unglaubliche linke Hand, seine Snare-Technik, sein Besenspiel, seine enormen dynamischen Bögen, seine gestalterische Fantasie im Solo oder seine vielen kleinen „Stick-Tricks“ aus der Varieté-Sphäre. Zum Beispiel spielte er gern mit den beiden Enden eines Sticks auf zwei verschiedenen Trommeln, beherrschte mit beiden Händen den einhändigen Roll, glänzte auch virtuos mit dem „match grip“ oder mit gekreuzten Armen.

Buddy Rich verkörperte das Nonplusultra der Schlagzeugtechnik. Viele virtuose Rock-, Metal- und Fusiondrummer haben ihn daher schon in ihrer Jugend vergöttert, etwa Kenny Aronoff, Dennis Chambers, Peter Erskine, Carl Palmer, Simon Phillips oder Dave Weckl. Die Jazzpolizei dagegen betrachtete ihn – wie seinen Kollegen Gene Krupa – häufig mit Misstrauen: Er sei zu laut, zu unsensibel, zu wenig swingend. Kenny Clarke meinte sogar: „Buddy ist ein Showman, kein Musiker.“ Doch auch unter den Vertretern der schwarzen, swingenden Drum-Kunst hatte er genug Anhänger. Max Roach spielte Drum-Duette mit ihm („Rich vs. Roach“) und schätzte ihn als Emanzipator des Schlagzeugs. Ed Thigpen nannte ihn „unglaublich, groß, fantastisch“, und selbst der kritische „Papa“ Jo Jones brummte wohlwollend: „Dieser verdammte Narr kennt sein Instrument.“

Mit 20 Jahren entdeckte Buddy Rich den Jazz, trommelte für den Klarinettisten Joe Marsala im Hickory House und wurde vom Goodman-Konkurrenten Artie Shaw entdeckt. Es war nicht zuletzt der Power des neuen Drummers zu verdanken, dass Shaws Band bald schon Goodman das Fürchten lehrte. Angeblich soll Shaw diese Band dann aufgelöst haben, weil Rich mehr Applaus erhielt als er selbst. Den dauerhaftesten Gig in der Swing-Ära hatte der Drummer in der Bigband von Tommy Dorsey, der er zwischen 1939 und 1955 immer wieder zwei, drei Jahre lang angehörte. Zwar galt Buddy als Dorseys Lieblingsdrummer, aber die beiden kamen nie allzu lange miteinander klar: Beide waren Perfektionisten und Hitzköpfe. Daher machte „B“ schon 1946 einen ersten Versuch, seine eigene Bigband zu starten; Frank Sinatra, sein Kollege bei Dorsey, lieh ihm dafür 40.000 Dollar. Wirklich erfolgreich war er mit der Idee einer eigenen Bigband allerdings erst 20 Jahre später.

Buddy Rich, das Wunderkind, der Trommelgott, strotzte stets vor Energie, Enthusiasmus und Selbstbewusstsein. Er war es gewohnt, immer der Beste zu sein, und hatte sich mit seinem Können von klein auf einen relativen Luxus erarbeitet. „B“ prahlte gerne mit schnellen Autos, teuren Klamotten und schönen Frauen. Er war auch in Hollywoodfilmen zu sehen, tourte rund um den Globus, besaß zwei Jazzclubs, trat häufig im Fernsehen auf, trommelte in der „Muppet Show“ gegen „The Animal“ und spielte vor drei US-Präsidenten und anderen Staatsoberhäuptern. Er genoss es, ein Star zu sein.

Als Bandleader gab sich „B“ höchst anspruchsvoll, allürenhaft und pedantisch. Bis zur ersten Aufführung seiner Erfolgsnummer „West Side Story Suite“ ließ er das Stück einen ganzen Monat lang proben. Für die Konzerte hatte er nie ein festes Programm, sondern forderte von den Musikern äußerste Flexibilität: „Es gibt der Band die Chance, frisch zu bleiben.“ „B“ erwartete von seinen Musikern – wie von sich selbst – immer hundert Prozent und konnte explodieren, wenn er enttäuscht wurde. Seine Wutanfälle und Schimpftiraden hinter der Bühne oder im Bandbus wurden sprichwörtlich. Unter Musikern kursieren bis heute heimliche Tonbandmitschnitte dieser unflätig-cholerischen, beleidigenden Ausbrüche, etwa das Kult gewordene „scream tape“ mit dem inflationär gebrauchten F***-Wort.

Auch außerhalb der Band war Buddy Rich für seine direkte, selbstbewusste, ungehemmte Art bekannt und zuweilen gefürchtet. Ein Journalist schrieb einmal: „Beim Interview mit Buddy Rich muss man das Unerwartete erwarten. Du kannst eine erstklassige Story kriegen oder auch überhaupt keine. Er ist ein sehr intensiver Mensch, kann einsilbig, einschüchternd, schneidend sein. Er hat einige sehr deutliche, vielleicht provokante Ansichten. Er sagt, was er denkt.“ In TV-Shows wurde er gerne eingeladen, denn er konnte sich mit dem Gastgeber so herrlich zanken, mit schrägem Humor. Er war schlagfertig und zuweilen arrogant. Auf die Journalisten-Frage, wie er sich auf einen Auftritt vorbereite, antwortete er einmal: „Ich nehme meine Hände aus den Hosentaschen.“ Was er absolut verachtete, waren Musikerkollegen, die nicht ihr Bestes gaben oder nur von anderen abkupferten.

Das Provozieren lag ihm einfach: Bei einem Konzert in einer Methodisten-Kapelle steckte er sich einmal herausfordernd eine Zigarette an und ermunterte laut die Band, „hier endlich die Hölle rauszublasen“. Seinen Freunden spielte er gelegentlich heftige Streiche, gegen die „Verstehen Sie Spaß?“ ein Kinderspiel ist. Terry Gibbs wurde von ihm bei einer Spazierfahrt mitten in der Wüste ausgesetzt und geriet total in Panik. Einmal plante „B“ sogar, den Sänger Mel Tormé von bewaffneten Männern scheinbar entführen zu lassen.

Aber es gibt auch eine andere Seite von Buddy Rich. Viele Fans und junge Kollegen berichten, dass er sich aufopferungsvoll um sie kümmerte, geduldig erklärte und Lob verteilte. Er mochte junge Musiker, die sich ernsthaft bemühten, und alle Kollegen, die etwas Eigenes beitrugen. Für die großen schwarzen Jazzmusiker – Charlie Parker, Lester Young, Coleman Hawkins – hatte er nur bewundernde Worte. Der Boshafte und der Gütige: In seinem bekannten Grinsen sah man sie beide.

© 2008, 2011 Hans-Jürgen Schaal


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