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Er war der Segovia des Jazz, der „Mr. Virtuoso“ unter den konventionellen Jazz-Gitarristen. Sein phänomenales Timing, sein sicherer Geschmack und seine unnachahmliche Technik machten jede Platte von Joe Pass zu einem Leckerbissen für Kopf und Herz. Hier sind fünf Beispiele.

Joe Pass
Die Eleganz des Virtuosen
(2004)

Von Hans-Jürgen Schaal

Joseph Anthony Jacobi Passalaqua wurde 1929 geboren – im gleichen Jahr wie Chet Baker und Bill Evans, die beide in den 50er-Jahren mit eigenen Platten zu Weltruhm aufstiegen. Der Durchbruch von Joe Pass ließ dagegen lange auf sich warten. Dabei war er alles andere als ein Spätstarter: Schon mit 14 arbeitete Pass als professioneller Gitarrist. Ein Foto aus jener Zeit (1943!) zeigt den Teenager im schmucken schwarzen Anzug mit Fliege, die Gitarre in Händen, den Verstärker am Boden, stolz aus dunklen Augen blickend, mit schwarzer Tolle über der Stirn und unschuldig abstehenden Ohren. Joe geriet sehr früh in die Szene und war für ihre Dummheiten daher besonders anfällig: Wie seine Jahrgangs-Genossen Baker und Evans wurde er schon in jungem Alter drogensüchtig. In den 50er-Jahren verbrachte er viel Zeit in Kliniken und Gefängnissen. Von 1961 bis 1964 unterzog er sich endlich dem Entzug im Synanon Center von Santa Monica, das den Lesern von Art Peppers Autobiografie „Straight Life“ bestens bekannt sein dürfte. Dort machte der Gitarrist 1961 seine erste Platte: eine Kooperation mit Mit-Patienten unter dem Titel „Sounds Of Synanon“. Ab 1963 entstanden auch Aufnahmen unter eigenem Namen – und prompt gewann Joe Pass noch im gleichen Jahr den Downbeat-Kritikerpoll in der Kategorie der Gitarristen-Newcomer.

Eine seiner frühesten Platten, 1964 in Hollywood für Pacific Jazz aufgenommen, hieß „For Django“. Dieser Titel war wie ein Ausrufezeichen, denn bis heute nimmt die amerikanische Szene Jazz-Entwicklungen auf anderen Kontinenten kaum und nur mit Widerwillen zur Kenntnis. Django Reinhardts kleiner Abstecher in die USA – 1946 auf Einladung von Duke Ellington – hatte sogar mit einem Fiasko geendet. Aber nun kam da plötzlich ein 35-jähriger Jazz-Gitarrist aus New Jersey daher, unüberhörbar geprägt von Charlie Christian, dem Erfinder der Bebop-Gitarre, und widmete seine Quartettplatte einem europäischen Gypsy-Swinger! Gleich vier Stücke von Reinhardt hat Pass im Programm: sein bekanntestes, „Nuages“ (das meine japanische CD-Reissue witzigerweise Claude Debussy zuschreibt), und drei fast unbekannte. Dazu ein paar Standards, die auch Reinhardt spielte, dann das Titelstück aus Pass’ eigener Feder und die berühmteste Hommage an Reinhardt, John Lewis’ Trauermarsch „Django“ – nur zehn kurze Nummern. Dass Joe Pass an Django anknüpfte und sich dabei wie dieser von einem akustischen Gitarristen begleiten ließ, macht auch für heutige Ohren noch Sinn. Denn was der Amerikaner damals und später zupfte, ist zwar Bop, aber mit Charme, virtuos und doch relaxt, groovig und doch melodisch gerundet. Moderne mit melancholischem Unterton. Der trockene, kurze Gitarrenton war bereits 1964 unverkennbar, aber besonders die Solo-Einleitungen lassen Pass’ spätere Entwicklung erahnen. Diese kleinen Wunderwerke aus Akkordfolgen, Bassnoten und schnellen Jazzläufen sollten einmal sein Markenzeichen werden.

Die 60er-Jahre waren eine harte Zeit für den Mainstream-Jazz. Die Free-Avantgarde teilte das Publikum, viele Clubs mussten schließen, auch renommierte Musiker hingen ihren Beruf an den Nagel. Schlechte Vorzeichen für ein Comeback. Pass, der vielseitige Gitarren-Virtuose, hielt sich in Hollywood mit Studiojobs über Wasser. Und er hatte die Verbindung zu Europa – durch seine sizilianischen Wurzeln, durch Django und durch das Interesse der Europäer an zeitlosen (oder anachronistischen) Jazz-Tugenden. Die Platte „Intercontinental“ verweist schon im Titel auf den Brückenschlag nach Europa: Dort, in Villingen im Schwarzwald, kümmerte sich der Saba-Erbe Hans Georg Brunner-Schwer um das Fortleben des Mainstream-Gedankens. Die MPS-Aufnahme von Juni 1970 ist das Eleganteste und Ausgeglichenste, was Pass bis dahin aufs Vinyl gebracht hatte: geschmackvolle Bossa Novas, gut abgehangene Swing-Nummern, natürlich ein Blues-Original und – als besondere Rarität – eine Komposition des MPS-Aufnahmeleiters Willi Fruth. Hier ist Joe Pass in seiner kompletten Kunstfertigkeit präsent: mit fast konzertanten Solo-Einleitungen, lichtschnellen Bebop-Läufen, warmem, erfindungsreichem Akkordspiel, harmonisierten Improvisations-Linien. Im Schlussstück, Neal Heftis „Lil’ Darlin’“ im Basie-Groove (slow midtempo), findet das alles zu einem satten, zufriedenen Ausklang. Kenny Clare, der zweite Trommler der Clarke-Boland-Big Band, zaubert durchgängig auf den Besen, und den braven Swingbass spielt kein anderer als Eberhard Weber, der damals vor allem für seine Avantgarde-Abenteuer mit Wolfgang Dauner bekannt war. Ein hübsches Kuriosum.

MPS war ein Symptom: Die triumphale Rückkehr des zeitlos swingenden Jazz ließ nicht mehr lange auf sich warten. Norman Granz, der Produzent und Impresario, der in den 50er-Jahren den Begriff des „Mainstream Jazz“ geprägt hatte, machte 1973 einen Neustart mit dem Label Pablo. Während sich die Jungen damals in Free Jazz und Fusion austobten, nahm er die großen Alten unter Vertrag: Duke Ellington, Oscar Peterson, Ella Fitzgerald, Count Basie, Dizzy Gillespie, Roy Eldridge, Milt Jackson – und einen, der neben diesen Meistern wie ein „Newcomer“ wirkte: Joe Pass. „Ich hatte das Glück, Joe 1973 live in Donte’s Club zu hören, und war überwältigt“, erinnerte sich Granz. „Als ich kurz danach Pablo gründete, wurde er einer meiner ersten Künstler.“ Granz’ Idee war es, Joe Pass in unbegleiteten Solo-Aufnahmen als eine Art „Segovia des Jazz“ oder „Art Tatum der Gitarre“ zu präsentieren. Sein erstes Album für Pablo, „Virtuoso“ vom Dezember 1973, war in der Tat eine kleine Sensation und katapultierte den Gitarristen an die Spitze der Polls, die er viele Jahre lang behaupten sollte. Mein Favorit unter Pass’ Soloaufnahmen ist „Virtuoso #3“ von 1977: Hier kann man sein Virtuosentum in Reinform studieren. Die Stücke, alle von Pass selbst geschrieben, sind abstrakte Gitarren-Etüden, was schon die Stücktitel verraten: „Offbeat“, „Sevenths“, „Ninths“, „Dissonance“ oder „Minor Detail“. Diese Platte definiert bis heute die Machbarkeits-Grenzen konventioneller Jazz-Gitarrentechnik. Weil man als Gitarrist niemals gleichzeitig Melodien improvisieren, Basslinien spielen und Akkorde anreißen kann, entwickelte Pass einen ganz eigenen Solostil, der Läufe, Bass und Harmonien in fast pianistischer Dichte vermischt. In Pass’ eigenen Worten: „Der Fluss der Musik ist auf alle Teile aufgeteilt.“

Wenn es einen Hausmusiker bei Pablo gab, dann war es der gemütlich aussehende Italo-Amerikaner mit der Glatze und dem Schnauzer. Joe Pass machte für das Label nicht nur rund 30 Platten unter eigenem Namen (meist solo oder mit Trio), sondern war in allen nur denkbaren Konstellationen als Sideman beteiligt. Er wirkte mit im Duke Ellington Quartet, im Ella Fitzgerald Quintet, im Benny Carter Sextet und in einer riesigen Zahl von schlagzeuglosen Duo- und Triobesetzungen – mit Oscar Peterson, Herb Ellis, Milt Jackson, Ray Brown, Zoot Sims, Jimmy Rowles, Toots Thielemans, Niels-Henning Ørsted-Pedersen und anderen. Eine besondere Schwäche habe ich für seine Aufnahmen im Quartett „Quadrant“ und für seine Duo-Platten mit Ella Fitzgerald, die eine ganz eigene, nie wieder angetroffene Song-Sensibilität besitzen. Ein musikalisch gleichwertiger Partner war Pass 1983 auf „We’ll Be Together Again“ in zehn unbegleiteten Duetten mit dem Weltmeister der Jazz-Posaunisten, J.J. Johnson. Eine in der Tat ungewöhnliche Instrumental-Paarung – aber im Ergebnis so überzeugend, dass der Liner-notes-Schreiber Benny Green befand, man könne Joe Pass wohl letztlich mit allem kombinieren, ob Glockenspiel, Sousaphon oder Ophikleide. Durch seinen eigenwilligen Begleitstil, in dem Takthalten, Verzierung, Riff und Akkordphrase ständig ineinander übergehen, hält Pass immer die Spannung aufrecht und degradiert sich selbst nie zum Rhythmusknecht. In seinen Einleitungen und Soloteilen lässt er die Läufe strahlend perlen, und auch J.J. Johnson nutzt den ungewohnten Freiraum für einige der schönsten, präzisesten, intelligentesten Chorusse seines Posaunistenlebens.

Am Ende schloss sich der Kreis. 25 Jahre nach „For Django“ hat Joe Pass sein Quartett von 1964 in unveränderter Besetzung wieder zusammengebracht: mit John Pisano an der akustischen Rhythmusgitarre, Jim Hughart am Bass und Colin Bailey am Schlagzeug. Das alte Hot-Club-Feeling ist also wieder da, und passenderweise wurde das erste Album im wieder vereinten Quartett ein Tribut an Django Reinhardt: „Summer Night“ von 1989 enthält in der Vinyl-Version erneut vier Django-Originals. Doch damit nicht genug! Joe Pass, seit vielen Jahren unverkennbar durch seinen trockenen E-Gitarrenton und seine technischen Gratwanderungen, spielt hier – wie Django selig – fast nur die akustische Gitarre und verzichtet weitgehend auf konzertante Einlagen. Der Mann, dem seine Kritiker hin und wieder vorwarfen, er scheue neue Herausforderungen, mutiert unvermutet zum Naturton-Gitarristen, zupft auf der Akustischen erdige Grooves, melancholische Melodien, swingende Virtuosenstückchen, harte Uptempo-Linien, chromatische Delikatessen. Auch wenn er früher schon hin und wieder ohne Verstärker zu hören war: So befreit wie hier konnte Joe Pass dabei nie aufspielen. Die dynamischen Möglichkeiten der akustischen Gitarre eröffnen plötzlich auch Facetten seines Spiels, die man eigentlich nie vermisst hatte, aber nun staunend zum Geschenk erhält: eine ganze Ausdruckswelt der Tongebung von pastellener Weichheit bis zu rotziger Attacke. Danke, Joe.

© 2004, 2011 Hans-Jürgen Schaal


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