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Unaufdringlich revolutionierte er das Schlagzeugspiel: Jo Jones war es, der den Jazzbeat von der Basstrommel auf die Hi-Hat verlegte und damit der Musik Raum und Atem schenkte. Das war circa 1934 in Kansas City.

LEGENDEN (1)

Leicht wie der Wind
„Papa“ Jo Jones (1911-1985)
(2005)

Von Hans-Jürgen Schaal

Jonathan David Samuel Jones – so sein voller Name – war nicht einfach Schlagzeuger, er war Musiker. Klavier, Saxofon und Trompete hatte er gründlich gelernt, aber auch an Vibrafon, Hammondorgel und als Sänger konnte er sich hören lassen. In jungen Jahren reiste er mit fahrenden Karnevalshows und trat häufig als Steptänzer auf, und wer ihn später am Drumset erleben durfte, spürte deutlich sein tänzerisches Temperament und sein Bühnenfeuer. Die alten Tapdance-Schuhe trug Jo Jones bis zu seinem Lebensende wie einen Talisman mit sich herum und zog sie immer an, wenn er am Schlagzeug saß: Sie waren Teil seines Equipments. Als sie mal in einem Club versehentlich im Müll verschwanden, weigerte er sich aufzutreten. Der verzweifelte Clubbesitzer musste mit einem ganzen Team von Helfern die städtische Müllhalde durchkämmen, bis er Jos alte, vergammelte Latschen wieder gefunden hatte.

Schon als Teenager wurde Jo Jones Mitglied bei Walter Pages „Blue Devils“, die in Oklahoma City residierten. Bis ins Alter nannte er den Bandleader seinen „musikalischen Vater“ und die Blue Devils „die beste Band, die ich je im Leben gehört habe“. Alles Entscheidende wollte er, der Drummer, von Walter Page, dem Bassisten, gelernt haben: „Zwei Jahre lang erklärte er mir, wie ich phrasieren müsste. Er brachte mir bei, was man alles mit dem Rhythmus machen kann, indem man an unerwarteten Stellen plötzlich kräftige Akzente setzt.“ Walter Page, bekannt für seinen leichten, heiteren Walking-Bass, wusste am besten, was der Jazz der Zukunft brauchte: einfühlsame, mitdenkende Schlagzeuger. Das Gedonnere auf der Basstrommel, ein Erbe der Freiluft-Brassbands von New Orleans, war längst nicht mehr zeitgemäß. Zum gezupften Kontrabass gehörte ein anderes Schlagzeugspiel als zu Tuba und Sousaphon.

Geboren wurde Jo Jones in Chicago, aufgewachsen ist er in Alabama, aber seine musikalische Sozialisation erhielt er in Kansas City. Die alte Cowboystadt im Mittleren Westen war in den 1930er Jahren ein besonderer Ort mit einem besonderen Ruf. Unterm Schutz einer politischen Mafia blühte dort das Nachtleben – ganz ähnlich wie im Chicago Al Capones. KayCee war eine sündige Oase mitten im Land der Depression. Der Whisky floss in Strömen, Korruption und illegales Glücksspiel gediehen, die Dollars zirkulierten fiebrig und die Jazzszene vibrierte rund um die Uhr. „In Kansas City konntest du 24 Stunden am Tag Live-Musik hören“, erinnerte sich Jo Jones. „Praktisch jede kleine Kneipe hatte ein Klavier und ein Schlagzeug.“ Für Musiker war das der Himmel auf Erden, aber auch eine ständige Herausforderung: „Es gab Läden in Kansas City, die machten nie zu. Du konntest nie vorher wissen, ob nicht eines Morgens zu einer unmöglichen Zeit jemand an deine Tür klopfte und sagte: Steh auf! Nebenan wird gejammt!“

Die Kultur der Jam Session erreichte damals in Kansas City ihren Höhepunkt, und entsprechend gut war der Ruf der örtlichen Musiker. Jo Jones hatte jedenfalls gehörigen Respekt vor der Szene von KayCee und traute sich lange nicht dorthin. „Ich fühlte mich dem, was da passierte, nicht gewachsen und sagte mir: Es hat doch keinen Sinn. Du blamierst dich nur. Die können mehr als du.“ Nach seinem ersten Auftritt mit Count Basie in Kansas City sah sich der 22-Jährige in seinen Befürchtungen bestätigt: Er wollte sofort einpacken, abreisen und „wieder auf die Schule gehen“. Nur mit Mühe überredeten ihn die anderen Musiker, bei Basie zu bleiben – wenigstens 14 Tage lang, bis sie einen anderen Drummer gefunden hätten. Aus den 14 Tagen wurden 14 Jahre. Zumal als sich 1936 Count Basie und Walter Page zusammentaten, hätte sich Jo Jones keinen anderen Schlagzeug-Job in der Welt gewünscht.

Im gleichen Jahr machte sich die Basie-Band auf, Chicago und New York zu erobern. Da stellte sich dann heraus, dass der leichtfüßige, transparente Sound der Band für die großen Konzerthallen zu dünn war. Das Orchester wurde aufgestockt – aber das große Problem war die Rhythm Section. Wie konnte man sie erweitern, ohne ihr die locker-luftige Art zu nehmen? Die Lösung war Freddie Green, ein Rhythmusgitarrist, der Piano, Bass und Drums nur sanft unterstützen sollte. Diese Besetzung – Basie (Klavier), Page (Bass), Green (Gitarre) und Jo Jones – gilt bis heute als eine der großen, umwälzenden und folgenreichen Rhythm Sections der Jazz-Geschichte. Sie war verantwortlich dafür, dass das Count Basie Orchestra immer kühl und transparent wirkte: „Wenn man die Basie-Band hörte, hatte man das Gefühl, einer kleinen Band zuzuhören.“

Für Jo Jones war die Sache ganz einfach: „Bennie Motens Band (die Prä-Basie-Band) spielte einen Two-Beat-Rhythmus mit der Betonung auf eins und drei. Walter Pages Band betonte zwei und vier. Als diese beiden Rhythmen sich in Basies Band trafen, entstand ein gleichmäßig dahinfließender Strom – eins, zwei, drei, vier.“ Basie nannte das den „steady rump-rump-rump-rump“ in seiner Musik, andere sprachen von einem „heiteren Uhrwerk“. Dass der ebenmäßige Four-Beat-Swing so sanft und unaufdringlich abschnurrte („wie wenn man in Butter schneidet“), verdankte sich allerdings großer Arbeitsdisziplin. Stundenlang probte Basies Rhythm Section allein und übte ihren relaxten Puls. „Es sind immer vier Beats in einem Takt, die so gleichmäßig sein müssen wie unsere Atemzüge“, sagte Jo Jones. „Ein Mensch swingt nicht, wenn er irgendetwas vorwegnimmt.“

Aber Jo Jones erfand nicht nur den 4/4-Swing auf den Drums, er revolutionierte das Drumming überhaupt. Um seinem Spiel in der Basie-Band die gewünschte federnde Leichtigkeit zu geben, verlegte er den Grundbeat von der Basstrommel auf die Hi-Hat, die er immer leicht geöffnet hielt. Statt des starren Bum-Bum erhielt er so einen ständigen, flirrenden Beckensound, der den Beat mehr andeutet als markiert und die anderen Instrumente nicht zudeckt. Jones nannte das: „der Musik eine Chance zum Atmen geben“. Seine „singin’ hi-hat“ verlieh dem Jazz-Schlagzeug natürlich eine völlig neue Rolle: Es war nicht mehr bloß Taktgeber, sondern eine subtile, komplexe Reaktions-Maschine. Denn Mr. Hi-Hat gewann zugleich die Freiheit, mit Snare Drum, Rimshots und Basstrommel-Bomben beliebige Akzente zu schlagen und auf das musikalische Geschehen flexibel zu antworten.

„Wenn ein Drummer drei Schläge macht, schuldet er Jo fünf“: So witzig verdreht formulierte Max Roach die Bedeutung, die Jo Jones’ Neuerungen für das Schlagzeugspiel hatten. Roach gehörte zu Jo Jones’ Lieblingsschülern: Der Ältere ließ es sich nicht nehmen, immer wieder die Konzerte seines Schützlings zu besuchen und seine Entwicklung im Auge zu behalten. Wenn ihm etwas nicht gefiel, fällte er harsche, verletzende Urteile. Die Drummer des Bebop nannten ihn „Papa“, aber Jones war ein strenger, gefürchteter, allzu aufmerksamer Papa, der nicht nur Musik, sondern auch Moral lehrte. Schon seine Erscheinung verriet Disziplin: blaues Jackett, blaue Krawatte, Diplomatenköfferchen. So sehr seine schwarzen Augen strahlen konnten, wenn alles glatt und smooth swingte, so böse und durchdringend konnte er blicken, wenn ihm etwas missfiel. Seine Zornesausbrüche waren legendär.

In den 1950er und 1960er Jahren arbeitete „Papa“ Jones als Freelancer, trommelte auf den Tourneen von „Jazz at the Philharmonic“, begleitete Illinois Jacquet, Art Tatum, Coleman Hawkins, Sonny Stitt. Jones war einer der wenigen, die sich mit Lester Young fließend in dessen Hipster-Sprache unterhalten konnten. Noch aus seiner Varieté-Zeit stammte die berühmte Einlage, bei der er mit bloßen Händen trommelt, nicht nur aufs Drumset, sondern auf Tische, Stühle, Boden und Wände. In späteren Jahren soll er diese Glanznummer auf bis zu eine Stunde ausgedehnt haben. Im Bemühen, der Musik Leichtigkeit und Transparenz zu verleihen, wurde Jo Jones auch zum Emanzipator der Jazzbesen. Bei seiner Begräbnisfeier war es Roy Haynes, der dem Toten ein Paar Brushes in den offenen Sarg legte.

Neue Naturgesetze fürs Schlagzeug habe Jo Jones geschaffen, meinte der Jazz-Schlagzeuger Billy Hart einmal. Und Kollege Don Lamond gab zu Protokoll: „Jo Jones erinnert mich an den Wind. Er ist eine Klasse für sich und steht über allen Schlagzeugern, die ich je in meinem Leben gehört habe.“ Wie seine Schlagzeug-Schüler berichten, war „Papa“ Jones’ Spieltechnik noch viel phänomenaler als angenommen, doch beschränkte er seine virtuosen Demonstrationen auf den Unterricht. Wenn er Musik machte, stellte er sein Können niemals in den Vordergrund. Er ließ die Musik atmen und blies hindurch wie der Wind.

© 2005, 2011 Hans-Jürgen Schaal


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